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Arthur & Claire

Geschrieben von Peter Gutting am 2. Februar 2018

Arthur & Claire

Josef Hader ist nicht nur als Kabarettist, sondern auch im Kino eine Marke – spätestens seit der Trilogie um den abgehalfterten Privatdetektiv Brenner. Zwar war es eine unvergessliche Erfahrung, ihn in Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ einmal ganz anders erleben zu dürfen: ernsthafter, nachdenklicher, schweigsamer. Doch ist es immer wieder schön, wenn er den „echten“ Hader gibt. So auch in der Tragikomödie von Miguel Alexandre, deren Thema wundervoll zu der leisen Melancholie des ewigen Grantlers passt. Hier spielt er nämlich einen Lebensmüden.

Arthur & ClaireAlles soll perfekt sein für Arthurs (Josef Hader) Flug von Wien nach Amsterdam. Aber alles geht schief. Erst wirft ihm ein vorlauter, ewig herumzappelnder Junge das Sektglas um. Dann hat die Leihwagenfirma den luxuriösen Siebener-BMW, den er extra im Voraus bestellt und bezahlt hatte, anderweitig vergeben. Zwar preist ihm die junge Dame hinter dem Schalter überschwänglich den neuen Mercedes als bessere Alternative an. Doch Arthur will keinen Mercedes, um keinen Preis der Welt. Eher schon wirft er das Geld zum Fenster hinaus, geht zum nächsten Anbieter und blättert noch mal die Summe für den BMW hin.

Nicht, dass er mit dem bevorzugten Fahrzeug Größeres vorhätte. Es wird ihn nur ins Hotel und zum nahe gelegenen Krankenhaus bringen. Dort wartet sein Freund und Arzt Sebastian (Rainer Bock). Der soll ihm am nächsten Tag einen Gefallen tun, der nur in der Schweiz und den Niederlanden legal ist: den an Lungenkrebs Erkrankten mit einer tödlichen Spritze vor dem Ersticken bewahren. Doch in seiner letzten Nacht wird Arthur von lauter Musik aus dem benachbarten Hotelzimmer gestört. Er hämmert gegen die Tür und trifft eine verzweifelt wirkende junge Frau. Claire (Hannah Hoekstra) ist gerade dabei, eine Überdosis Schlaftabletten zu schlucken.

Arthur & ClaireNatürlich ist Sterben nicht lustig. Aber wenn man Josef Hader heißt, lässt man sich das ewige Granteln auch vom Sensemann nicht vermiesen. Wie lange er nach der Spritze noch wach sei, fragt er den Arzt. 30 Sekunden, lautet die Antwort. Daraufhin der Todgeweihte: „Überleg‘ dir bis morgen einen Witz. Aber einen kurzen“. Keinen Spaß versteht der Lebensmüde jedoch, wenn es ums Sterben der Anderen geht, in diesem Fall von Claire. Und so kommt es, dass aus der einsamen Nacht im Hotelzimmer ein turbulenter Streifzug durch Amsterdam wird, getrieben von wechselseitiger Abneigung der beiden höchst gegensätzlichen Streithähne, im Stil einer romantischen Komödie.

Das kammerspielartige Zwei-Personen-Stück basiert auf einer Vorlage des auf Boulevardtheater spezialisierten Autors Stefan Vögel. Ein bisschen davon scheint auch im Drehbuch noch durch, das der Regisseur zusammen mit Hader geschrieben hat. Etwa wenn auf den Klischees der käseverrückten Holländer mit ihrem niedlichen Rudi-Carell-Deutsch herumgeritten wird. Aber die knackigen, meist schwarzhumorigen Dialoge zielen auf etwas anderes. Sie lassen hinter dem Zynismus der Lebensverachtung eine verschüttete Sehnsucht durchblicken. Offenbar ist es lange her, dass die beiden ungleichen Selbstmörder das letzte Mal gelacht, geschweige denn ernsthaft mit jemandem gesprochen haben. Die Lust aufs Leben liegt zunächst ausschließlich in den Bildern der Stadt, im Glitzern des Wassers oder in den bunten Lichtern der Fahrradtaxis. Später, wenn sich die beiden genug aneinander gerieben haben, um ein wenig Wärme in die Gesichter zu zaubern, darf die Szenerie kälter werden, nicht mehr so niedlich wie in der Bilderbuch-Altstadt mit ihren Grachten.

Arthur & ClaireAnsonsten fokussiert die Kamera meist auf die Gesichter, während der Hintergrund unscharf bleibt. Das fordert den beiden Darstellern eine hohe Präzision ab. Nichts darf forciert oder unnatürlich wirken angesichts der nicht ganz taufrischen Grundidee von den Lebensmüden, die einander beim finalen Akt stören. Dabei gelingt die Gratwanderung zwischen glaubhaften Schicksalsschlägen und lebensklugem Humor der niederländischen Newcomerin (Shootingstar bei der Berlinale 2017) genauso wie dem österreichischen Routinier. Nur einen Schwachpunkt hat das Drehbuch: Die besten Pointen spart Hader für seine eigene Rolle auf. Seiner rhetorisch unterlegenen Partnerin schreibt er eher die Action ins Skript. An entscheidenden Wendungen agiert sie ihren Protest im Weglaufen aus.

Aus einer abgegriffen wirkenden Grundidee macht der zweite Kinofilm des TV-Spezialisten Miguel Alexandre ein leises, von klugen Dialogen lebendes Kammerspiel. Josef Hader läuft an der Seite einer mehr praktisch veranlagten Frauenfigur zu melancholischer Hochform auf. Für Hader-Fans ein Muss. Und eine Empfehlung für alle, die die feine Balance zwischen Humor und Trauerspiel zu schätzen wissen.

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Arthur & Claire

Länge: 100 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 08.03.2018

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 100 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 08.03.2018

Bewertung Film: (6,5/10)

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