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Die Augen des Weges

Geschrieben von Peter Gutting am 15. April 2018

Die Augen des Weges

In den 1980er-Jahren war ein Autoaufkleber sehr beliebt, der sich auf eine indianische Weisheit berief. „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann,“ stand da zu lesen. Dem lässt sich schwer widersprechen. In ihren spirituellen Lebensweisheiten verkörpern indianische Völker ein Leben im Einklang mit der Natur, das dem westlichen Fortschrittsglauben diametral entgegensteht. Der neue Dokumentarfilm des Peruaners Rodrigo Otero Heraud ist inhaltlich wie formal eine tiefe Verbeugung vor dem Volksglauben und den Traditionen der in den Anden lebenden Indios.

Die Augen des WegesEin Berg bei Nacht, unter sternenklarem Himmel. Konturenscharf zeichnet sich das Weiß der schneebedeckten Gipfel gegen das Dunkel ab. Würde dieses Bild länger stehen bleiben, würde man sich tief in es versenken, würde man bereits glauben, was einem der Film in den nächsten 88 Minuten nahebringen möchte: dass da etwas Heiliges in den Himmel ragt, dass ein Gott dort wohnen könnte. Und dass man, wenn man nur lange genug im Einklang mit dieser erhabenen Natur leben würde, irgendwann die Stimme des Berges hören würde.

Und noch etwas machen die ersten Einstellungen klar. Den Zuschauer erwarten keine spontanen, aus dem Moment geborenen Bilder, schon gar keine Wackelkamera, wie man sie aus den meisten Dokumentationen kennt. Was hier am Schneidetisch das Okay bekam, sind magische Landschaftsaufnahmen, für die Regisseur und Kameramann Otero Heraud lange auf den richtigen Moment und das günstigste Licht warten musste. Nichts ist hier bloße Natur, alles ist zugleich spirituell. Man kann es auch göttlich nennen, denn nach dem Glauben der andinen Indio-Kulturen sind nicht nur die heiligen Berge, die sie Apus nennen, Gottheiten, sondern auch Mutter Erde sowie das Wasser und der Nebel.

Die Augen des WegesSchon bald taucht Hipólito Peralta Ccama in der grandiosen Landschaft auf. Er wandert durch die Berge, bedächtig und andächtig, ohne viel Gepäck. Manchmal sieht man ihn in der freien Natur schlafen, ohne Zelt, in vollkommener Einheit und Versöhnung mit den Elementen. Aus der Ankündigung des Films ist zu erfahren, dass Hipólito als Grundschullehrer arbeitet. Aber das ist für den Film kaum von Belang. Wichtig ist seine Funktion als spiritueller Weiser, als jemand, der den Volksglauben kennt und nach ihm lebt. Hipólitos Stimme hören wir fast ausschließlich aus dem Off. Dort spricht er so etwas wie ein Lehrgedicht. Er verkündet Weisheiten, nach denen sein Volk lange gelebt hat. Es ist ein geschlossenes Weltbild, das das Leben des Einzelnen genauso anleitet wie das der Gemeinschaft. Ein Ganzes, das Religion, Moral, Poesie und Lebensphilosophie umfasst. Es klingt fast wie eine einhalbstündige Predigt und man muss schon eine wohlwollende Haltung mitbringen, um die häufigen Wiederholungen und die zahlreichen Variationen des Immergleichen genießen zu können.

Manchmal wechselt der Film von Farbe in Schwarz-Weiß. Zwingende Gründe gibt es dafür nicht, es handelt sich weder um Träume noch um Rückblenden oder Archivmaterial. Eher fühlt es sich so an, als müsste sich der Film von Zeit zu Zeit von der Opulenz seiner Bilder erholen, ein wenig durchschnaufen in der Distanz schaffenden Farblosigkeit. Auf der inhaltlichen Ebene hingegen gibt es keinen Abstand zu der wie eine Andacht wirkenden Verehrung der alten Volksweisheiten. Keinen Platz hat etwa die Frage, warum diese Kulturen bedroht sind, wenn sie den Menschen doch ein Leben in vollkommener Harmonie, gegenseitiger Hilfe und Abwesenheit von Not bieten. Ebenso bleibt unhinterfragt, inwieweit die spirituellen Lehren an ein bäuerliches Leben in einfacher Tauschwirtschaft gebunden sind und welche Entbehrungen und Härten ein solches Leben mit sich bringt.

Die Augen des Weges„Wer eilig geht, hat ein Herz aus Stein“, heißt es einmal. Beschleunigung macht krank. Solche Botschaften treffen natürlich auf offene Ohren bei allen, die unter der Hektik des modernen Lebens leiden. Und es ist ja nicht so, dass der Film abgesehen von seinen allzu einfachen Lehren nichts zu bieten hätte. Zur Entschleunigung laden die meditativen Bilder allemal ein. Mit seiner Naturverehrung und den sanften Kameraschwenks darf sich der peruanische Regisseur zur Riege all jener Filmemacher zählen, die im Kino das Transzendentale, das Übersinnliche in oder hinter der abfilmten Wirklichkeit suchen.

„Die Augen des Weges“ ist allen zu empfehlen, die die weltanschaulichen Lehren eines einfachen Lebens im Einklang mit der Natur teilen. Er dürfte auch für Freunde des meditativen oder des transzendentalen Kinos eine Bereicherung sein. Wer jedoch weniger zivilisations- oder konsumkritisch eingestellt ist, wird vermutlich Probleme mit dem langsamen Rhythmus und der unkritischen Hommage an das bäuerliche Leben haben.

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Die Augen des Weges

Länge: 88 min

Kategorie: Documentary

Start: 10.05.2018

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Die Augen des Weges

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 88 min
Kategorie: Documentary
Start: 10.05.2018

Bewertung Film: (6/10)

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