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Back for Good

Geschrieben von Peter Gutting am 15. März 2018

Back for good

„Unterschichtenfernsehen“ nannte der Entertainer Harald Schmidt die Privatsender und ihren Reality-Trash wie „Big Brother“ und Konsorten. Doch so einfach kann man das Gespenst einer zunehmenden Verrohung der Unterhaltungsbranche nicht abtun. Auch Gutverdienende schalten die diversen Häme-Olympiaden ein, in denen Menschen verlacht und gedemütigt werden. Für einen Spielfilm scheint dieser Stoff wenig Anknüpfungspunkte zu bieten, denn zu Identifikationsfiguren taugen die „Z-Promis“ nicht. In ihrem Langfilmdebüt hat sich die Filmhochschulabsolventin Mia Spengler dennoch an das Thema gewagt – in einer erstaunlich gelungenen Gratwanderung.

Einen solchen Auftritt hat sie tausendmal geprobt: Brust raus, Kinn vor und dann im Glitzer-Fummel festen Schritts ins Scheinwerferlicht. Der Ex von Angie (Kim Riedle) und seine schwangere Frau sind diesmal das Opfer ihrer Skandalwut. Ob er denn vergessen habe, dass er seine Frau für sie verlassen wollte, schreit sie ihn an. So dass alle Partygäste es hören können – und vor allem der Klatschreporter, der schon längst die Kamera gezückt hat. Der Triumph und die Aufmerksamkeit gehören wieder einmal ihr, dem blondierten Luder mit den krassen Sprüchen, das vor nichts zurückschreckt, was Schlagzeilen und Klicks bringt.

Dabei ist Angie eigentlich ganz unten. Für nichts und wieder nichts hat sie einen Kokain-Entzug gemacht, denn von der Klinik wollte sie direkt ins „Dschungelcamp“, um die eigenen Suchtprobleme öffentlichkeitswirksam zu vermarkten. Dachten zumindest sie und ihr Manager, der zugleich der eben bloßgestellte Ex ist. Aber eine Kokserin mit Rückfallgefahr war der Redaktion dann doch nicht skandalträchtig genug. Den begehrten Platz in der Ekelshow bekam eine andere. Nicht mal eine Couch zum Schlafen gibt es für die wohnungslose Angie. Am Ende landet sie bei der verhassten Mama (Juliane Köhler) und auf der Luftmatratze neben der pubertierenden Schwester Kiki (Leonie Wesselow).

Back for goodNein, als Sympathieträgerin stellen uns die Regisseurin und ihre Co-Autorin Stefanie Schmitz das abgehalfterte Starlet nun wirklich nicht vor. Eher als Egomanin, die vor lauter Selbstsucht sogar das Leben ihrer epilepsiekranken Schwester aufs Spiel setzt. Aber die beiden Drehbuchautorinnen sind klug genug, die anfänglich grobe Karikatur mit immer nuancierteren Strichen nachzubessern. Hat der hochnäsige Möchtegern-Promi nicht auch etwas entwaffnend Ehrliches an sich? Kann sich Angie nicht viel besser in ihre kranke Schwester hineinversetzen als die überbesorgte Mutter? Und zeugt ihr ungebrochener Kampfgeist im tiefsten Sumpf nicht auch von einer inneren Stärke?

Fast in jeder Szene ist die respektvolle Kamera nah bei der grell geschminkten Kunstfigur, deren gestylte Fassade zu bröckeln beginnt. Aber die Demontage erfolgt nicht von außen, nicht aus der Vogelperspektive des sich abgrenzenden TV-Zuschauers, der schon immer alles über den Trash wusste und doch nicht davon loskommt. Mia Spengler versucht, ihre eigene anfängliche Abneigung gegenüber ihrer Figur zu überwinden und sie von innen heraus zu verstehen. Dabei vermeidet sie explizite Erklärungen zugunsten der genauen Beziehungsstudie der beiden Schwestern. Ist Angie der halb so alten Pubertierenden nicht ungewöhnlich nahe? Teilt sie hinter der coolen Fassade nicht deren Selbstzweifel, die Suche nach Anerkennung, das Hadern mit vermeintlichen körperlichen Mängeln?

Back for good„Back for Good“ spricht solche Vermutungen nicht aus, aber die kluge Inszenierung bereitet den Boden für eine unerwartete, nach und nach wachsende Empathie. Im feinen Austarieren der schonungslosen Trash-Analyse mit ehrlichem Interesse am individuellen Schicksal liegt die Stärke des außergewöhnlich gut geschriebenen Debüts. Dabei helfen die genaue Recherche und die überzeugenden Schauspielleistungen über ein paar konstruiert wirkende Familienkonstellationen hinweg.

„Back for Good“ zeigt in schockierender Klarheit, mit welch menschenverachtenden Mechanismen die Trash-TV-Macher ihre Quoten pushen. Aber das Debüt von Mia Spengler ruht sich nicht auf distanzierter Besserwisserei aus. Indem die Regisseurin tiefer liegende Motive aus dem Inneren ihrer Figur heraus erforscht, gibt sie ihr eine zweite Chance. Und damit auch dem Millionenpublikum, das von der Häme nicht lassen kann.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: NFP, Falko Lachmund

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Back for Good

Länge: 95 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 31.05.2018

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 95 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 31.05.2018

Bewertung Film: (6,5/10)

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