cinetastic.de - Living in the Cinema

Julian Schnabel – A Private Portrait

Geschrieben von Frank Schmidke am 5. Januar 2018

Auf unterschiedlichen Gebieten erfolgreich zu sein, zieht oft verstärkte Kritik nach sich. So auch im Fall von Julian Schnabel, der als Maler, Architekt und Filmregisseur erstaunliche Werke abgeliefert hat. Wobei ein gängiges Bonmot in der Kunstszene ist, dass Schnabels Filme beeindruckender seien als seine Malerei. Der italienische Filmmacher Pappi Corsicato legt nun ein filmisches Portrait des Künstlers vor, das ein niederschwelliges Einstiegsangebot in den Kunstbetrieb darstellt.

Der 1951 in New York geborene Julian Schnabel verbringt prägende Teenagerjahre in der texanischen Provinz und kehrt 1978 als studierter Künstler in seine Heimatstadt zurück. Hier findet der ebenso extrovertierte wie exzentrische Maler schnell Anschluss an die kontroverse Kunstszene der Stadt. Andy Warhol, Lou Reed, Jeff Koons und Jean Michel Basquiat gehören zu den Freunden des schnell erfolgreichen Julian Schnabel. Der gelegentlich als egomanisch geltende Künstler wird zu einem Hauptvertreter des Neoexpressionismus und der Tod seines Freundes Basquiat beschert Julian Schnabel 1996 einen gefeierten Einstand als Filmregisseur.

Obwohl ursprünglich nicht dafür vorgesehen, ist sich Schnabel gewiss, durch seine Zugehörigkeit zur Szene, dem Leben und Andenken seines Freundes auch auf der Leinwand gerecht werden zu können. Der Erfolg gibt Schnabel wie so oft Recht und es folgen weitere ambitionierte und ausgezeichnete Filme. Darüber hinaus ist Julian Schnabel auch als Innenausstatter und als Architekt tätig, er entwirft unter anderem den verwunschenen Palazzo Chuppi in New York.

Soweit also der Abriss von Julian Schabels Werdegang und Werk, wie es in der Doku „Julian Schnabel – A Private Portrait“ in streng chronologischer Abfolge und mit etlichen Talking Heads aus Familie, prominenten Freunden und Weggefährten dargestellt wird. Das ist sehr unterhaltsam und kurzweilig. Der Zuschauer bekommt viel von dem überbordenden Schaffensdrang und dem wahnwitzigen Selbstvertrauen des Künstlers mit, der den „blinden Glauben, an das was man tut“ als Credo ausruft. Und man kann und darf visuell und auch inhaltlich von Julian Schnabels Werk durchaus beeindruckt sein. Dann ist Pappi Corsicato ein sehenswertes Filmportrait gelungen.

An dieser Stelle wird allerdings ein Exkurs in das Wesen des Dokumentarfilms und den Begriff „Embedded Journalism“ fällig. Wer das Genre Dokumentarfilm als investigativen und kritischen Journalismus mit Mitteln des Films versteht, ist nicht nur in „Julian Schnabel – A Private Portrait“ falsch, sondern in mehr als der Hälfte gegenwärtiger Dokus. Schon längst haben sich viele ambitionierte und engagierte Filmemacher dafür entschieden in ihren Dokus Personen und Standpunkte vorzustellen, die sie selbst teilen. Hajo Friedrichs Journalisten-Motto, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, ist da nicht von Belang – und für Dokumentarfilme auch nicht relevant.

Wenn allerdings der portraitierte Künstler – unabhängig davon, dass er als egomanisch gilt – als Koproduzent seiner biografischen Doku auftritt, so kann man das sehr unkritisch ausgefallene Werk durchaus als lobhudelnde Hofberichterstattung auffassen. Im weitesten Sinne also als eingebetteten Journalismus, den diverse Streitkräfte dieser Welt ebenfalls in Kriegszeiten betreiben: Um die eigene Sicht der Dinge zu publizieren, werden nur wohlgesonnenen Journalisten zur Berichterstattung zugelassen.

Aber wer wird denn gleich so martialisch werden? „Julian Schnabel – A Private Portrait“ ist „nur“ eine Künstler-Biografie, die an den entscheidenden Stellen nicht tief genug bohrt, etwa wenn Schnabels vierter Film „Miral“ thematisch gar nicht erst vorkommt, da er die semi-autobiografische Romanverfilmung von Schnabels langjähriger, inzwischen geschiedenen Ehefrau ist, die in dieser Doku auf seltsame Weise abwesend ist. Schnabels Kinder hingegen wirken gelegentlich bemüht, nur positive Worte für den Vater zu finden. Aber das geht und ginge den Zuschauer nichts an, würde er nicht etwas „Privates“ erwarten. Manchmal wirkt es, als wäre Dokumentarfilmer Pappi Corsicato („Das schwarze Loch“) vor allem der Erfüllungsgehilfe des Impressarios Julian Schnabel, der sich souverän und imposant selbst in Szene setzt.

Am Ende ist „Julian Schnabel – A Private Portrait“ eine sehr unterhaltsame Angelegenheit, die einem tatsächlich etwas Kunst und Zeitgeist des Achtzigerjahre New York vermittelt. Und wo Regisseur Pappi Corsicato die kritische Distanz fehlt, bleibt es dem mündigen Zuschauer selbst überlassen, zwischen den Bildern zu lesen.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Weltkino

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
Julian Schnabel - A Private Portrait

Länge: 84 min

Kategorie: Documentary

Start: 11.01.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Julian Schnabel - A Private Portrait

Julian Schnabel – A Private Portrait

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 84 min
Kategorie: Documentary
Start: 11.01.2018

Bewertung Film: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten