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Der Mann aus dem Eis

Geschrieben von Frank Schmidke am 10. November 2017

Es ist schon eine erstaunliche Filmidee, sich vorzustellen, wie die weltbekannte Gletscher-Mumie vom Tiesenjoch wohl zu Tode gekommen sein mag, und daraus einen Spielfilm zu konstruieren. „Der Mann aus dem Eis“ mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle ist nicht weniger als eine filmische Erlebnisreise in die letzten Tage des als Ötzi bekannt gewordenen Steinzeitmenschen. Filmmacher Felix Randau inszeniert einen leidlich spannenden Steinzeit-Actioner, der durchaus seine gelungenen Momente hat.

Vor etwa 5300 Jahren lebt der Kelab genannte Steinzeit-Mensch (Jürgen Vogel) friedlich mit seiner Familie in einer Hüttensiedlung. Als er eines Tages zur Jagd aufbricht, fallen Unbekannte über die Siedlung her, rauben ein kleines Heiligtum und töten Kelabs Familie. Kelab kommt zu spät, um seine Angehörigen zu retten, nur Kelabs jüngstes Kind wurde von den Angreifern übersehen. Nun macht sich der zornige Mann an die Verfolgung und will Rache.

Wenn man der Story von Regisseur und Drehbuchautor Felix Randau folgen mag, dann entwickelt sich „der Mann aus dem Eis“ zu einem durchaus solide inszenierten und recht actionreichen Einblick in das Leben unserer Stzeinzeit-Vorfahren. Jürgen Vogel („Der freie Wille“, „Die Welle“) hat sichtlich Spaß an zotteliger Perücke und felligem Kostüm, ebenso wie Einblick Andrè Hennicke („Victoria“, „Antikörper“) und seine beiden Sidekicks, die Kelabs Clan niederkloppen. Die Tiroler Bergwelt, in der – quasi nahe am Fundort von Ötzis Überresten – gedreht wurde, hat einen hohen landschaftlichen Reiz, der auch gelungen in Szene gesetzt wurde.

Die Schauwerte, das Tempo und auch die Darstellerleistungen stimmen also in Randaus Film, in dem nur in einer Art „Ursprache“ geraunzt wird, die der Zuschauer auch gar nicht verstehen soll. Das ist aber deutlich weniger anstrengend und erinnert kaum an einen Stummfilm, als man annehmen würde. Wer auf die archaische TV-Serie „Game of Thrones“ steht, wird wohl auch an „Der Mann aus dem Eis“ Gefallen finden. Aber es gibt Aspekte über den Unterhaltungswert hinaus, die „Der Mann aus dem Eis“ zu einem Ärgernis machen, und daran ist Regisseur Randau selbst schuld, da er explizit die Leidensgeschichte Ötzis erzählen will und nicht die eines beliebigen Zeitgenossen.

Was weiß man also über den „Mann aus dem Eis“, dessen Bergung 1991 schon etwas holprig von Statten ging? Bei der Bergung wurde ein Arm gebrochen und man hielt die gefundenen Mumie anfangs gar nicht für etwas Besonderes, sondern einfach eine weiteres lange verschollenes Bergopfer. Der Gerichtsmediziner wollte die Leiche schon zur Beerdigung freigeben, als dann doch noch ein Prähistoriker hinzugezogen wurde.

Inzwischen gilt als gesichert, dass Ötzi an einem Schädel-Hirntrauma starb. Er wurde also oben im vereisten Gletscher-Gebiet erschlagen. Tage zuvor hatte er sich eine Wunde an der Schulter zugezogen, die von einem Pfeil herrührt. Man kann also annehmen, der Mann wurde verfolgt. Darauf lassen auch die Analysen seines Mageninhaltes schließen. Denen zufolge Ötzi in seinen letzten Tagen weite Strecken zurückgelegt haben soll. Nun stellt sich selbstredend die Frage, was da geschehen sein mag.

Felix Randau („Northern Star“, „Die Anruferin“) gibt eine Antwort. Aber seine Antwort wirkt kaum plausibel. Vielmehr ist die Rachestory so dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass sie einfach vollkommen abstrus ist und deutlich einem genremäßigen Thriller-Konstrukt folgt, anstatt sich ernsthaft mit Ötzis Schicksal zu befassen.

Vor über 5000 Jahren gab es sicherlich schon Kommunikation über weitere Entfernungen, aber dass Plünderer auf der absichtsvollen Suche nach einem Heiligen Gegenstand für mehrere Tage über Täler und Bergkämme unterwegs waren, erscheint ebenso unsinnig und energieverschwenderisch wie im Umkehrschluss die konsequente Verfolgung einzig mit dem Ziel der alttestamentarischen Rache – Auge um Auge.

Vielmehr mag ein wütender, trauernder Mann, der gerade seine gesamte Existenzgrundlage verloren hat, vielleicht nach angemessener Trauer und Leidensphase einen konstruktiven Neubeginn wagen oder wagen müssen. Die Suche nach einem anderen Platz und einer neuen Paarungspartnerin wären wohl vorrangig, oder gar der Wiederaufbau an selber Stelle. So bleibt nur das Heiligtum, um Kelabs Verfolgungsjagd zu rechtfertigen.

Aber für die Tötung Ötzis in der abgelegenen kalten Gletscherhöhe, in deren Nähe sicherlich keine menschliche Siedlung gelegen hat, gäbe es auch andere Gründe und vorstellbare Geschichten. Vielleicht war Ötzi ein Verstoßener, vielleicht ein nach heutigen Maßstäben „böser“ Mensch, vielleicht handelt es sich um einen Streit um die Jagdbeute. Vieles ist denkbar, aber nur wenig lässt eine Story mit einem heldenhaften Ötzi zu, der das Publikum als Sympathieträger durch das Steinzeitabenteuer führt

Das Steinzeit-Abenteuer „Der Mann aus dem Eis“ kann vor allem mit Schauwerten und Action punkten, sofern man als Zuschauer geneigt ist, sich auf eine Geschichte einzulassen, die deutlich zur Fantasy neigt und als populärwissenschaftliches Anschauungsmaterial eher für Verwirrung sorgt. Die Story trägt schlicht nicht durch den ganzen dialoglosen Film.

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Länge: 96 Minuten

Kategorie: Drama

Start: 30.11.2017

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Der Mann aus dem Eis

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 96 Minuten
Kategorie: Drama
Start: 30.11.2017

Bewertung Film: (5/10)

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