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The Commuter

Geschrieben von Peter Gutting am 29. Dezember 2017

The Commuter

Thriller-Spezialist Jaume Collet-Serra liebt die Herausforderung enger Räume. „Non-Stop“ spielte in einem Flugzeug, sein neuester Reißer in einem Zug. Mangels Ortsveränderung muss sich das Drehbuch schon einiges einfallen lassen, um die Spannung hochzuhalten. Das gelingt in diesem handwerklich starken Actionthriller. Aber nur um den Preis von erzählerischen Prämissen, die einem genaueren Hinschauen nicht standhalten.

The CommuterSo hätte das Alfred Hitchcock wohl auch gemacht: Von der eleganten Blondine sehen wir erstmal nur die Schuhe. Die vergisst man nicht so schnell, sind sie doch auffallend schwarz-weiß gestreift, etwa wie bei einem Zebra. Erst erblickt die Kamera die Pumps nur wie im Vorbeigehen beim Gedrängel durch einen überfüllten Vorortzug. Doch dann kommt das elegante Designermodell erneut in den Blick. Nun ist es an der Zeit, hinaufzuschwenken und die ganze Person ins Bild zu setzen. Als „Joanna“ (Vera Farmiga) stellt sich die durchgestylte Lady vor. Sie tut etwas, was in Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ so ähnlich vorkam. Die Dame mit der hochgeschlossenen Bluse setzt sich direkt gegenüber von Michael (Liam Neeson) und macht ihm ein unmoralisches Angebot: Der gerade gefeuerte Versicherungsangestellte soll 100 000 Dollar bekommen, wenn er eine Person namens Prymm findet, die mit demselben Zug fährt. Welche Konsequenzen das für den oder die Betroffene hat, verrät die Blondine nicht. Aber angesichts der Belohnung darf man nicht von einem Wellnesswochenende ausgehen.

Um Michaels Lage ganz zu verstehen, muss gesagt werden, dass ihn der Verlust des Arbeitsplatzes komplett auf dem falschen Fuß erwischt. Der Familienvater hat zwei Hypotheken an der Backe. Demnächst will er den Sohnemann auf eine teure Privatuni schicken. Zudem ist der Gefeuerte mit seinen 60 Lenzen ein Auslaufmodell auf dem Arbeitsmarkt. Also packt ihn die Neugier und er schleicht sich in die Toilette des zweiten Wagens, wo angeblich eine Anzahlung von 25 000 Dollar versteckt sein soll. Jetzt schnappt die Falle zu. Michael hat sich auf einen teuflischen Pakt eingelassen. Der Zug fährt von nun an ins horrorhafte Nirgendwo.

The CommuterRoutiniert und wacker schlägt sich der actionerprobte Liam Neeson durch dieses Bahnabenteuer der anderen Art. Es ist seine vierte Zusammenarbeit mit Regisseur Jaume Collet-Serra. Da darf man ein kampferprobtes Tempo zu Recht erwarten und wird auch nicht enttäuscht. Zumal der Film übliche Klischees wie die Verfolgungsjagd auf dem Dach meidet und stattdessen einige bislang kaum gesehene Verstecke direkt unter dem Zugboden erkundet. Kamera- und schnitttechnisch gibt es an dem packenden Überwältigungskino nichts zu meckern. Solange das D-Zug-Tempo andauert, werden dramaturgische Holperstrecken vom Starkstrom des Spannungsbogens überbrückt.

Doch wenn der Zug zum Halten kommt und die Lichter im Kinosaal angehen, wird deutlich, dass die Handlung an einigen Stellwerken glaubwürdigen Erzählens einfach nur vorbeigerauscht ist. Wer war noch mal der von Neeson verkörperte Held? Ein ahnungsloser, unbescholtener Bürger im Stil Hitchcocks, der unschuldig in ein Komplott gerissen wird? Oder doch ein kriminalistischer Profi, der aus einer selbst verordneten Auszeit zurückbeordert wird? Dass Neesons Figur vor dem Job bei der Versicherung ein Cop war, hält die Antwort in der Schwebe.

The CommuterDadurch vermischt der Film den Thrill im Stile Hitchcocks mit einem knallharten Polizeifilm. Und zwar zulasten einer glaubwürdigen Story. Manche der Handlungen von Neesons Figur erklären sich nur mit der Naivität des normalen Bürgers. Ein ehemaliger Polizist dürfte zum Beispiel auf die Dame mit den auffälligen Schuhen niemals hereinfallen. Ähnliches gilt andersherum: Ein frühpensionierter Anzugträger würde sich niemals erfolgreich mit Leuten prügeln, die 20 bis 30 Jahre jünger sind und erkennbar aus dem gewaltbereiten Milieu stammen.

„The Commuter“ vertraut auf die eingespielte Zusammenarbeit zwischen Actionheld Liam Neeson und Regisseur Jaume Collet-Serra. Der Thriller bietet unterhaltsames Spannungskino auf visuell und schnitttechnisch hohem Niveau. Wer sich einfach nur auf die Klaustrophobie eines Höllentrips auf Schienen einlassen möchte, ist mit Collet-Serras ausgefeilter Inszenierung gut bedient. Wer dagegen an die Kraft des Erzählens glaubt, nimmt lieber den Bus.

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Wir vergeben daher 6 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Studiocanal

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The Commuter

Länge: 104 min

Kategorie: Crime, Drama, Mystery

Start: 11.01.2018

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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The Commuter

The Commuter

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 104 min
Kategorie: Crime, Drama, Mystery
Start: 11.01.2018

Bewertung Film: (6/10)

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