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Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Geschrieben von Peter Gutting am 14. Januar 2018

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Märchen, Monsterfilm und Politthriller – nur wenigen Regisseuren gelingt es, derart unterschiedliche Genres zu einer ungeahnten Harmonie zu verschmelzen. Der Mexikaner Guillermo del Toro ist einer von ihnen. Seine staunenswerte Romanze über eine stumme Putzfrau und ein Flussungeheuer zählt schon jetzt zu den wichtigsten Filmen des noch jungen Jahres 2018.

Shape of Water – Das Flüstern des WassersVielleicht ist es ja die geheimnisvolle Kraft des Wassers, die Grenzen aller Art ins Fließen bringt – die zwischen Realität und Märchenwelt, zwischen Frau und Fabelwesen, zwischen sozialer Ausgrenzung und politischer Utopie. Jedenfalls taucht die Kamera von Dan Lausten zu Beginn des Films erst einmal ab. Zu heiteren Klängen schwebt sie in geheimnisvollen Tiefen, in denen sich allmählich die Umrisse menschlicher Behausungen abzeichnen, nicht unähnlich dem Beginn von „Titanic“, einer anderen übergroßen Liebesgeschichte. Nur sind es hier nicht Schiffskabinen, sondern Stühle und ein Sofa, die sanft über die Leinwand gleiten. Darauf gebettet: eine schlafende junge Frau.

Wie kann man von ihr erzählen? Das fragt sich auch die Stimme im Voice-Over, die sich jetzt meldet. Sie gehört Giles (Richard Jenkins), dem schwulen Nachbarn von Elisa (Sally Hawkins), der stummen Putzfrau, um die es geht. Giles nennt Elisa eine „Prinzessin ohne Stimme“. Und mit dieser Verbeugung vor einer Seelenverwandten der wunderbaren Amélie trifft er den poetischen Kern ihres Wesens ganz gut. Elisa verzaubert den Alltag, indem sie die Magie der kleinen Dinge beschwört. Auf dem Weg zur Arbeit legt die Musical-Verehrerin ein paar Stepschritte hin, das tägliche Bad verschönert sie mit einem sexuellen Solo und beim regelmäßigen Besuch in Giles Wohnung entschweben die beiden in die Welt des Tanzfilms.

Shape of Water – Das Flüstern des WassersMüsste man die Prosa von Elisas Leben beschreiben, würde sich das so anhören: Die stumme Außenseiterin arbeitet in den frühen 1960ern als Putzfrau in einem Hochsicherheitstrakt der US-Regierung. Dort wird eines Tages ein gefährliches Monster aus dem Amazonasgebiet angeliefert. Das doppelte Atemsystem des Zwitters aus Fisch und Mensch (in einem hautengen Kostüm verkörpert von Doug Jones) soll den Amerikanern während des Kalten Krieges wissenschaftliche Erkenntnisse liefern. Die Russen möchten das verhindern und wollen das Monster töten. Doch auch der amerikanische Sicherheitschef Richard Strickland (Michael Shannon) geht nicht zimperlich mit dem fremdartigen Wesen um. Er traktiert es mit einem Elektro-Schlagstock und beschließt irgendwann, mittels Vivisektion, also einem Aufschneiden bei lebendigem Leib, hinter das Geheimnis der Kreatur zu kommen. Derweil jedoch hat sich Elisa dem Amphibienmann angenähert. Sie gibt ihm zu essen, spielt ihm Musik vor, kommuniziert über Zeichen. Und fasst einen tollkühnen Plan. Zusammen mit Giles und ihrer afroamerikanischen Kollegin Zelda (Octavia Spencer) will sie den Geliebten befreien.

Shape of Water – Das Flüstern des WassersGewiss, die prosaische Nacherzählung klingt wie ein krude konstruiertes Märchen für Erwachsene. Doch del Toros Filmsprache ist eben nicht die Prosa, sondern die Poesie. Oder, wenn man so will, eine ganz eigene Version des poetischen Realismus. „Fantasie an die Macht“ lautet das Motto. Und das darf man wörtlich nehmen. Del Toro schreibt die Geschichte der 1960er Jahre um. Nicht die weiße Mittelschicht, die klischeehafte Familie mit Vorort-Häuschen, Cadillac, zwei Kindern und Frau am Herd hat letztendlich die Hand am Drücker der Macht. Es sind die Ausgestoßenen und Verachteten am unteren Rand der sozialen Spaltung, die Behinderten, Schwulen und Schwarzen, die die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Bei aller Fantastik und bei aller Verliebtheit in die Filmgeschichte bleibt del Toro auch auf dem Boden der sozialen Tatsachen. Wer sich bei der Schilderung des um seine Vorherrschaft bangenden weißen Mannes an den jüngsten Präsidentschaftswahlkampf erinnert fühlt, liegt mit seiner Vermutung genau richtig. Von der Angst vor allem Fremden ganz zu schweigen.

Apropos Filmgeschichte: Sally Hawkins hat als quirlige Poppy in Mike Leighs „Happy-Go-Lucky“ schon einmal einem cineastischen Meilenstein ihren Stempel aufgedrückt. Zehn Jahre danach ist ihre Figur ebenso heiter, aber noch eine Spur tiefgründiger und versonnener angelegt. Eigentlich wird alles, was diese Schauspielerin anfasst, zu einem Juwel, auch wenn sie nur in einer Nebenrolle besetzt wird. Doch die wunderbare Elisa ist eindeutig der Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere.

„Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ macht eine Story glaubhaft, die es in ihrer bildgewaltigen Fantastik nur im Kino geben kann. Guillermo del Toro vereint große Momente der Filmgeschichte unter dem Dach einer der wundersamsten Romanzen aller Zeiten. Dass man ihm den Zwitter aus Märchen und Politthriller abkauft, wenn man kein unverbesserlicher Naturalist ist, zählt zu den schönsten Geschenken des jungen Kinojahres.

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Wir vergeben daher 8,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: 20th Century Fox

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Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Länge: 123 min

Kategorie: Adventure, Drama, Fantasy

Start: 15.02.2018

cinetastic.de Filmwertung: (8,5/10)

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Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 123 min
Kategorie: Adventure, Drama, Fantasy
Start: 15.02.2018

Bewertung Film: (8,5/10)

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