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Ein Lied in Gottes Ohr

Geschrieben von Peter Gutting am 13. Juni 2018

Ein Lied in Gottes Ohr

Mit der Religion ist in letzter Zeit nicht zu spaßen. Das weiß man spätestens seit den Mohammed-Karikaturen und den Anschlägen auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo. Manche Christen sehen das Abendland untergehen, manche Moslems greifen zum Sprengstoffgürtel. Eigentlich alles Gründe, den heiligen Ernst etwas zu lockern und dem Humor die Tore zu öffnen. Mit seiner neuen Komödie reitet der Franzose Fabrice Éboué auf der sanften Welle leichter Unterhaltung. Allerdings lotet sein Witz das Potenzial eines durchaus wichtigen Themas keineswegs aus.

Ein Lied in Gottes OhrEs ist, als würde der Regisseur nicht recht an seine Idee einer politisch relevanten Komödie glauben. Zumindest verkauft er sie zu Beginn als reinen Marketing-Gag. Der von Éboué selbst gespielte Musikproduzent Nicolas steht nämlich enorm unter Druck. Seine neue Chefin verlangt von ihm schwarze Zahlen, die nur durch ein völlig neues Konzept erreichbar scheinen. Das überfordert den in der Krise steckenden, von seiner Frau verlassenen Talentjäger. Nur Assistentin Sabrina (Audrey Lamy) glaubt noch an ihn. Nach zahllosen vergeblichen Versuchen von schwulem Rap bis Bikini-Pop verfallen sie auf eine schier unmögliche Idee. Wie wäre es, wenn man einen Priester, einen Rabbi und einen Imam dazu bringen könnte, zusammen die Klassiker des französischen Chansons zu singen? Quasi als künstlerische Harmonie unter den drei monotheistischen Weltreligionen.

Mit der aktuellen Renaissance religiöser Konflikte hat „Ein Lied in Gottes Ohr“ leider erstmal gar nichts am Hut. Nicolas und seine männerverschlingende Assistentin hätten genauso gut auf die Idee verfallen können, die drei Tenöre mit ein paar Walen und deren Gesängen auftreten zu lassen. Von der politischen Brisanz des Vorhabens ist selbst dann nichts zu spüren, als die beiden sich aufmachen, die richtigen Kandidaten für die etwas andere „Boygroup“ zu finden. Quälend lang gerät das Casting. Und das missglückte Timing lässt für die eigentliche Geschichte, den mühsamen Aufstieg der am Reißbrett entworfenen Band, nichts Gutes erwarten.

Ein Lied in Gottes OhrDenn es wimmelt von Klischees, als drei Kandidaten nur deshalb in die engere Wahl gezogen werden, weil sie im Gegensatz zu ihren bibel- koran- und thoratreueren Kollegen wenigstens singen können. Der Imam ist erstmal Fehlanzeige, für einen waschechten Moslem muss Moncef (Ramzy Bedia), ein versoffener Franzose mit algerischem Hintergrund, herhalten. Offenbar sind die muslimischen Geistlichen derart dogmatisch, dass sie für den Frieden der Weltreligionen überhaupt nicht zu haben sind.

Kaum besser kommt der Rabbi weg. Samuel (Jonathan Cohen) wird als zutiefst depressiver, kurz vor dem Selbstmord stehender Jude gezeigt. Aber nicht etwa, weil er mit den Anfeindungen gegen sein Volk hadert. Der Grund liegt, wie der Humor des ganzen Films, unter der Gürtellinie. Der frühere Rabbi hat bei einer Beschneidung versagt und einen bedauernswerten Jungen komplett entmannt.

Ein Lied in Gottes OhrIm Vergleich dazu ist Benoit (Guillaume de Tonquédec), der katholische Priester, wenigstens noch in Amt und Würden. An seiner moralischen und fachlichen Integrität gibt es nichts zu deuteln. Niemals würde sich der zölibatär lebende Gottesmann für weltliche Zwecke opfern und den Rockstar mimen. Allein die gute Sache, sprich das tropfende Kirchendach und die dafür zu verwendenden Konzerteinnahmen, bewirken den Sinneswandel.

So bleibt von den möglichen Konflikten zwischen den Religionen im Grunde nur der boulevardeske Klamauk. Die Imame dürfen keinen Alkohol trinken, die Katholiken keinen Sex haben. Und die Juden? Bei ihnen wenigstens hat sich Regisseur und Drehbuchautor gängige Klischees verkniffen. Stattdessen verpasst er dem Rabbi die Abhängigkeit von einem Nasenspray. Das Heilmittel ist zu Beginn tatsächlich harmlos, wird aber im Laufe des Films tatsächlich zu dem missbraucht, was man schon am Anfang ahnte.

Doch selbst auf Boulevard-Niveau zündet die Komödie nicht. Nicht einmal die viel gepriesene und meist auch tatsächlich vorhandene französische Leichtigkeit ist zu spüren. Alles ist absehbar, das meiste schwerfällig hinkonstruiert. Es scheint, als hätte das Ohnesorgtheater seine Biederkeit mit der Prüderie amerikanischer Komödien á la Judd Apatow gewürzt und das Ganze mit der teutonischen Gründlichkeit eines Til Schweiger durchgezogen.

„Ein Lied in Gottes Ohr“ greift ein aktuelles Thema auf und verschenkt es komplett an gängige Klischees. Der Film als ganzes scheint es genauso mit dem Marketing zu halten wie seine Hauptfigur: am Reißbrett entworfene Handlungsbögen, gepaart mit Späßen, die sich in repräsentativen Umfragen bewährt haben.

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Copyright: Neue Visionen

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Ein Lied in Gottes Ohr

Länge: 90 min

Kategorie: Comedy, Music

Start: 26.07.2018

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Ein Lied in Gottes Ohr

Ein Lied in Gottes Ohr

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Comedy, Music
Start: 26.07.2018

Bewertung Film: (3,5/10)

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