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Zwei Herren im Anzug

Geschrieben von Peter Gutting am 9. März 2018

Zwei Herren im Anzug

Mit Holzhacken kennt er sich aus. Der Schauspieler und Waldbesitzer Josef („Sepp“) Bierbichler hat die schweißtreibende Tätigkeit einmal einen ganzen Theaterabend lang betrieben. 2006 war das, an der Berliner Schaubühne, in dem von ihm selbst inszenierten Stück „Holzschlachten. Ein Stück Arbeit“. Ein grober Klotz scheint auf den ersten Blick auch Bierbichlers zweiter Spielfilm zu sein, eine krude Mischung aus Theater, Literatur und philosophischen Sprüchen. Doch der erste Eindruck trügt. Je länger das mehr als zweistündige Werk dauert, desto filmischer wird die Erzählung einer Jahrhundertgeschichte über drei Generationen.

Zwei Herren im AnzugSanft gleitet die Kamera über den See. So tief, dass man Lust bekommt, in die sanften Wellen zu greifen. So langsam, dass sie die ganz besondere Atmosphäre der Landschaft in sich aufsaugt, eines der schönsten Flecken des an barocken Reizen gewiss nicht armen Bayernlandes. Der Starnberger See und die beschauliche Uferwirtschaft, auf die die Kamera letztlich zusteuert, werden zu Mitspielern in einem Film, der seine universellen Bezüge aus der genauen Verankerung bezieht. Das betrifft vor allem den hier lebenden Menschenschlag und seine bayerische Mundart, die in der nahen Metropole München schon wieder ganz anders klingt.

Zwei Herren im AnzugDrinnen in der Gastwirtschaft löst sich im Jahr 1984 gerade eine Trauergesellschaft auf. Theres (Martina Gedeck) ist gestorben, die Seewirtin. Zurück bleiben ihr Mann Pankraz (Josef Bierbichler) und der gemeinsame Sohn Semi (Simon Donatz). Lange hat der 35-Jährige nicht mehr mit seinem alten Herrn gesprochen. So schleppend wie die Kommunikation an diesem Nachmittag beginnt auch der Film. Wie auf dem Theater schleichen die beiden um die große, nun verlassene Tafel, stehen mal auf, holen sich neues Bier und Schnaps, wechseln die Stühle. Es scheint, als sei in dieser Rahmenhandlung ein laienhafter Theaterregisseur auf die einfallsloseste aller möglichen Ideen verfallen und habe den beiden eine Schachtel mit alten Fotos auf den Tisch gestellt. Die sollen die Erinnerungen und damit die chronologisch angeordneten Rückblenden in Gang bringen. Zugleich scheint das Theater über wenig Personal zu verfügen, sodass mehrere Rollen von denselben Schauspielern verkörpert werden müssen. Josef Bierbichler (Jahrgang 1948) spielt den Pankraz als Erwachsenen sowie dessen Vater. Simon Donatz, im realen Leben der älteste Sohn Bierbichlers, spielt den Pankratz als jungen Mann sowie dessen Sohn Semi.

Zwei Herren im AnzugDoch genug der Verwirrung, die Geschichte ist an sich ganz einfach. Sie basiert auf Bierbichlers Roman „Mittelreich“ und beginnt im Jahr 1914, als Pankraz‘ älterer Bruder in den Ersten Weltkrieg zieht. Daraus kehrt er zwar lebend, aber mit einer Kugel im Kopf zurück, die ihn wirre, antisemitische Reden halten lässt. Pankraz, der äußerst talentierte Sänger, ist 1918 bereits auf dem Sprung zu einer Opernkarriere. Aber als der ältere Bruder endgültig für geisteskrank erklärt wird, nimmt der Vater den Jüngeren in die Pflicht: entweder Übernahme von Landwirtschaft und Gasthaus oder Enterbung. Pankraz meint zu hören, wie der See zu ihm spricht. Er entscheidet sich gegen die Kunst und für die Rolle, die ihm die Landschaft und die Herkunft zugedacht haben. Aber auch er hat die Rechnung ohne das Jahrhundert und seine Kriege gemacht.

Zwei Herren im AnzugEs fällt zunächst schwer, diesem Pankraz nahe zu kommen. So wie er da redet, durchzogen von Analyse und philosophischen Sätzen über das Erinnern, spricht kein Mensch, schon gar kein ein bayerischer Gastwirt und Bauer. Die Annäherung an einen sperrigen Menschen ist selbst sperrig, Sie führt durch wunderschön poetische Schwarz-Weiß-Aufnahmen, etwa wenn auf dem See Mariä Lichtmess gefeiert wird, mit festlich gekleideten Menschen, die in Booten übers Wasser gleiten und aus einem Traum stammen könnten. Überhaupt ist es die ganz eigene Verbindung von Realismus und Überhöhung, die den Film stark macht. In der Prägung eines einzelnen Lebens durch ein wahnhaftes Jahrhundert liegt eben auch etwas Erdrückendes, nur auszuhalten durch das Ausweichen in Opernbilder und Naturmystik.

Am schönsten sichtbar wird das in der zentralen, weit ausholenden Fasnachtsszene etwa in der Filmmitte. Draußen tobt ein Sturm, während drinnen im Saal 1954 die beste Narrenmaske gekürt werden soll. Da beginnt die Kamera zu tanzen, fangen die Sinne an zu taumeln, während die Altnazis in frivoler Hitlermaske das Schicksal der jungen deutschen, von „Negern“ diktierten und von Flüchtlingen überschwemmten Demokratie karikieren.

Man würde sich nicht wundern, wenn in der ganz eigenen Mischung von Realismus und bayerischer Volksmystik plötzlich Herbert Achternbusch um die Ecke kommen würde, Bierbichlers enger Freund aus Jugendtagen und damaliger Lebensgefährte seiner Schwester Annamirl. Eine andere Reminiszenz an den jungen deutschen Film hat es jedenfalls in Bierbichlers alterskluge Analyse des 20. Jahrhunderts und seiner Prägung für die Gegenwart geschafft. Irm Hermann darf Pankratz‘ ältere Schwester Philomena so spielen, wie sie es immer bei Rainer Werner Fassbinder tat: eine wunderbar hysterische Figur, deren übersteigerte Verklemmtheit ins Surreale driftet.

Man legt die Latte nicht zu hoch, wenn man Bierbichlers filmische Jahrhundert-Analyse in eine Reihe stellt mit Edgar Reitz‘ erster Heimat-Serie und dem unterschätzten Bildungsroman „Quellen des Lebens“ von Oskar Roehler. Indem Bierbichler einen vorurteilsfreien Blick auf die Generation seines Vaters wirft, befreit er ein Trauma von der Sprachlosigkeit, das über Generationen nachwirkt.

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Copyright: Marco Nagel, Gordon Muehle, X Verleih AG

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Zwei Herren im Anzug

Länge: 139 min

Kategorie: Drama

Start: 22.03.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Zwei Herren im Anzug

Zwei Herren im Anzug

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 139 min
Kategorie: Drama
Start: 22.03.2018

Bewertung Film: (7,5/10)

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