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Madame Aurora und der Duft von Frühling

Geschrieben von Frank Schmidke am 12. April 2018

Es gibt auf dem Arthaus-Sektor Filme, die kommen so unaufgeregt daher, dass man sich anfangs bemühen muss, sie nicht zu übersehen. „Madame Aurora“ ist so ein Film, der scheinbar einfach aus dem Alltag einer Frau mittleren Alters erzählt. Das hat seine Höhen und Tiefen, seine Dramatik und seinen Humor und vor allem eine ungekünstelte Lebendigkeit, der man in dieser Form viel zu selten im Film begegnet. Nicht nur Hauptdarstellerin Agnés Jaoui macht es einem leicht, sich schnell in diesem Drama mit komödiantischen Elementen zu Hause zu fühlen. Ein Frauenfilm, keineswegs nur für Frauen.

Es gibt so Momente im Leben, die gravierende Einschnitte bedeuten: so etwas wie ein Jobwechsel oder eine schwangere Tochter – und dann wieder gibt es Veränderungen, die sich eine ganze Zeit hinziehen können aber trotzdem für Unannehmlichkeiten und Verwirrung sorgen, wie die Wechseljahre oder die Menopause oder das Klimakterium. Ganz egal, Aurora (Agnés Jaoui) hat zuviel davon und das grundsätzlich immer zu unpassenden Gelegenheiten. Wie diese Hitzewallungen, die Aurora urplötzlich überkommen, bei einem Beratungsgespräch im Jobcenter zwar für Frauensolidarität sorgen, aber nicht für ein besseres Jobangebot.

Im Grunde allerdings ist die geschiedene zweifache Mutter Aurora ganz zufrieden mit ihrem Leben. Als Barfrau in einem Bistro kommt sie gut längs, bis ihr neuer Chef seltsame Allüren entwickelt, alberne „Künstlernamen“ für die Angestellten benutzt und hinter der Bar alles neu ordnet. Irgendwann ist es auch für die ebenso geduldige wie lebenslustige Aurora zu viel und sie kündigt.

Ihre beiden Töchter sind zwar schon erwachsen, brauchen ihre Mutter und deren Unterstützung allerdings schon noch. Die jüngere, Lucy (Lou Roy-Lecollinet), möchte ausziehen und die ältere, Marina (Sarah Suco), informiert ihre Mutter gerade, dass sie schwanger ist. Glücklicherweise ist auf Auroras beste Freundin Mano (Pascale Arbillot) Verlass, wenn es um Rat und Beistand geht.

Letztlich, und das weiß auch Aurora, wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und so bleibt auch noch Zeit, die Beziehung zu Christoph (Thibault de Montalembert) aufzufrischen. Der Arzt ging mit Aurora zur Schule, ist aber gerade erst nach La Rochelle zurückgekehrt (Ja, nicht alle Filmfranzosen leben in Paris!). Vielleicht ist da ja mehr drin als nur ein nostalgisches Abendessen.

Auf den ersten Blick wirkt „Madame Aurora und der Duft des Frühlings“ wie ein typischer Frauenfilm für die Zielgruppe um die Fünfzig, schließlich befindet sich die Hauptfigur gerade in diesem Abschnitt ihres Lebens. Und Aurora verhält sich zu den Veränderungen in ihrem Leben wie das Wasser eines Flusses, das auf einen Stein trifft, es umfließt das vermeintliche Hindernis und macht es zu einem organischen Bestandteil des Flussbettes.

Gerade weil „Madame Aurora“ seine Figuren so unvollkommen entwirft und ihre Sorgen, Nöte und Freuden so unverstellt aufzeigt, geht der Film auch auf die Zuschauer zu, es sollte beinahe jedem gelingen, sich in der einen oder anderen Figur zu spiegeln, die in der kleinen, aber quirligen Welt von Aurora auftaucht.

Die Zuschauer sollten sich jedoch nicht täuschen lassen. Die dargestellte Leichtigkeit, die Lebendigkeit der scheinbaren Alltagsbeobachtung hat durchaus ihre dramaturgische Verdichtung, nur eben keine zugespitzte, sondern eine solche, die darum weiß, dass das Leben nicht auf bestimmte Schlüsselereignisse zuläuft. In gewisser Weise ist „Madame Aurora“ ein Schauspielerfilm. Regisseurin Blandine Lenoir ist selbst auch Schauspielerin und das Drehbuch entstand scheinbar weniger aus einer engen Kooperation mit Koautor Jean-Luc Gadget, sondern vielmehr im Dialog mit den Darstellern.

Alles in „Madame Aurora und der Duft des Frühlings“ wirkt organisch und sehr einnehmend. Man schaut den Figuren auf der Leinwand einfach gerne zu, egal was sie gerade tun, denn sie sind mit Leidenschaft in ihrem Dasein verwurzelt. Irgendwie scheint diese lockere, alltägliche Art des Filmemachens eine französische Spezialität zu sein, denn schon „Das Leben ist ein Fest“ hatte eine ähnlich lockere Dramaturgie aufzuweisen und auch „Ein Kuss von Beatrice“ hatte diese unaufdringliche Qualität, die Dinge einfach anzunehmen, sich nicht vom Alltag unterkriegen zu lassen.

Wer sich dem Rhythmus und der Leichtigkeit dieser charmanten französischen Tragikomödie nicht verschließt, wird mit einem ebenso lebensklugen wie beschwingenden Filmerlebnis belohnt.

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Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Tiberius

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Länge: 89 Minuten

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 26.04.2018

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Madame Aurora und der Duft von Frühling

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 89 Minuten
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 26.04.2018

Bewertung Film: (7/10)

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