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Aus nächster Distanz

Geschrieben von Frank Schmidke am 20. Juni 2018

Zwei Frauen, die kaum unterschiedlicher sein könnten, müssen zwei Wochen mit einander verbringen. In dem Thriller des israelischen Regisseurs Eran Riklis muss eine Mossad-Agentin auf eine libanesische Überläuferin aufpassen, die von der Hamas gesucht wird. Die Geschichte und der Film haben durchaus einige gewinnende Elemente, verspielen aber auch viel Potential.

Die israelische Agentin Naomi (Neta Riskin) will zurück in den Außendienst. Da bietet sich die Gelegenheit, eine libanesische Überläuferin zwei Wochen in einem „Safe House“ zu beschützen. Mona (Golshifteh Farahani) hat ihren Sohn zurück gelassen, um dem militanten und terroristischen Treiben der islamischen Fundamentalisten einen Strich durch die Rechnung zu machen. Nun wird sie von der palästinensischen Organisation Hamas gejagt und hat vom Mossad, dem israelischen Geheimdienst, eine neue Identität und ein neues Geesicht bekommen. Doch während die plastische Chirurgie in Hamburg ausheilen muss, ist die Überläuferin angreifbar. Zu ihrem Schutz wird Naomi abgestellt. Die ist zuerst gar nicht begeistert, nimmt die Stelle aber an, um wieder rein zu kommen. Zudem versucht sie gerade schwanger zu werden und muss sich für die Hormonbehandlung regelmäßig Spritzen setzen.

Für Mona ist Naomi, die mit ihr die Wohnung in Hamburger Stadtteil Eppendorf teilt, der einzige Kontakt und notgedrungen kommen sich die Frauen näher, beginnen miteinander zu reden. Allerdings weiß Naomi nicht, wem sie wirklich trauen kann: Nicht nur die Hamas hat ihre Leute ausgeschickt, sondern auch ihr Chef verhandelt unter der Hand mit den Geheimdiensten des BND und des CIA, die beide gerne Zugriff auf die Infos der Überläuferin hätten.

„Aus nächster Distanz“ basiert auf der Kurzgeschichte „The Link“ der israelischen Autorin Shulamith Hareven und erschien in den 1980er Jahren. Schon seinerzeit befand der Regisseur Eran Riklis, dass die Story sich für eine Verfilmung eignen würde. Bis zur aktuellen Realisierung hat es dann doch seine Zeit gedauert. Das Drehbuch von Regisseur Eran Riklis („Die syrische Braut“, „Lemon Tree“) lebt von seiner kammerspielartigen räumlichen Enge in der Hamburger Wohnung. Gedreht wurde „Aus nächster Distanz“ auch tatsächlich in Hamburg und gibt so dem ohnehin schon doppeldeutigen Titel eine weitere Bedeutungsebene, denn beide Frauen befinden sich in dieser Situation fern ihrer Heimat.

Als Politthriller mit psychologischen Elementen ist „Aus nächster Distanz“ vielleicht vergleichbar mit Werken von John LeCarré, wenngleich auch nicht so ausgefeilt, wie man das von dem Altmeister des Thriller-Genres gewohnt ist. Aber auch seine verfilmte „Safe House“-Geschichte „Verräter wie wir“ gehörte nicht zu seinen besten Werken. Mit der Hollywood-artigen Action in „Safe House“ mit Ryan Reynolds und Denzel Washington hat „Aus nächster Distanz“ ebenfalls wenig am Hut, vielmehr ist Riklis‘ Film eher ein „Arthouse“-Thriller, der mit Spannungsmomenten haushaltet und vor allem auf Atmosphäre setzt.

Die Atmosphäre in der Hamburger Altbauwohnung ist sehr stimmig. Man kann die Anspannung ebenso spüren wie die nuancierte Veränderung in der Beziehung der beiden Frauen. Von feindlicher Ablehnung über die Schicksalsgemeinschaft bis hin zu freundschaftlicher Feststellung von Gemeinsamkeiten zeigen die beiden großartig aufspielenden Darstellerinnen eine sehenswerte Bandbreite an Distanziertheit und Nähe.

Allerdings verschenkt der Film auch Etliches von seinen Stärken. Statt die Intimität der Wohnung zu nutzen, um die beiden Frauen und die unterschiedlichen nationalistischen Befindlichkeiten, mit denen die beiden aufgewachsen sind, zu einem filigranen Psychogramm oder einem wort- und emotionsgeladenen Duell zu verdichten, verlässt sich Eran Riklis zu sehr auf die Thrillerhandlung und deren Spannung.

Es wirkt fast so, als wäre sich der Film gar nicht bewusst, welch große Chance er mit der hinreißenden Golshifteh Farahani („My Sweet Pepperland“, „Pattinson“) und der international bislang wenig bekannten Neta Riskin („Norman“) vor der Kamera hat. Die Dialoge der Frauen, sind, gelinde gesagt, genretypisch und die Annäherung der beiden eigentlich starken und mutigen  Frauen erfolgt über das klischeehafte Thema Kinder. Während Naomi mit Hilfe der Medizin versucht, ein Kind zu bekommen, vermisst Mona ihren Sohn, den sie zurücklassen musste, schmerzlich.

Die meiste Zeit des Films verbringt Golshifteh Farahanis Mona damit, Kopfverbände unterschiedlichster Ausprägung durchs Bild zu tragen und dabei wie eine altägyptische Pharaonin zu wirken. Gelegentlich wirft sie dabei mit ausdrucksloser Mine einige Konversationsfetzen in Richtung ihrer Wächterin. Neta Riskins Naomi schwankt zwischen professioneller Distanz und einer Zuneigung, die sie weit besser im Zaum hält, als dem Film gut tut. Am Ende überwiegt dann wieder das Thriller-Element und der Film schlägt Volte um Volte und zerstört auch damit mehr an Atmosphäre, als ihm gut tut.

Mit seinem zwölften Spielfilm kann der israelische Regisseur Eran Riklis nur bedingt punkten. Die Handlung bleibt im Rahmen des politischen Thrillers genreüblich und der Regisseur lässt seine Frauenfiguren einfach nicht von der Leine. So bleibt „Aus nächster Distanz“ am Ende ein leidlich aktueller Thriller zum Nahost-Konflikt.

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Länge: 93 Minuten

Kategorie: Drama, thriller,

Start: 09.08.2018

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Aus nächster Distanz

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 93 Minuten
Kategorie: Drama, thriller,
Start: 09.08.2018

Bewertung Film: (5/10)

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