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Meister der Träume

Geschrieben von Frank Schmidke am 2. Mai 2018

Wer hätte gedacht, ausgerechnet in Afghanistan auf einen Filmemacher zu stoßen, der weit über 100 Filme gedreht hat. Die französische Journalistin Sonia Kronlund begleitet den „afghanischen Steven Spielberg“ bei den Dreharbeiten zu seinem (seinerzeit 2016) aktuellen Film. Mit der Doku „Meister der Träume“ gelingt der Afghanistan-Expertin ein ebenso bizarrer wie erstaunlicher Einblick in ein gebeuteltes Land in der Dauerkrise.

Salim Shaheen ist ein Mann, der von sich überzeugt ist. Der Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler ist eher vom indischen Bollywood-Kino beeinflusst als von der amerikanischen Traumfabrik Hollywood. Weit über 100 Filme hat Salim Shaheen gedreht, als die Journalistin Sonia Kronlund bei einer Afghanistanreise auf einen seiner Filme aufmerksam wird, der in einem der wenigen Kinos in Afghanistan gezeigt wird.

Fasziniert von der Energie, der Unermüdlichkeit und der Naivität, mit der Shaheen seine Filme dreht, beschließt Sonia Kronlund ein Porträt über den afghanischen Filmemacher zu drehen. Der fühlt sich geschmeichelt und nimmt allen Raum ein, den ihm das westliche Filmteam lässt. Der große Mann der nicht existenten afghanischen Filmbranche ist ein Macher, der sich weder von fehlenden Studios noch vom Mangel an Schauspielerinnen oder von fehlenden Requisiten stören lässt.

Drehbücher gibt es selten, eher grobe Improvisationsrichtlinien für die Darsteller. Mit einigen wie etwa Qurban Ali arbeitet Salim Shaheen regelmäßig zusammen, denn in dem muslimischen Land ist es schwer, Frauen vor die Kamera zu bekommen. Ali hat die Nische erkannt und mimt in Shaleens Filmen die Damen. Aber angesichts der actionreichen Komödien, die meistens eine eher schlichte Dramaturgie und eine ebenso schlichte Handlung haben, passt diese gender-übergreifende Besetzung beinahe zum Gesamtbild. Denn Shaheen ist alles andere als der jugendlichere Held und Actionstar, den er so häufig in seinen Filmen gibt.

Aus westlicher Sicht wirken die Schnipsel aus Shaheens Filmen wie eine Mischung aus „Bud Spencer“-Komödien und soliden C-Movies der legendären Cannon-Productions aus den 1980ern mit einem knalligen Schuss Musik-und Tanzeinlagen à la Bollywood. Kein Wunder also, dass der Mann und sein Oevre außerhalb Afghanistans kaum bekannt sind. Für den egozentrischen Selbstdarsteller muss diese Doku und die Einladung zu dem Filmfestival in Cannes ein wahres Fest gewesen sein.

Würde man der Präsenz Salim Shaheens nichts entgegensetzen, der Film wäre wahrscheinlich schwer zu ertragen. Aber Sonia Kronlund gibt im Interview zu verstehen, sie habe schnell gemerkt, dass sie mit Shaheen vor der Kamera interagieren müsse, damit eine gewisse Dynamik entstehe. So spielt sie die ängstliche westliche Frau, gesteht allerdings auch tatsächliche Furcht während der Dreharbeiten. Der self-made Regisseur und seine Entourage reagieren darauf mit Spott und jovialer Überheblichkeit. Und so bekommt die Journalistin mal gezielt, mal unbeabsichtigt auch das Geschlechterverhältnis im afghanischen Islam thematisiert.

In dieser Beziehung ebenfalls erhellend sind die Dreharbeiten mit einer jungen Frau, die Schauspielerin werden möchte, aber am Set nur mit ihrem Vater auftaucht. Dem sind die Dreharbeiten nicht geheuer und er fürchtet konstant um den Ruf seiner Tochter. Zu Recht, wie man angesichts von selbstorganisierten Filmvorführungen sagen muss, denn vielen der Zuschauer gerade in abgelegenen Regionen sieht man beinahe an, wie sie versuchen das Gesehene einzuordnen und zu verarbeiten. Wenn kein Fernsehen für Dauerberieselung sorgt, entfaltet die Macht der Bilder eine ganz andere Wirkung als in westlichen Gesellschaften und es mag auch an Medienkompetenz fehlen.

Auf der anderen Seite muss man dem dokumentarischen Filmteam um Sonia Kronlund aber auch attestieren, dass sie das Land und auch die Expeditionen zu den Drehorten mit einer deutlich westlichen Brille sehen und dieses Afghanistanbild, das geprägt ist von Not, Armut und den tatsächlich ständigen Bedrohungen für Leib und Leben, auch in dem Dokumentarfilm „Meister der Träume“ vermitteln. So bleibt eine ambivalente Faszination, die dem geneigten Zuschauer ständig etwas zu denken gibt, ebenso Projektions- wie Reibungsfläche und eine skurrile kulturelle Fußnote aus einer fernen Region der Welt.

Die Doku „Meister der Träume“ über einen afghanischen Regisseur ist eine ziemlich schräge Angelegenheit. Die Filme von Salim Shaheen sind ebenso trashig wie bizarr, die Herangehensweise des Dokuteams wirkt bisweilen absurd am Gegenstand vorbei und gerade in der kontrastreichen Unvollkommenheit entsteht ein abstruses filmisches Kleinod.

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Copyright: Temperclay Film

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Länge: 85 Minuten

Kategorie: Documentary

Start: 03.05.2018

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Meister der Träume

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 85 Minuten
Kategorie: Documentary
Start: 03.05.2018

Bewertung Film: (8/10)

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