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Die Anfängerin

Geschrieben von Peter Gutting am 18. November 2017

Die Anfängerin

Die DDR und das Eiskunstlaufen – das ist eine eigene Geschichte. Erich Honecker persönlich soll seine schützende Hand über die zweimalige Olympiasiegerin Kati Witt gehalten haben. Sie war nicht die einzige Geheimwaffe des Sozialismus, die den Westlern eine Nase drehte. Anett Pötsch und Gaby Seyfert hatten es vorgemacht. Auch Christine Errath, die bislang einzige Weltmeisterin aus Berlin. Sie hat für das Spielfilmdebüt von Alexandra Sell eigens wieder die Schlittschuhe angezogen und eine Kür einstudiert. In einer Nebenrolle, in der sie sich selbst spielt.

Die AnfängerinDie eigentliche Geschichte allerdings ist fiktiv und dreht sich um eine Altersgenossin der späteren Weltmeisterin von 1974. Wir sehen Annebärbel (Ulrike Krumbiegel) zu Beginn als Sechsjährige, wie sie in Zeitlupe übers Eis gleitet. Rundum glücklich sieht sie da aus, in sich versunken und mit der Welt im Reinen. Doch in einer Kurve entgleiten plötzlich ihre Gesichtszüge. Jetzt fällt ihr Blick auf die junge Christine, die so viel talentierter ist und eine Pirouette aufs Eis legt, dass einem schwindlig werden kann.

52 Jahre später hat Annebärbel das einstige Glück tief in der Seele vergraben. Die kinderlose Ärztin schlägt sich freudlos, hart und verbittert durch ihre überfüllte Praxis. Ihre Ehe ist öde und vergiftet. Als sich der Gatte (Rainer Bock) mit den Worten verabschiedet „ich habe noch etwas vor im Leben“, fällt Annebärbel in ein Loch. Jetzt hat sie nur noch ihre bösartige Mutter Irene (Annekathrin Bürger), von der sie sich nie lösen konnte. Mit ihrem Leistungswahn und überzogenen Ansprüchen hat die Mutter der Tochter damals das Eislaufen vermiest. Durch Zufall wird Ärztin Annebärbel nun zu einem Einsatz nahe des Leistungszentrums Berlin-Hohenschönhausen gerufen. Zum Entsetzen der Mutter geht sie erstmals im Leben ihren eigenen Weg und zieht die Schlittschuhe wieder an.

Die AnfängerinDas ist kein schlechter Filmstoff in einer Zeit, in der das Motto „Es ist nie zu spät“ im Trend liegt. Allerdings hat Alexandra Sell das Drehbuch offensichtlich mit Blick auf eine Fernsehproduktion geschrieben. Die Figuren sind überdeutlich gezeichnet, die Konflikte unmissverständlich ins Bild gesetzt und die Umschwünge vollziehen sich schlagartig um 180 Grad. Um die Botschaft von einer Art verspäteten Loslösung zu transportieren, verdoppelt die Regisseurin den Konflikt und stellt der Erwachsenen eine jugendliche Eiskunstläuferin (Maria Rogozina) zur Seite, die unter demselben Leistungsterror leidet, in ihrem Fall ausgeübt vom ehrgeizigen Vater (Stephan Grossmann). Durch die lehrbuchhafte Überzeichnung bleiben die meisten Figuren blass und man hört die Seiten des Drehbuch-Ratgebers rascheln.

Dies gilt glücklicherweise nicht für die Figur der Hauptdarstellerin Ulrike Krumbiegel. Sie zeichnet mit großem Realismus die Strapazen nach, die der Neuanfang auf dem Eis mit sich bringt. Nun ist die Härte, die sie sich als Panzer gegen die übergriffige Mutter zugelegt hat, endlich mal zu etwas gut. Immer wieder aufstehen, auch wenn die Stürze mit fast 60 besonders wehtun, den Spott der anderen Hobbyläufer wegstecken und mit eiserner Disziplin den Körper schinden – diesen Preis fordert der Eislaufgott für das Gefühl des Schwebens, mit dem er die Anfängerin irgendwann dann doch wieder belohnt.

Die AnfängerinAuch sonst fängt der Film die Stimmung in der Eishalle realistisch ein. Etwa diesen tyrannischen Drill, den Trainerin Birgit (Franziska Weisz) bei ihren jugendlichen Leistungssportlerinnen an den Tag legt. Und diese Leichtigkeit, aber auch Arroganz, mit der die begabten Hobbyläufer ihre Kreise im renommierten Sportzentrum ziehen. Dennoch bleiben Kameraführung und Montage auch in diesem Punkt der Fernsehästhetik verhaftet. Ein von vornherein fürs Kino konzipierter Film hätte das Gefühl von Schnelligkeit, Körperbeherrschung und Eleganz in rasantere und virtuosere Schnittfolgen verpackt.

Aufgrund seiner optimistischen Botschaft und seiner überzeugenden Hauptdarstellerin ist „Die Anfängerin“ kein Film, über den man sich ärgern müsste. Wer Mutter-Tochter-Dramen oder das Eiskunstlaufen liebt, ist mit dem ambitionierten TV-Film gut bedient. Dennoch bleibt die Frage, warum man das offensichtlich fürs Fernsehen konzipierte Drehbuch und das entsprechende visuelle Konzept unbedingt ins Kino bringen muss.

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Copyright: Farbfilm, Flare Film, Kolja Raschke

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Die Anfängerin

Länge: 98 min

Kategorie: Drama, Family, Sport

Start: 18.01.2018

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 98 min
Kategorie: Drama, Family, Sport
Start: 18.01.2018

Bewertung Film: (5/10)

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