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Heilstätten

Geschrieben von Frank Schmidke am 15. Februar 2018

„Haunted House Horror“ made in Germany! Mit seinem fünften Film als Regisseur entführt der deutsche Filmemacher Michael David Plate einen Haufen klick-geiler YouTuber in eine stillgelegte Heilanstalt in der Nähe von Berlin, in der die Nazis auch so ihre Experimente gemacht haben sollen. Dass die Hauptfiguren ihren Lebensunterhalt als Prankster und Vlogger verdienen, sagt schon einiges über die anvisierte Zielgruppe aus. Aber wurden Horrorfilme nicht immer für unerschrockenen junge Leute gemacht?

Letzten Endes ist es egal, ob die Nazis in der als Heilstätte bekannt gewordenen Krankeneinrichtung in den Wäldern Brandenburgs tatsächlich Euthanasie betrieben haben. So zumindest will es uns die Hintergrundgeschichte in Michael David Plates Horror-Film „Heilstätten“ weismachen. Aber es ist auch ein Symptom, dass in einem deutschen Horrorfilm, der in der filmischen Tradition anderer Spukhäuser steht, irgendwann auch nochmal das dunkle Erbe das Nationalsozialismus‘ herhalten muss, selbst wenn es nur das „Böse“ des Ortes verdeutlichen soll.

Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Allerdings hätten die „Heilstätten“, mit denen unzweifelhaft jenes Sanatorium in Beelitz gemeint ist, das um die Wende zum 20. Jahrhundert als Lungenheilanstalt für Arbeiter errichtet wurde und das heute noch als größte Krankenhausanlage im Raum Berlin unter Denkmalschutz steht, es als Handlungsort für einen Gruselfilm überhaupt nicht nötig gehabt, noch Nazi-Schrecken mitzuschleppen.

Aber worum geht es in „Heilstätten“ überhaupt? Nicht wenige junge Menschen, nicht nur in der westlichen Welt, beziehen einen Großteil ihrer Freizeit-Unterhaltung und ihrer Informationen aus dem Internet-Video-Kanal YouTube. Wer es schafft, auf dieser Plattform eine Gefolgschaft aufzubauen, ist häufig genug eine gemachte Person und kann seinen Lebensunterhalt mit dem Betreiben eines Videokanals bestreiten.

Man muss den Followern allerdings auch etwas Sensationelles bieten, etwas, was Aufmerksamkeit erregt und auch angesehen wird. Und während Marnie (Sonja Gerhard) mit ihren Challenges (Herausforderungen) meistens kaum Leute anspricht, die sich dafür interessieren, ob jemand seine größte Angst überwinden kann, haben es Charly (Emilio Sakraya) und Finn (Timmi Trinks) mit ihren Pranks (Streichen) geschafft und sind Deutschlands erfolgreichste YouTuber. By the way: Ein Prank ist mehr als nur ein simpler Anglizismus für einen Streich. Ein Prank ist wesentlich cooler und definitiv viel durchdachter in seiner Absicht, Leute hinters Licht zu führen.

Wie auch immer: Finn und Charly haben da so eine Rivalität mit Vanessa (Farina Flebbe) laufen, wer mehr Klicks und Follower hat. Und so fordern die beiden Prankster die Beauty-Queen zu der ultimativen Challenge heraus: 24 Stunden in den Heilstätten auszuhalten, wo es spuken soll. Kumpel Theo (Finn Oliver Schultz) hat den Kontakt, weil er hier als Geschichtsstudent gelegentlich Führungen macht, und so findet sich die Posse in den Ruinen der Heilanstalt wieder, wenig später stößt noch Marnie dazu, denn die war mit ihrem Ex, Theo, früher schon mal da und weiß, dass es hier spukt.

Filmemacher Michael David Plate („Kartoffelsalat“) dreht seine Filme schon immer irgendwie unabhängig und derb dem Genre verhaftet, bisweilen möchte man meinen, er lege es auf Bad Taste an, aber nicht nur „Heilstätten“ ist handwerklich mehr als solide ausgefallen. Die Figurenzeichnung mit ihrem angesagten Hipster-Sprech und der bei der scheinbar daueraufgeregten Jugend unverzichtbaren verbalen Hysterie ist zwar nervtötend, aber in sich durchaus stimmig. Und so kann sich auf dem denkmalgeschützten Gelände ein genretypischer Grusel-Thriller entfalten, der unterhaltsam mit den Versatzstücken aus Spukhaus und Hospital-Horror spielt. Dabei sind die Anleihen beim „Blair Witch Project“ unübersehbar, aber um fair zu bleiben, ist das gesamte YouTube-Phänomen ja selten etwas anderes als mit der Wackelkamera des Mobiltelefons aufgenommener Alltagshorror.

Man könnte also allein die Machart von „Heilstätten“ schon als nerdige metaphysische Mehrfachbrechung des Sujets begreifen, wenn die Protagonisten einem nicht ständig in die Betrachtung der Bilder quatschen würden und damit so ziemlich jede gruselige Atmosphäre gleich wieder zunichtemachen. Unterm Strich ist „Heilstätten“ wohl doch vor allem ein Horror-Film, der sich an eine jugendliche Zielgruppe richtet. Und darin ist „Heilstätten“ als deutscher Genre-Beitrag keinen Deut schlechter als amerikanische Beiträge wie „Ouija“ oder „Unknown User“.

Auch wenn die Charaktere einem mit ihrem sensationsheischenden Gelaber ziemlich schnell auf den Senkel gehen, das Szenario ist effektiv und unheimlich. Weniger Kamera-Perspektiven und etwas weniger Botschaft wäre dann am Ende vielleicht effektiver gewesen, aber: „Heilstätten“ hat starke Momente und ist ein gut besetzter, solider Genrebeitrag, auch und gerade weil die Location ziemlich beeindruckend ist.

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Wir vergeben daher 5,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: 20th Century Fox

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Länge: 89 Minuten

Kategorie: Horror

Start: 22.02.2018

cinetastic.de Filmwertung: (5,5/10)

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Info

Heilstätten

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 89 Minuten
Kategorie: Horror
Start: 22.02.2018

Bewertung Film: (5,5/10)

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