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HERRliche Zeiten

Geschrieben von Peter Gutting am 13. April 2018

HERRliche Zeiten

Herr und Knecht, dieses Verhältnis hat große Denker zu allen Zeiten fasziniert. Der junge Karl Marx stellte sich die Dialektik zwischen Unterdrückern und Unterdrückten grob vereinfacht so vor: Der Herr kann sich nur dann als Herr definieren, wenn es einen Knecht gibt, der sich ihm unterwirft. Dadurch ist der Herr abhängig vom Knecht, und irgendwann wird der Untergebene merken, dass er dank dieser Abhängigkeit eine Macht besitzt, von der er bislang nicht zu träumen wagte. Wie aktuell das Thema nach wie vor ist, zeigt Oskar Roehlers neuer Film, eine herrlich durchgeknallte Gesellschaftssatire.

HERRliche ZeitenEin älterer Herr steht im Trenchcoat vor einem Tor. Beinahe andächtig schaut er, wie sich die elektrisch betriebene Absperrung schließt. Schon ist der Porsche nicht mehr zu sehen, in dem der Villenbesitzer zu seinem Anwesen brauste. Der ältere Herr muss draußen bleiben, ausgeschlossen vom Luxus und der Genusssucht, die drinnen herrscht. Die Menschen hinter dem massiven Tor wollen von „denen da unten“ nicht gestört werden.

Dass die Angst vor dem gesellschaftlichen Absturz durchaus wörtlich zu nehmen ist, zeigt eine der nächsten Einstellungen. Villenbesitzerin Evi Müller-Todt (Katja Riemann), von Beruf Gartenarchitektin, steht mit dem Investor auf dem Rohbau eines mehrstöckigen Prachtbaus. Seine Geldgeber hätten leider die bereits zugesagten 23 Millionen wieder einkassiert, gesteht der aalglatte Geschäftstyp der fürs Grüne zuständigen Frau. Er bittet sie, schon mal die Treppen hinunterzugehen, er werde dann nachkommen. Dann springt er in den Tod, direkt vor die Füße der traumatisierten Evi.

HERRliche ZeitenSchon länger steht es um Evi und ihre Ehe mit dem Schönheitschirurgen Klaus (Oliver Masucci) nicht besonders gut. Antidepressiva halten sie mehr schlecht als recht auf den Beinen und auch Klaus fürchtet um den gemeinsamen Wohlstand, seit osteuropäische Konkurrenten das Fett der Kunden viel billiger absaugen. Schwung in die eingeschlafene Ehe bringt ausgerechnet der Herr Bartos (Samuel Finzi) aus der Eingangsszene, der eben noch draußen stand. Er meldet sich auf eine Anzeige, in der Klaus aus einer Rotweinlaune heraus einen „Sklaven“ gesucht hatte, obwohl eigentlich eine Haushaltshilfe gemeint war. Bartos und seine junge Frau Lana (Lize Feryn) möchten die gesuchten Sklaven sein. Sie verlangen nichts anderes, als gratis dienen zu dürfen. Im Gegenzug bieten sie ein blitzblankes Haus, formvollendete Sterne-Menüs und ein ausgefeiltes Wellness-Programm.

Dienen, klagt Bartos, sei genauso aus der Mode gekommen wie Befehlen. Vor allem Evi tut sich anfangs schwer damit, sich nicht am laufenden Band für das kostenlose Verwöhnprogramm zu bedanken. Klaus hingegen findet Gefallen an einem zunehmend herrischen Ton. Er entdeckt seine Freude an der offenen Ausbeutung und Menschenverachtung. Nach und nach fallen alle zivilisatorischen Schranken und das Böse – eines von Roehlers Lieblingsthemen – hat freie Bahn.

HERRliche ZeitenWie viel Spaß der Regisseur an der freien Verfilmung von Thor Kunkels Roman „Subs“ (2011) hatte, zeigt sich allein schon an dem Besetzungscoup mit Oliver Masucci, der vor drei Jahren in der Mediensatire „Er ist wieder da“ Adolf Hitler verkörpert hat. Für diejenigen, die den Film gesehen haben, legt sich das Leinwand-Image von Masucci ständig über die unaufhaltsame Wandlung des Schönheitschirurgen zum Herrenmenschen. Doch damit nicht genug. Roehler steckt den Möchtegerndiktator in grelle Anzüge und verpasst ihm einen derart breiten rheinischen Akzent, dass in der Neureichen-Attitüde zugleich der Tonfall von Joseph Goebbels mitschwingt, den Moritz Bleibtreu in Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ (2010) so treffend karikiert hat.

Man mag sich fragen, was Thor Kunkel, der Autor der Vorlage, von der antinazistischen Interpretation seines Werks hält. Kunkel hat nämlich in seinem Zweitberuf als Werbefachmann inzwischen Wahlkampagnen für die AfD gestaltet. Von Roehler zumindest bekommt man zu der politischen Haltung seines Schriftstellerfreundes keine eindeutige Antwort. Was denn so schlimm daran sei, dass Kunkel ein Rechter sei, fragt Roehler im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen“. Und wettert dagegen, dass es in Deutschland nicht möglich sei, mit „Dingen aus dem Giftschrank“, zum Beispiel SS-Uniformen oder Goebbels-Reden, zu spielen. Gegen „politische Korrektheit“ zu polemisieren und die Grenzen des guten Geschmacks auszutesten, war eben schon immer Roehlers Lieblingsbeschäftigung.

Das schmälert jedoch nicht den Unterhaltungswert dieser Groteske einer Wohlstandsgesellschaft, die sich fürs Anstellen von Schwarzarbeitern, von illegalen Pflegekräften und billigen Putzhilfen keineswegs zu schade ist. Der Biss des über die Stränge schlagenden Films liegt gerade darin, dass er bei aller Übertreibung dem Zuschauer keine einfache Distanzierung gönnt. Sich auf dem Nachhauseweg zu fragen, wann man das letzte Mal von ausgebeuteten Ausländern profitiert hat, ist nicht der schlechteste Effekt eines Films, der sich von einem AfD-Anhänger inspirieren ließ.

„HERRliche Zeiten“ ist wieder ein echter Roehler-Film geworden: im guten Sinne wild, respektlos und provokativ. Trotz der Hasstiraden gegen die Filmbranche in seinem jüngsten Roman und trotz des Flops mit seinem vorigen Film zeigt der Regisseur, dass mit ihm weiterhin zu rechnen ist.

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Copyright: Concorde

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HERRliche Zeiten

Länge: 110 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 03.05.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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HERRliche Zeiten

HERRliche Zeiten

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 110 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 03.05.2018

Bewertung Film: (7,5/10)

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