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Die Wunderübung

Geschrieben von Peter Gutting am 21. Mai 2018

Die Wunderübung

Therapiesitzungen sind eine Herausforderung für das filmische Erzählen. Die Wortlastigkeit und die Beschränkung des Raums müssen durch eine gut gebaute Geschichte kompensiert werden. Gelungen ist dies etwa bei François Ozons „Der andere Liebhaber“ (2017), Ben Youngers „Couchgeflüster“ (2005) oder Patrice Lecontes „Intime Fremde“ (2004). Auch die amüsante Komödie von Michael Kreihsl überrascht mit Wendungen, in denen sich der Therapeut in ungeahnter Weise ins Geschehen hineinziehen lässt.

Die WunderübungWien, ein sonniger Tag. Geschäftiges Treiben auf den Straßen, verliebte junge Menschen in der Trambahn. Zwei Eheleute mittleren Alters machen sich auf den Weg zum Paartherapeuten. Es ist ihre erste Sitzung und die Körpersprache spricht Bände. Gefühlte fünf Meter halten sie Abstand voneinander, blicken grimmig in entgegengesetzte Richtungen. Der Kontrast könnte nicht größer sein zwischen der vibrierenden Energie der Großstadt und den abgestorbenen Mienen.

Soviel Raum hat die Kamera nur in den ersten Minuten. Einmal in der großzügigen Praxis angekommen, mutiert der Film zum Kammerspiel. Dafür war die Geschichte ursprünglich auch konzipiert. „Die Wunderübung“ ist ein viel gespieltes Theaterstück von Daniel Glattauer. Drei Personen in einem schwierigen Setting, dem die Situationskomik von vornherein eingeschrieben ist – geradezu ideal für die Bühne mit ihren Beschränkungen von Zeit und Raum. Regie führte bei der Uraufführung am Wiener Theater in der Josefstadt übrigens ebenfalls Michael Kreihsl. Warum also aus dem Erfolgsstück noch einen Film machen? Vermutlich gibt es dafür ökonomische Gründe: den Wunsch, noch mehr Zuschauer zu erreichen. Aber der Film- und Theaterregisseur sah offenbar auch das filmische Potenzial in der wunderbar leichten und dennoch tiefgründigen Komödie. Im Wechsel von Totalen und Großaufnahmen gewinnt das Spiel mit Blicken und kleinen mimischen Andeutungen eine neue Tiefe.

Die WunderübungDie Ausgangslage ist so, dass sie auch fürs Boulevardtheater taugt. Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow) hauen sich im 17. Jahr ihres Ehelebens fast nur noch Anklagen um die Ohren. „In der Polemik sind Sie ein eingespieltes Team“, meint denn auch der zunächst namenlose Therapeut (Erwin Steinhauer). Hinzu kommt, dass Valentin als erfolgreicher Ingenieur für die Seelenklempnerei eine nur mühsam unterdrückte Verachtung hegt. Eine harte Nuss also für den „Herrn Magister“, wie ihn Valentin nennt, dem partout der Name des erfahrenen, angesehenen und erfolgreichen Paartherapeuten nicht einfallen will.

Die Klischees von der keifenden Ehefrau und dem nur noch genervten Gatten sind allerdings nur das „Zuckerl“ für ein breites Publikum. Ihm erzählen Kreihsl und die wundervollen Schauspieler eine andere Geschichte – nämlich die von den unvermeidlichen Problemen fast jeder längeren Liebesbeziehung. Schon in der Eingangssequenz lassen Szyszkowitz und Striesow die Sehnsucht nach der früheren Harmonie aufscheinen, die Verwunderung darüber, warum es so kam, wie es gekommen ist. In den „Wunderübungen“, die der Herr Magister mit ihnen anstellt, erweisen sie sich zwar als hoffnungslose Fälle. So weiß der eine immer schon, wie der andere reagieren wird, wenn er gefragt wird, was er an seiner Frau beziehungsweise an ihrem Mann schätzt. Und doch ziehen die Schauspieler immer auch eine zweite Ebene ein, die auch für die eigenen Erfahrungen der Zuschauer einen Raum zum Sinnieren öffnet.

Die WunderübungRichtig genial sind vor allem die Wendungen der nur scheinbar absehbaren Handlung. Sie heben die Probleme von Joana und Valentin endgültig auf eine universelle Ebene. Verraten darf man darüber natürlich nichts. Nur so viel: Am Ende wird der Zuschauer seine möglichen Ängste vor dieser Art von Beratung verlieren. Und einen realistischeren, von weniger Illusionen getrübten Blick auf die Komplexität enger Beziehungen gewinnen.

„Die Wunderübung“ ist eine herrlich leichte und wunderbar optimistische Variation von Szenen einer in die Jahre gekommenen Ehe. Mit seinen boulevardhaften Lockmitteln gelingt es dem österreichischen Regisseur Michael Kreihsl, einem breiten Publikum eine Therapiesituation nahezubringen, die noch immer von Tabus und Vorbehalten umgeben ist.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: NFP, Allegro Film, Wolfgang Thaler

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Die Wunderübung

Länge: 90 min

Kategorie: Comedy, Drama, Romance

Start: 28.06.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Comedy, Drama, Romance
Start: 28.06.2018

Bewertung Film: (7,5/10)

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