cinetastic.de - Living in the Cinema

Kindeswohl

Geschrieben von Peter Gutting am 30. Juni 2018

Kindeswohl

Den Job eines Familienrichters stellt sich der Laie nicht als den aufregendsten der Welt vor. Scheidungen wie am Fließband, Routine bis zum Abwinken, jeden Tag dieselbe schmutzige Wäsche. Doch der Schriftsteller Ian McEwan machte eine andere Erfahrung, als er bei einer Gruppe von Richtern zum Dinner eingeladen war. Angeregt von den schwerwiegenden moralischen Dilemmata, mit denen sich die Hüter des Rechts Tag für Tag herumschlagen, schrieb er den Roman „Kindeswohl“. Und danach auch das Drehbuch für die kongeniale Verfilmung durch Richard Eyre.

KindeswohlFiona Maye (Emma Thompson), Richterin am Londoner High Court, fällt Urteile auf Leben und Tod. Bis spät in die Nacht sitzt sie am Laptop, um sich auf ihre Entscheidung über eine mögliche Operation siamesischer Zwillinge vorzubereiten. Werden die Babys nicht getrennt, sterben beide. Aber: Die Operation kostet einen von beiden das Leben. Die Eltern sehen darin „Mord“, die Ärzte jedoch sind verpflichtet, wenigstens den einen Zwilling zu retten. Entscheiden muss letztlich die Dame, die vor Gericht mit „My Lady“ anzusprechen ist und sich in die medizinischen Details naturgemäß erst einarbeiten muss.

Nicht jeden Tag werden siamesische Zwillinge geboren, könnte man denken. Und nicht jedes Mal muss einer sterben, damit der andere leben kann. Doch während der Zuschauer noch froh ist, dass er nicht in der Haut der erfahrenen, an solche Last gewöhnten Lady steckt, flattert ihr schon der nächste Fall auf den Schreibtisch – noch dringender als der vorige. Der fast 18-jährige Adam (Fionn Whitehead) ist schwer an Leukämie erkrankt. Nur eine Bluttransfusion kann ihn retten. Aber die lehnen er und seine Eltern aus religiösen Gründen ab. Wäre der junge Mann volljährig, dürfte er selbst entscheiden. Bis zum Geburtstag fehlen drei Monate. Solange gilt er als Kind und untersteht dem britischen Children Act von 1989. Demnach hat das Wohl des Kindes dem Gericht als oberste Richtschnur zu dienen.

KindeswohlAuch privat steckt die schlanke, immer korrekt in Schwarz gekleidete Rechtsdienerin in einer vertrackten Zwickmühle. Ehemann Jack (Stanley Tucci), ein selbstbewusster und attraktiver Geschichtsprofessor, bittet darum, eine Affäre haben zu dürfen. Begründung: Vor elf Monaten habe das Ehepaar zuletzt miteinander geschlafen, für Zärtlichkeiten sei keinerlei Raum mehr, seit Fiona einen schwierigen Fall nach dem anderen zu bewältigen hat. Die Richterin droht mit dem Ende der Ehe, aber Jack gibt nicht nach. Am Morgen danach geschieht im Gerichtssaal – wohl auch aufgrund der emotionalen Erschütterung – etwas Ungewöhnliches. Fiona unterbricht die Verhandlung über den Leukämie-Fall, um ins Krankenhaus zu fahren und mit dem jungen Mann zu sprechen. Eine Begegnung mit Folgen.

Ein Richter muss urteilen, ein Film nicht. Und deshalb gehört es zu den zauberhaftesten Kinoerfahrungen, wie sich Autor, Regisseur und Darstellerin Emma Thompson dieser erdachten Figur nähern. Ja, sie hat etwas Gefühlskaltes, überaus Kontrolliertes. Aber braucht sie das nicht, um ihre Arbeit zu tun? Und ja, sie hat ihre eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verloren. Aber ist sie deswegen ein Workaholic? Alles Fragen, die nicht so behandelt werden, wie man es von einer gängigen Kinogeschichte erwartet. Normalerweise wäre der Konflikt zwischen Härte und Mitgefühl Anlass für die klassische Heldenreise: Die Filmfigur startet mit einem persönlichen Defizit und muss eine Wandlung durchmachen, um zu einem kompletteren Menschen zu werden. Aber hier ist es anders. Die Figur ist einfühlsam und streng zugleich, der Konflikt lässt sich nicht wirklich lösen, er gehört zu dieser Arbeit, will man sie verantwortungsvoll tun, einfach dazu.

KindeswohlEmma Thompson hat in ihrer knapp 30-jährigen Filmkarriere viele eindrucksvolle Rollen gespielt. Man denke nur – schon ganz früh – an „Wiedersehen in Howards End“, für den sie 1992 den Oscar bekam. Aber in „Kindeswohl“ zeigt sie eine ganz besonders herausragende Leistung. Es ist, als würde man ihr beim Leben zuschauen, in seiner ganzen Komplexität, mit allen Widersprüchen. Was der Ehemann nicht mehr sieht oder nicht mehr sehen will – ihre tiefe Emotionalität – zeigt sie dem Zuschauer in jeder Geste, mit jedem Zucken des Mundwinkels, in jedem Blick. Und zwar nicht als Berührbarkeit, die verschüttet wurde und darauf wartet, neu entdeckt zu werden. Sondern als etwas, das immer da ist, bei aller berufstypischen Strenge. So gelingt dem Film, was auch den Roman auszeichnet: die tiefe Verbeugung vor jenen Menschen, bei denen die Entscheidung über moralisch unlösbare Fragen hängenbleibt. Dies sei eine Entscheidung des Rechts, nicht der Moral, sagt Fiona im Fall der siamesischen Zwillinge. Ein Satz, der als Motto für den ganzen Film gelten kann. Und ja, die Menschen haben auch dann Anspruch auf das Recht, wenn die Moral versagt.

Man könnte noch mehr loben an „Kindeswohl“, etwa die Raffinesse der Ausstattung, die vornehme Zurückhaltung einer gleichwohl präzisen Kamera oder die Überraschungen des Drehbuchs. All das hat der theatererfahrene Regisseur Richard Eyre („Tagebuch eines Skandals“) ganz in den Dienst des Schauspiels gestellt. Und Emma Thompson womöglich die Rolle ihres Lebens geschenkt.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Concorde

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
Kindeswohl

Länge: 105

Kategorie: Drama

Start: 30.08.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Kindeswohl

Kindeswohl

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 105
Kategorie: Drama
Start: 30.08.2018

Bewertung Film: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten