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Mord im Orient-Express

Geschrieben von Frank Schmidke am 3. November 2017

Agatha Christies 1935 erschienener Kriminalroman „Mord im Orient-Express“ gilt als einer der besten klassischen Krimis und hat neben dem außergewöhnlich kauzigen belgischen Detektiv Hercule Poirot auch einen extrem kniffeligen Mordfall zu bieten. Nun hat sich Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh an eine Neuverfilmung des Klassikers gemacht und dafür ein gewaltiges Staraufgebot zusammengetrommelt.

Hercule Poirot (Kenneth Branagh) hält sich Mitte der 1930er Jahre nicht nur für den wohl besten Detektiv der Welt, sondern wird auch immer wieder quer durch die Welt gejagt, um scheinbar unlösbare Kriminalfälle zu bearbeiten. Nun allerdings will Poirot nach getaner Arbeit in Istanbul ausspannen, als ein neuer dringender Fall in England auf ihn wartet. Es ist nur Poirots guten Beziehungen zu Herrn Bouc (Tom Bateman), einem der Direktoren der Eisenbahn-Gesellschaft, zu verdanken, dass der Detektiv noch einen Platz in dem komplett belegten Orient-Express bekommt.

Doch in Jugoslawien gerät der Zug in eine Schneeverwehung und ausgerechnet hier, ohne Verbindung zur nächsten Station, ereignet sich ein mysteriöser Mordfall. Der amerikanische Geschäftsmann Samuell Ratchett (Johnny Depp) wird mit diversen Messerstichen niedergestreckt. Bouc bittet Poirot sich des Falles anzunehmen. Dieser begibt sich sogleich an die Arbeit und verhört alle Mitreisenden in diesem Waggon.

Die Liste der Mitreisenden respektive der Verdächtigen ist lang und die Besetzungsliste in Kenneth Branaghs Neuverfilmung dieses legendären „Whodunit?“ lässt einen schon mit dem Ohren schlackern: Penelope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp, Josh Gad, Derek Jacobi, Leslie Odom Jr., Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Tom Bateman, Lucy Boynton, Olivia Colman, Manuel Garcia-Rulfo, Marwan Kenzari und Sergei Polunin.

Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass Regisseur Sidney Lumet die Story 1974 ebenfalls mit erheblichem Staraufgebot verfilmte, sorgt aber auch dafür, dass die einzelnen Charaktere jeweils relativ selten vor der Kamera erscheinen. Poirot macht da die notwendige Ausnahme. Doch eine populäre Besetzung ist beileibe nicht nur Selbstzweck, sondern soll es dem Zuschauer auch erschweren, den Täter zu überführen. Häufig genug ist es relativ leicht, den Bösewicht auszumachen, da er neben dem Star eindeutig eine zweite Hauptrolle spielt. In „Mord im Orient Express“ darf lange gerätselt werden und Agatha Christie, die Grand Dame des klassischen Kriminalromans, lässt bei diesem Fall Hercule Poirots zur Höchstform auflaufen. Auch wenn die Story älteren und Krimi-begeisterten Zuschauern wohl weitgehend bekannt ist, wird an dieser Stelle dazu nicht mehr verraten.

Es gibt auch so genügend Aspekte In „Mord im Orient-Express“, über die man sich auslassen kann. Um es vorwegzunehmen: Die Neuverfilmung von „Mord im Orient-Express“ ist aufwändig und weitestgehend unterhaltsam ausgefallen. Selbst wenn man die Geschichte kennt, kann man sich noch an der jeweiligen Darstellung der Charaktere erfreuen und als Cineast eventuell sogar kurzweilige Vergleiche zu anderen Verfilmungen ziehen. Johnny Depp jedenfalls macht als nicht eben sympathisches Mordopfer eine ausgezeichnete Figur. Überraschender Weise überzieht und karikiert er seinen amerikanischen Geschäftsmann nicht, sondern kontrastier mit einem düsteren Ernst, der fast an seine Rolle in „Black Mass“ erinnert, die etwas überspitzte Vorwitzigkeit des belgischen Detektivs.

Kenneth Branagh hat als legendärer Detektiv sichtlich Spaß an seinem Auftritt und legt gegen Ende des Films auch nahe, dass er bei Kassenerfolg durchaus gewillt ist, noch einmal in die Rolle Poirots zu schlüpfen. Allerdings ist der legendäre Detektiv als Figur auch schon ziemlich ausformuliert. Es ist schwer gegen den französischen Akzent und diesen gesichtsfüllenden Bart anzuspielen. Vor allem wenn man noch Sir Peter Ustinov in seiner Paraderolle Hercule Poirot vor Augen hat. Dabei agierte in Lumets „Mord im Orient-Express“ Albert Finney als Poirot, während Ustinov einige Jahre Später in „Tod auf dem Nil“ zum Zuge – oder besser ans Ruder – kommt.

Poirot ist nicht der erste Detektiv, den Kenneth Branagh verkörpert. Verglichen mit seiner lakonischen Variante von Henning Mankells schwedischem Kommissar Wallander hat dieser belgische Kriminalist mit Branagh noch in wenig Luft nach oben. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass diese Detektiv-Type in zeitgemäßen Krimis kaum noch vorkommt.

Während die Geschichte im Wesentlichen aus Verhörszenen besteht, die letztlich im klassischen Ortstermin mit allen Verdächtigen aufgelöst werden, gibt sich „Mord im Orient-Express“ anno 2017 große Mühe, mehr Schauwerte unterzubringen. Auch weil es dem Drehbuch von Mihael Green („Logan“, Blade Runner 2049“)gelingt, die Dramaturgie ein wenig zu straffen, die Verhöre kürzer zu gestalten und neben Wortwitz auch die eine oder andere Action-Sequenz einzubauen.

Häufig genug wird der fahrende Zug von außen gefilmt, Kameramann Haris Zambarloukos, mit dem Kenneth Branagh schon seit Jahrzehnten dreht, findet immer wieder überraschende und ungewöhnliche Perspektiven und die Ausstattung des Zuginneren ist sehr opulent ausgefallen. Man muss die Optik allerdings auch mögen, die „Mord im Orient-Express“ vor allem in den Außenaufnahmen anbietet. Landschaft und Zug sehen sehr artifiziell aus, erinnern an den „Polar-Express“ und entrücken das historisch weit hinter uns liegende Geschehen nochmals weiter in eine Märchenwelt, in der auch „Harry Potter“ oder der Steampunk des „Hugo Cabret“ sich wohl fühlen würden.

Wie bereits erwähnt, ist Kenneth Branaghs moderne Version von Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ durchaus unterhaltsam und hat einige Schauwerte und feine Verschiebungen der Story-Nuancen aufzuweisen.

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Copyright: 20th century Fox

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Länge: 114 Minuten

Kategorie: Crime, Drama, Mystery

Start: 09.11.2017

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Info

Mord im Orient-Express

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 114 Minuten
Kategorie: Crime, Drama, Mystery
Start: 09.11.2017

Bewertung Film: (6,5/10)

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