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Thelma

Geschrieben von Frank Schmidke am 27. Februar 2018

Eine junge Frau kommt aus ihrer hinterwäldlerischen Kleinfamilie in die große Stadt und bekommt erst einmal Identitätsprobleme. Welches Ausmaß an Verwirrung die junge „Thelma“ in dem mysteriösen Thriller-Drama von Joachim Trier zu erleiden hat, sorgt für fesselnde Kinounterhaltung und einen modernen Horrorfilm, der nicht nur der jungen Hauptdarstellerin Elli Harboe eine vielschichtige Charakterrolle ermöglicht, sondern auch durch seine gestylte Ästhetik besticht.

Es ist müßig sich zu fragen, wie verschieden Joachim Triers („Oslo, 31.August“) jüngster Film auf den Zuschauer gewirkt hätte, hätte der norwegische Regisseur seinen Prolog weggelassen oder an anderer Stelle des Films aufblitzen lassen. In der Anfangssequenz ist in der Dämmerung der norwegischen Wälder ein bärtiger Mann mit einem Gewehr unterwegs und hat ein Kind mit dabei. Was man zunächst als pädagogisch übertrieben frühe Jagdlektion auffasst, stellt sich als unmögliche Aufgabe für den Mann mit dem Gewehr heraus, der das Mädchen hier in die Wildnis geführt hat, um es zu erschießen, dazu aber nicht in der Lage ist.

Als die junge Thelma (Elie Harboe) als junge Erwachsene dann zum Studium in die norwegische Hauptstadt Oslo aufbricht, hat sie jenen Jahre zurückliegenden Jagdausflug mit ihrem Vater Trond (Henrik Rafaelsen) längst vergessen. Und während sich Trond nun ganz um seine im Rollstuhl sitzende Frau Unni (Ellen Dorit Petersen) kümmern muss, hat Thelma zunehmende Schwierigkeiten, sich in das Sozialgefüge an der Uni einzufinden.
Ihre Mitstudenten ziehen Thelma wegen ihrer Abstinenz und ihrer strengen und religiösen Erziehung auf und die Stadt bietet viel zu viele Ablenkungen für eine junge Frau vom Land. Allein Anja (Kaya Wilkis) ist nett zu Thelma.

Verwirrender Weise verliebt sich Thelma aber Hals über Hopf in die neue Freundin und die emotionale und hormonelle Verwirrung löst bei Thelma nicht nur Kopfschmerzen aus, sondern epilepsieartige Anfälle.
Ihren weit entfernten Eltern lügt Thelma einen heilen Studienalltag vor, froh, der sozialen Kontrolle entkommen zu sein. Aber nach einer Untersuchung im Krankenhaus werden auch der Hausarzt und die Eltern informiert und Thelmas besorgter Vater kommt zu Besuch.

Im Grunde ist die Geschichte, die „Thelma“ erzählt, eine schlichte Coming-of-age-Story, wie sie klassische Horror-Filme verwenden. Mit dem Erwachen der weiblichen Sexualität wird auch eine übernatürliche, unkontrollierbare Macht entfesselt. Darin unterscheidet sich „Thelma“ nicht von Stephen Kings „Carrrie“, der ja bereits zwei Mal verfilmt wurde. Aber Filmmacher Joachim Trier leugnet derartige Einflüsse gar nicht, sondern betont explizit, dass er und sein langjähriger Co-Autor Eskil Vogt mit „Thelma“ eine nordische Hexengeschichte erzählen wollten, die Horrorfilme der 1980er Jahre und italienische Giallo-Elemente aufnimmt und auf moderne Weise interpretiert.

Das Konzept geht vollends auf; auch weil Kameramann Jakob Ihre („Eine Familie“) für tolle, sehr atmosphärische Bilder sorgt. Der Look von „Thelma“ in seinen urbanen Momenten ist dem von Tom Tykwers „The International“ nicht unähnlich; zumindest in der Art und Weise, wie die moderne Architektur zum Stilelement der Erzählung wird.

Ein deutlich engere Verwandschaft hat „Thelma“ allerdings mit dem dänischen Mystery-Thriller „When Animals Dream“, in dem Jobas Alexander Arby 2014 eine moderne, dänische Werwolf-Geschichte erzählte. Nicht nur die an den Rollstuhl gefesselten Mutterfiguren und die verwirrten jungen Frauengestalten ähneln sich, sondern vor allem die Art, wie Spannung erzeugt wird, indem die innere Anspannung der Protagonistin nach außen gekehrt wird. Gleichfalls ist beiden Filmen eine starke emanzipatorische Komponente eigen und eine Grundhaltung, die eindeutig nicht die Sexualität und ihre Ausprägungen verteufelt, sondern die gesellschaftliche Haltung, die mit Repression und Ausgrenzung reagiert.

Dass „Thelma“ dieses Thema wiederum in den Kontext medizinischer Untersuchungen rückt, ist eine weitere Ebene, auf der sich der Film trefflich als symbolische Gesellschaftskritik interpretieren ließe. Aber Thelmas Geschichte ist von Joachim Trier und Eskil Vogt stark genug konstruiert, um auf vielschichtige Weise zu wirken. Darin liegt eine große Qualität diese spannenden norwegischen Thriller-Dramas, einige unerwartete Wendungen inklusive.

Mit dem Mystery-Drama „Thelma“ geht der norwegische Filmmacher Joachim Trier neue Wege. Statt dokurealistischer Dramen nun also die mysteriöse Selbstfindung einer jungen Frau. Mit nordischer Düsternis und eine gehörigen Portion psychologischer Spannung ist „Thelma“ ein formal und inhaltlich funkelnder düsterer Diamant.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Koch

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Länge: 116 Minuten

Kategorie: Drama, Fantasy, Mystery

Start: 22.03.2018

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Thelma

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 116 Minuten
Kategorie: Drama, Fantasy, Mystery
Start: 22.03.2018

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