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Dieses bescheuerte Herz

Geschrieben von Peter Gutting am 7. Dezember 2017

Dieses bescheuerte Herz

Langsam, aber sicher entwickelt sich Elyas M’Barek zum Berufsjugendlichen der Nation. Gerade erst hat er die Chaostruppe aus „Fack ju Göhte 3“ zum Abitur geführt. Nun verhilft er einem sterbenskranken 15-Jährigen zu neuem Lebensmut. Hier wie dort zeigt er sich als begnadeter Pubertier-Flüsterer. Aber anders als die Paukerkomödie transportiert der neue Film von Marc Rothemund ein ernstes Anliegen im Gewand des Popcorn-Kinos. Das tut er mit dem Herz auf dem rechten Fleck, aber im engen Korsett der Mainstream-Standards.

Dieses bescheuerte HerzUm die Stärken und Schwächen dieser Tragikomödie zu würdigen, muss man die reale Geschichte erzählen, auf der die kinogemäße Überformung des Stoffs beruht. Daniel Meyer ist von Geburt schwer herzkrank. Sein Leben besteht aus zahllosen Operationen, lebensgefährlichen Zusammenbrüchen und der Sauerstoffflasche, die er ständig mit sich herumtragen muss. Morgens geht er zur Schule, nachmittags besucht er ein Kinderhospiz. Dort besucht ihn im Oktober 2012 der Bestsellerautor Lars Amend („Bushido“). Der Schriftsteller steht eigentlich auf der Sonnenseite des Lebens, befindet sich aber in einer Sinnkrise. Über eine Freundin hat er von Daniel erfahren. Eigentlich möchte Lars nur einen Tag mit ihm verbringen, um dem pubertierenden Jungen mal was anderes zu zeigen als Krankenhauswände. Doch es wird eine bis heute andauernde Freundschaft daraus, über die Daniel mit Hilfe von Lars das Buch „Dieses bescheuerte Herz. Über den Mut zu träumen“ geschrieben hat.

Dieses bescheuerte HerzSo zusammengefasst, klingt die Geschichte schwer nach Gutmenschentum und lebensphilosophischen Allgemeinplätzen. Dem wollten die Drehbuchautoren Maggie Peren und Andi Rogenhagen wohl vorbeugen, indem sie die Figur des „großen Bruders“, wie Daniel ihn nennt, entscheidend veränderten. Aus dem erfolgreichen Schriftsteller wurde ein Taugenichts, der das Schimpfwort „Beruf Sohn“ mit Glamour und Gloria adelt. Lenny (Elyas M’Barek) lebt nach zwei abgebrochenen Studien wieder in der Villa seines Vaters (Uwe Preuss). Er vergießt Schampus in Strömen, steht auf Drogen, schnelle Autos und heiße Disco-Schönheiten. Den teuren Wagen in einem Pool zu versenken, nötigt ihm lediglich ein Achselzucken ab: „Das räum‘ ich morgen auf“. Der Papa allerdings findet das Lotterleben des 30-Jährigen nicht wirklich prickelnd. Und weil der Dad seine Brötchen als Herzspezialist verdient, verbindet er das pädagogisch Nützliche mit dem medizinisch Sinnvollen. Lenny kriegt erst dann wieder Geld, wenn er Daniel (Philip Noah Schwarz) zu ein bisschen Optimismus verhilft. Der Sohn soll mit dem Patienten eine Wunschliste erstellen und abarbeiten. Was möchte der überbehütete junge Mann, der jede Minute sterben kann, noch gerne erleben? Das ist schnell notiert. Unter anderem: einen Song aufnehmen, ein Mädchen kennenlernen und die Mama wieder lachen sehen.

Dieses bescheuerte HerzLebenskünstler trifft Behinderten, das lässt an das Erfolgsrezept von „Ziemlich beste Freunde“ denken. Auch „Dieses bescheuerte Herz“ lässt die Leinwand vor Lebensfreude sprühen, wenn der Hallodri das Krankengetto mal ordentlich durchpustet. Weite Strecken des Films profitieren von der Schnoddrigkeit, der Ignoranz und dem Draufgängertum, das die Drehbuchautoren M’Barek auf den Leib geschrieben haben. Mit coolem Drive umkurvt das abenteuerlustige Heldenpaar tragische Schlaglöcher und sentimentale Sackgassen. Auf dem schmalen Grat zwischen Lebenslust und tödlicher Krankheit neigt sich der Film stets zur optimistischen Seite. Er beschönigt nichts, aber er verabreicht dem Zuschauer die Realität in kinotauglichen Dosen. Wie das funktioniert, hat Regisseur Marc Rothemund schon in seinen beiden Vorgängerfilmen „Heute bin ich blond“ (2013) und „Mein Blind Date mit dem Leben“ (2017) vorgeführt.

Doch gegen Ende übertreibt es der Film ein wenig mit der glatten Oberfläche und unterhaltsamen Dramaturgie. Dazu trägt auch das übertriebene Auserzählen sämtlicher Erzählstränge bei. Wie die Sache mit dem Vater und dem Sohn letztlich ausgeht und was der Sohn mit der hübschen Kollegin des Vaters anfängt – das gehört eher in eine Ärzteserie als in einen einigermaßen ernst zu nehmenden Kinofilm. Hinzu kommt, dass die ansonsten recht flotten Dialoge zu vieles ausplaudern, was sich dem Zuschauer mühelos selbst erschließt. Und dennoch: Möglicherweise heiligt der gute Zweck die unterhaltsamen Mittel. Falls nur ein einziger Zuschauer auf die Idee käme, demnächst in einem Hospiz mitzuhelfen, hätte sich das Buhlen um ein Massenpublikum schon gelohnt.

„Dieses bescheuerte Herz“ kommt weniger herzschmerzlastig daher, als es die Geschichte eines todkranken Jungen vermuten lässt. Das ist vor allem dem schnoddrigen Spiel von Elyas M’Barek zu verdanken, der ähnlich wie Omar Sy in „Ziemlich beste Freunde“ einen schwer Behinderten aus dem Gefängnis von Schonhaltung, Mitleid und Überbehütung befreit. Gegen Ende übertreibt es die Tragikomödie allerdings mit der Unterforderung des Publikums durch allzu bekannte Unterhaltungsschablonen.

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Wir vergeben daher 6 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Constantin

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Dieses bescheuerte Herz

Länge: 90 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 21.12.2017

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 21.12.2017

Bewertung Film: (6/10)

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