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Die dunkelste Stunde

Geschrieben von Peter Gutting am 2. Dezember 2017

Die dunkelste Stunde

Unzählige Filme sind schon über Winston Churchill gedreht worden. Und es werden gewiss noch eine Menge folgen. So schillernd war dieser bekannteste britische Staatsmann, so unberechenbar und so vielschichtig, dass sein filmreifes Leben unendlichen Stoff für immer neue Versuche bietet, ihm nahe zu kommen. Zuletzt versuchte es Regisseur Jonathan Teplitzky mit „Churchill“. Nun folgt wenige Monate später Joe Wright mit einem Drama, das lediglich vier knappe Wochen aus dem Leben des Premierministers beleuchtet. Aber die haben es in sich.

Die dunkelste StundeDas englische Unterhaus, wie man es aus den Nachrichten kennt: Ganz eng sitzen sie einander gegenüber, beinahe Nase an Nase schreien Kontrahenten aufeinander ein. Doch dieser Tag, der 9. Mai 1940, ist ein ganz besonderer. Weltgeschichte wird geschrieben. Und so sind auch die Bilder andere als die aus dem Flimmerkasten. Hoch aus der Vogelperspektive blicken Regisseur Joe Wright („Abbitte“, „Anna Karenina“) und sein Kameramann Bruno Delbonnel auf die Streithähne herab. Die schwebende Kamera dreht eine Kurve, schwebt nach unten und begibt sich schließlich mitten ins Getümmel. Die pathetische, opernhafte Ästhetik, die fast alle Arbeiten Wrights auszeichnet, passt hervorragend zu ihrem Gegenstand. Hier geht es um Zivilisation oder Barbarei.

Premierminister Neville Chamberlain (Ronald Pickup), der Hitler durch Zustimmung und Nichtstun zu besänftigen suchte, ist am Ende. Die oppositionelle Labour Party verlangt in dieser schwierigen Lage nach einer Allparteienregierung. Der einzige Mann, den sie auf Seiten der Konservativen unterstützt, ist der bei den Seinen umstrittene Winston Churchill (Gary Oldman). Wird es ihm in diesen kriegsentscheidenden Tagen gelingen, sein Volk, seine Regierung, das Parlament und den König zum Widerstand gegen Hitler zu bewegen? Oder sind Verhandlungen mit dem deutschen Diktator der bessere Weg – in einer Lage, da die britische Armee bei Dünkirchen dem Untergang geweiht ist?

Die dunkelste StundeDie Geschichte kennt die Antwort längst. Aus heutiger Sicht ist Churchill ein Held. Die Frage, ob man mit einem Verbrecher wie Hitler hätte verhandeln sollen, erscheint unsinnig. Aber der Film taucht in eine Situation ein, in der Diplomatie nicht nur denkbar, sondern sogar vernünftig erscheint. Auch Churchill kann die Meinung von Leuten wie Chamberlain, Lord Halifax (Stephen Dillane) oder König Georg VI. (Ben Mendelsohn) nicht einfach beiseite wischen. Zu tief sitzt der Zweifel in seinem eigenen Kopf, zu heftig nagen die Erinnerungen an die Vergangenheit, als der Politiker durch eine Fehleinschätzung schon einmal Zehntausende in den Tod schickte.

Zur Beschreibung der Lage steuern Drehbuch (Anthony McCarten) und Inszenierung grandiose Bilder bei. Zum Beispiel die Szene im Buckingham Palace, als der König Churchill mit der Bildung einer Regierung beauftragt. Riesig ist der pompöse Saal, in dem die beiden aufeinandertreffen. Sie setzen sich nicht, sondern bleiben stehen, gefühlte 20 Meter voneinander entfernt. Und dann, als Churchill ernannt ist, muss er den weiten Weg zum Monarchen zurücklegen und ihm, wie es das Protokoll vorschreibt, die Hand küssen. Als wäre die menschliche Distanz zwischen den beiden noch nicht deutlich genug, führt der König danach seine Hand zum Rücken und wischt sie heimlich ab.

Die dunkelste StundeNahezu jede Szene arbeitet mit solchen Zuspitzungen und Überhöhungen. Nichts ist einfach nur alltäglich im geschilderten Zeitraum, in dem ein Mann über sich hinauswächst, der schon morgens Whisky trinkt und Zigarren raucht. Joe Wright zeigt Churchill nicht als Helden, sondern als Menschen, der gegen innere Dämonen kämpft. Zugleich stellt er ihn in eine Ausstattungs-, Farb- und Lichtregie, die vor Pathos geradezu glühen. Das mag man als unzulässige Glorifizierung kritisieren. Doch der Kontrast zwischen allzumenschlichen Krisen und historischer Aufgabe führt zu einer Dramatik, die den Bedürfnissen eines Kinos „bigger than life“ geradezu in die Hände spielt.

Dass der Zuschauer die oft unglaublichen Szenen für bare Münze nehmen kann, hat nicht nur mit dem Hinweis „basierend auf wahren Begebenheiten“ zu tun. Die Glaubwürdigkeit verdankt sich vor allem dem authentischen Spiel von Churchill-Darsteller Gary Oldman und der beiden Frauen an seiner Seite: Kristin Scott Thomas als Ehefrau Clemmie und Lily James als Sekretärin Elisabeth Clayton.

Schon wieder Churchill, könnte man denken. Doch „Die dunkelste Stunde“ zeigt, dass der skurrile Politiker und Staatsmann noch lange nicht auserzählt ist. Joe Wrights pompöse Inszenierung nimmt den Zuschauer mit in ein paar Tage, in denen das Schicksal der Welt auf der Kippe stand. Daraus macht der Regisseur mehr als nur eine Geschichtsstunde, nämlich großes Kino.

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Die dunkelste Stunde

Länge: 125 min

Kategorie: Biography, Drama, History

Start: 18.01.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Die dunkelste Stunde

Die dunkelste Stunde

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 125 min
Kategorie: Biography, Drama, History
Start: 18.01.2018

Bewertung Film: (7,5/10)

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