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Loveless

Geschrieben von Peter Gutting am 9. Februar 2018

Loveless

„Szenen einer Ehe“: Das Drama von Ingmar Bergman hat den russischen Regisseur Andrey Zvyagintsev nach eigener Aussage zu seinem neuen Film inspiriert. Daraus lässt sich zweierlei schließen. Erstens leidet der diesjährige Gewinner des Regiepreises in Cannes nicht unter falscher Bescheidenheit, was seinen Platz in der Filmgeschichte betrifft. Zweitens lenkt er die Aufmerksamkeit geschickt auf die universelle Dimension seines filmischen Meisterwerks. In Russland hat er ja schon Ärger genug. Deshalb lässt er in Interviews verlauten, er sei eher ein Clown als ein Dissident. Sein jüngster Film widerspricht dem. Doch wie jedes gelungene Kunstwerk lässt er sich nicht auf die gesellschaftlich-politische Dimension reduzieren.

LovelessEine junge, schlanke Frau verausgabt sich auf einem Laufband. Nichts Ungewöhnliches in unserer auf Body-Forming getrimmten Zeit. Erstaunlicher schon, wo dieser Hometrainer steht. Nicht im Keller oder im Wohnzimmer. Nein, draußen auf dem Balkon. In der frischen Luft, die man auch auf den nahegelegenen Wegen genießen könnte. Aber nein, die Frau rennt und kommt doch nicht voran. Auf ihrem Trainingsanzug steht „Russia“. Ein Hinweis auf das Hamsterrad einer Nation? Oder sogar auf einen bestimmten, auf Selbstdarstellung getrimmten Zeitgeist in allen kapitalistischen Ländern? Das weiß man nicht. Die Interpretation bleibt dem Zuschauer überlassen.

Regisseur Andrey Zvyagintsev zelebriert einen Inszenierungsstil, der dem Betrachter Lust auf Spurensuche macht. In seinen alltäglichen und zugleich wie hypnotisch aufgeladenen Einstellungen liegen verschiedene Deutungsebenen übereinander. Eine Küche ist hier nicht einfach nur eine Kochstätte. Es ist ein Ort, in der pausenlos ein Fernseher läuft – kein ungewöhnliches Phänomen in Russland. Und in der die junge Hauptdarstellerin pausenlos auf ihr Handy starrt, nicht auf den größeren Bildschirm. Die Besessenheit vom Smartphone geht so weit, dass nach dem Aufwachen erst einmal eine App zur Traumanalyse bemüht wird. Hey Handy, was hat das zu bedeuten?

LovelessDie Szenen einer Ehe spielen sich ab zwischen Zhenya (Maryana Spyvak) und Boris (Alexey Rozin). Es sind – wie bei Bergman – hässliche Szenen. Wie es halt so geht, wenn man nach zehn, zwölf Jahren zu der Überzeugung gelangt, man habe die besten Jahre für einen Partner geopfert, der einem keine Liebe zurückgebe. Aber, und hier beginnt der entscheidende Unterschied zu Bergman, die titelgebende Lieblosigkeit erstreckt sich in diesem Fall auch auf den zwölf Jahre alten Sohn Alyosha (Matvey Novikov). Boris ist der Meinung, die Sorge für das Kind sei nicht sein Problem, da Alyosha natürlicherweise bei der Mutter bleiben müsse. Zhenya hält dagegen, dass sie dieses Kind nur Boris zuliebe bekommen habe. Was die beiden nicht wissen: Alyosha hört im Nebenzimmer alles mit. Unbemerkt zieht er sich mit Weinkrämpfen in sein Zimmer zurück. Am nächsten Tag verlässt er das Haus und bleibt spurlos verschwunden.

Emotionen brechen schockartig ein in das kalte, von Abneigung und Gleichgültigkeit geprägte Alltagseinerlei. Sie sind auf der Leinwand nur kurz und extrem heftig zu sehen, danach geht der lieblose Trott weiter. Aber die emotionale Erschütterung bleibt in den Kleidern des Zuschauers hängen, beinahe wie in einem Horrorfilm. Dabei weidet sich „Loveless“ nicht an der Beschreibung charakterlicher Defizite, führt seine Protagonisten nicht in jeder Einstellung als emotionale Monster vor, von denen man sich bequem distanzieren könnte.

LovelessStattdessen lässt Andrey Zvyagintsev seinen Figuren Raum, auch ihre liebevolleren Seiten zu zeigen: in den Beziehungen zu jeweils neuen Partnern. Hier scheint etwas von der Aufbruchsstimmung und dem emotionalen Halt durch, die anfangs auch die Liebe zwischen Zhenya und Boris geprägt haben mögen. Aber diese Szenen sind nicht ohne Hintersinn. Begehen die Scheidungswilligen mit ihren neuen Partnern nicht dieselben Fehler wie in ihrer Ehe?

So weit, so düster. Aber „Loveless“ widmet sich mit Hingabe einem Gegenmodell zur vorherrschenden gesellschaftlichen und persönlichen Kälte. Zwar strotzt der Polizeiapparat vor Bürokratie und sieht sich nicht in der Lage, den verschwundenen Jungen zu suchen. Aber es gibt eine Organisation von ehrenamtlichen Helfern, die die staatliche Lücke stopft. Ihrem Humanismus spürt die Kamera (Mikhail Krichman) in alltäglichen Gesten nach: in der Beharrlichkeit des Nachfragens, in der Unermüdlichkeit des Einsatzes und in dem immer durchscheinenden Bewusstsein vom Ernst der Lage. Alles Eigenschaften, die den Eltern seltsamerweise abhanden gekommen sind.

Wie schon der Vorgänger „Leviathan“ (2015) ist Andrey Zvyagintsevs neuer Film für den Auslands-Oscar nominiert. Mit „Loveless“ macht der Russe erneut deutlich, warum er derzeit der international erfolgreichste Regisseur seines Landes ist. Seine Filme entfalten einen ästhetischen Sog und eine thematische Vielschichtigkeit, die lange nachhallen.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Wild Bunch

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Loveless

Länge: 127 min

Kategorie: Drama

Start: 15.03.2018

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Loveless

Loveless

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 127 min
Kategorie: Drama
Start: 15.03.2018

Bewertung Film: (8/10)

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