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1000 Arten, Regen zu beschreiben

Geschrieben von Peter Gutting am 9. Februar 2018

1000 Arten, Regen zu beschreiben

„Hikikomori“ nennt sich ein Phänomen, das vor allem in Japan bekannt ist: Jugendliche schließen sich in ihrem Zimmer ein. Nicht für Tage oder Wochen, sondern für Monate oder Jahre. Die Produzentin Melanie Andernach hat schon einen Dokumentarfilm über die Sozialverweigerer betreut. Doch das Thema ließ sie nicht los. Zusammen mit der Autorin Karin Kaci schrieb sie den ersten Entwurf für einen Spielfilm und gewann die Debütantin Isa Prahl dafür, die Regie zu übernehmen. Allerdings wird der japanische Begriff für „sich zurückziehen“ in deren erstem Langfilm gar nicht erwähnt. Ganz bewusst will die Regisseurin die Zuschauer genauso ratlos mit dem Phänomen konfrontieren wie die verzweifelten Angehörigen. Ein erzählerisches Experiment.

1000 Arten, Regen zu beschreibenSanft fährt die Kamera auf die verschlossene Tür zu. Lediglich ein paar äußere Beschädigungen und der Lichtschein aus dem verschlossenen Zimmer sind zu sehen, sonst nichts. Schnitt: Die Kamera hat sich hinter drei Personen positioniert, die mit dem Rücken zur Kamera vor der Tür stehen. Sie singen „Happy Birthday“. Daraufhin ertönt von drinnen laute Schlagzeugmusik. Mit diesen beiden Einstellungen ist die Grundkonstellation von „1000 Arten, Regen zu beschreiben“ etabliert. An ihr wird sich nichts Wesentliches ändern. Die Tür bleibt zu, den gerade 18 gewordenen Mike bekommen Vater Thomas (Bjarne Mädel, Mutter Susanne (Bibiana Beglau) und Schwester Miriam (Emma Bading) nicht zu Gesicht. Jeder Kontaktversuch bleibt erfolglos. Auf die Toilette geht Mike nur, wenn die anderen weg sind oder schlafen. Auch das vor die Tür gestellte Essen holt er sich nur, wenn die Luft rein ist. Ab und zu schiebt er einen Zettel durch die Tür. Darauf beschreibt er unterschiedliche Arten von Regen, entweder vor Ort oder in anderen Teilen der Erde.

Die Regisseurin lehnt es bewusst ab, irgendetwas von Mike oder von der früheren Familiengeschichte zu erzählen. Als spärlichen Hinweis erfährt der Zuschauer lediglich, dass die Situation seit zwei Monaten anhält und dass die Familie nach eigener Auskunft (gegenüber einem Arzt) alles versucht hat, mit Mike ins Gespräch zu kommen.

1000 Arten, Regen zu beschreibenZu sehen ist lediglich der entnervte Ist-Zustand: die vergeblichen Versuche der Eltern, einen Rest von Normalität zu retten, und der zunehmende Kontrollverlust, nicht nur über den Sohn, sondern auch über die anderen und am Ende über sich selbst. Was der Film angesichts der selbst auferlegten Beschränkungen erzählen kann, ist nur der weitere Zerfall der Familie. Was sollen die drei verbliebenen Mitglieder tun, außer zwischen Wut und Verzweiflung hin- und herzupendeln? Sie könnten sich höchstens eine Art Ersatzsohn oder Ersatzbruder suchen. Das tun sie dann auch, aber dies wirkt ausgedacht und konstruiert.

Dennoch funktioniert der Film zumindest streckenweise. Das liegt nicht an der Erzählung, sondern an der visuellen Machart und an den Leistungen der Schauspieler. Regisseurin Isa Prahl hat ein Händchen für Atmosphäre und Stimmungen. Oft stellt sie die Darsteller ins Dunkel, sodass man nur mit Mühe ihre Gesichter erkennt: Nicht nur Mike hat sich zurückgezogen, auch die anderen scheuen das Licht und die Reaktion des sozialen Umfelds. Mike sei verreist, heißt es. Der Schein einer intakten Familie soll gewahrt werden. Folglich verheißt das Tageslicht nichts Gutes. Es blendet, wirkt leicht ins Albtraumhafte verfremdet. Meist bleibt die Kamera starr, passt sich der Gemütsverfassung der Figuren an. Erst in der zweiten Filmhälfte, wenn der Abstieg in die seelische Hölle zugleich etwas Leben in die gebeutelten Familienmitglieder bringt, macht sich auch das filmische Auge selbstständiger.

1000 Arten, Regen zu beschreiben„Lassen Sie ihm Zeit“. So lautet der Rat des Arztes, bei dem die verzweifelte Restfamilie Hilfe sucht. Auch der Film, der sich sonst strikt jeglicher Psychologisierung verweigert, scheint mit diesem Motto zu liebäugeln. Indem er die Aufmerksamkeit von der verschlossenen Tür abzieht und Vater, Mutter und Schwester auf eine je eigene Reise schickt, singt er das Hohelied des Loslassens. Die Geschichte wirkt dadurch wie eine Versuchsanordnung: Bricht man aus der Dynamik einer Kleinfamilie ein Element heraus, dann müssen die drei anderen ein neues Gleichgewicht finden.

„1000 Arten, Regen zu beschreiben“ besticht durch seine stimmungsvolle Ästhetik und sein Gespür für familiäre Spannungen. Die bewusste Verweigerung psychologischer oder soziologischer Erklärungen wirkt hingegen weniger verstörend als ernüchternd. Was zunächst als erzählerisches Experiment und Bruch mit gängigen Mustern erscheint, erweist sich am Ende als schematisch und allzu simpel.

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1000 Arten, Regen zu beschreiben

Länge: 91 min

Kategorie: Drama

Start: 29.03.2018

cinetastic.de Filmwertung: (5/10)

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1000 Arten, Regen zu beschreiben

1000 Arten, Regen zu beschreiben

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 91 min
Kategorie: Drama
Start: 29.03.2018

Bewertung Film: (5/10)

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