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La Mélodie – Der Klang von Paris

Geschrieben von Peter Gutting am 12. November 2017

La Mélodie – Der Klang von Paris

„Basierend auf einer wahren Geschichte“, mit diesem Hinweis geht gefühlt bald jeder zweite Spielfilm hausieren. Regisseur Rachid Hami hätte allen Grund, seinen Film ebenfalls mit einer entsprechenden Einblendung starten zu lassen. Aber er tut es nicht. Stattdessen setzt er auf visuelle Mittel, um die Echtheit des erzählten Wunders zu beglaubigen: wie nämlich Kinder aus den Pariser Gettos es schaffen, ein Instrument zu lernen und die Fesseln der sozialen Herkunft zu sprengen. Eine märchenhafte Geschichte, aber kein Märchen. Denn der Regisseur kennt das Milieu und tut einen Teufel, es an eine Sozialschnulze zu verraten.

La Mélodie – Der Klang von ParisDie Klasse tobt, aber der Lehrer schweigt. Nur in den Augen von Simon (Kad Merad) ist zu lesen, wie hilflos er sich fühlt. Der Violinist ist derzeit ohne Engagement und hat eine Stelle als Geigenlehrer in dem Projekt „Démos“ der Pariser Philharmonie angenommen. Hier werden Kinder aus benachteiligten Familien an die klassische Musik herangeführt, mit kostenlosem Unterricht, Orchesterspiel und – als Höhepunkt – einem Auftritt im großen Konzertsaal der Pariser Philharmonie. Über mangelndes Interesse kann sich Simon nicht beklagen. Mehr als die Hälfte der Klasse hat die Chance wahrgenommen und das neue Angebot dem Sport vorgezogen. Aber der Wunsch steht in keinem Verhältnis zu den nötigen Voraussetzungen. Die Kinder können sich keine Sekunde konzentrieren, sie schlagen mit Geigenbögen aufeinander ein, sind laut und frech. Und Simon hat keinerlei pädagogische Erfahrung.

Niemand aus dieser Klasse würde auf die Idee kommen, außerhalb des Unterrichts zu üben. Wo auch? In den engen, hellhörigen Mietskasernen könnte keiner das Gejaule eines Geigenschülers ertragen. Aber da ist Arnold (Renély Alfred), ein schüchterner, pummeliger Junge. Er drückt von außen die Nase an die Scheibe des Übungsraums, als er Simon spielen hört. Arnold hat keinen Platz in dem Kurs bekommen, aber er ist so fasziniert, dass er in einer Pause hereinkommt und die Geige eines Mitschülers klauen will. Später sehen wir Arnold vor einem Laptop sitzen und mit Youtube die ersten Griffe üben. Als der Nachbar an die Wand pocht, weicht Arnold aufs Dach des Sozialblocks aus. Spätestens jetzt ahnen wir, dass aus dem überforderten Simon und seiner Rabaukentruppe doch noch etwas werden könnte – allen Widrigkeiten und Rückschlägen zum Trotz.

La Mélodie – Der Klang von ParisEs ist beileibe kein neuer Stoff, den das Debüt von Rachid Hami aufgreift. Dokumentarfilme wie der legendäre „Rhythm Is It!“, der weniger bekannte „El sistema“ oder „Kinshasa Symphonie“ haben von der befreienden Kraft erzählt, mit Geduld und Disziplin über sich hinauszuwachsen. Im Spielfilm allerdings laufen die unglaublichen Wirkungen klassischer Musik Gefahr, in die Pathos- und Kitschfalle zu tappen. Dem entgeht Rachid Hami, indem er statt auf Botschaften auf Details setzt. Das Milieu, aus dem der Regisseur selbst stammt, wird mit knappen, für sich sprechenden Skizzen vor dem Zuschauer aufgeblättert. Trotz konventioneller Dramaturgie nimmt sich der Film so viel Zeit für Arnold und die anderen Geigenschüler, dass sich ein komplexes, differenziertes Ensemblespiel entwickeln kann, ohne die sonst üblichen Zuschreibungen á la Klassenclown, Streber und so weiter. Nur an wenigen Stellen vergreift sich der Film im Ton und kippt in psychologisierende Klischees.

Auf große Gefühle muss dieser stille, zurückgenommene Erzählduktus trotzdem nicht verzichten. „La Mélodie“ verrät ein feines Gespür für die Gemeinsamkeiten von Kino und Musik, wenn es um den nonverbalen Ausdruck von Emotionen geht. Großaufnahme: Ganz sanft fährt die Kamera an den Gesichtern der Jungen und Mädchen entlang. Sie haben ihren Lehrer gebeten, selbst einmal zur Geige zu greifen und ihnen etwas vorzuspielen. Wo eben noch das Chaos tobte, spiegelt sich nun etwas ganz anderes in den Gesichtern. Die Kamera lässt sich Zeit, liest in den Augen, registriert jede einzelne Regung. Staunen ist da zu sehen, auch Ergriffenheit, eine leise Melancholie. Alle Kinder scheinen etwas Ähnliches zu empfinden, und doch scheint in jedem Gesicht etwas Persönliches auf. Etwas, das mit dem je eigenen Temperament und der je eigenen Geschichte zu tun hat.

La Mélodie – Der Klang von ParisEin weiteres kleines Wunder ist dem Film gelungen. Hauptdarsteller Kad Merad, auch hierzulande recht bekannt als begnadeter Komiker („Willkommen bei den Sch’tis“), spielt komplett gegen sein Image als lauter, polternder Tollpatsch. Er genießt es sichtlich, das genaue Gegenteil seines Images zu erkunden. Der Mann, der für den Film auch Geige lernen musste, ist entweder durch eine harte Schule des Minimalismus gegangen oder er hat eine schauspielerische Ader für die zarte Andeutung in sich entdeckt, die bisher nie zum Vorschein kommen durfte. Jedenfalls ist es ein berührendes Vergnügen, diesem Mann bei einem Kulturschock zusehen zu dürfen, der soviel wirklichkeitsgetränkter ist als die Verbannung in die Sprachhölle des französischen Nordens.

„La Mélodie“ erzählt eine Geschichte, die mit ihrer versöhnenden Botschaft sehr gut in die Weihnachtszeit passt. Aber darauf lässt sich der Film nicht reduzieren. Dem üblichen Adventsgedusel stellt das Debüt des Franzosen Rachid Hami die Dissonanz sozialer Spannungen entgegen. Und eine Symphonie von selbstvergessenen, ganz der Musik hingegebenen Gesichtern.

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Copyright: Prokino

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La Mélodie – Der Klang von Paris

Länge: 102 min

Kategorie: Drama, Music

Start: 21.12.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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La Mélodie – Der Klang von Paris

La Mélodie – Der Klang von Paris

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 102 min
Kategorie: Drama, Music
Start: 21.12.2017

Bewertung Film: (7,5/10)

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