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Voll verschleiert

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 6. Oktober 2017

Voll verschleiert

Nach der letzten Bundestagswahl war über Tage und Wochen hinweg von einem brodelnden Fremdenhass in der Tagespresse zu lesen. Wie aber kann man diesem begegnen? Eine Möglichkeit ist natürlich die Aufklärung der entsprechenden Bevölkerungsgruppen, eine andere der Humor, mit dem man Vorurteilen zu begegnen versucht. Die Iranerin Sou Abadi hat für ihren ersten abendfüllenden Spielfilm den Humor gewählt, mit dem sie gleich beiden Seiten das ein ums andere Mal den Spiegel vors Gesicht hält.

Voll verschleiertArmand (Félix Moati) und Leila (Camélia Jordana) sind bereits länger ein glückliches Paar, studieren zusammen Politikwissenschaften und gehen schon bald auch für einige Monate ins Ausland, denn beide wurden für ein Praktikum bei der Uno in New York angenommen. Leider währt die Freude nicht unbedingt lange, denn Leilas Bruder Mahmoud (William Lebghil) muss vom Flughafen abgeholt werden, der gerade erst aus dem Jemen zurückgekehrt ist. Bereits das erste Wiedersehen wird für Leila zum Desaster, denn Mahmoud hat sich nicht nur äußerlich vollkommen verändert. Mit langem Bart, Takke und Gebets-Kopfbedeckung scheint dieser nun ebenso äußerst religiös zu sein, was zum echten Problem werden wird.

Kaum zuhause angekommen, weist dieser seine Schwester zurecht. Die Kleidung stimmt nicht, ihren Freund soll sie vergessen und fortan wird sie gefälligst im Haus bleiben, um eine vorzeigbare muslimische Frau zu werden. Natürlich lässt sich Armand dies nicht gefallen und so beschließt er seine Freundin inkognito zu besuchen, indem er sich als total verschleierte Frau namens Scheherazade ausgibt, die bei Leila Französisch lernen möchte. Leider geht dies auch nicht lange gut, denn plötzlich beginnt Mahmoud sich in die geheimnisvolle Schönheit zu verlieben.

Voll verschleiertDie im Iran aufgewachsene Drehbuchautorin und Regisseurin Sou Abadi (SOS Tehran) zeichnete sich bisher in erster Linie durch Dokumentationen aus, bei denen sie die Strukturen ihres Heimatlandes thematisierte, bis sie schließlich an einer schweren Depression erkrankte. 16 Jahre nach ihrem letzten Werk kommt sie nun mit etwas gänzlich Neuem daher, doch obwohl der Sprung von der Dokumentation hin zur Komödie gewagt erscheint, meistert sie diesen mit Bravur. „Voll verschleiert“ ist witzig, schonungslos und ein ums andere Mal erschreckend aktuell, wodurch dem Zuschauer mancher Lacher im Halse stecken bleiben wird.

Beginnen wir aber von vorn. Eine Komödie über den Islam, die auch noch in Frankreich spielt. Bei den Ereignissen der letzten Jahre ein gewagtes Unterfangen, allerdings auch eines, um wertvolle Aufklärungsarbeit zu leisten und Vorurteilen mit jeder Menge Humor zu begegnen. Letzteren verteilt Sou Abadi in vollen Zügen, wobei sie nicht nur den Islam und den damit verbundenen religiösen Fanatismus durch den Kakao zieht, sondern die westlichen Ansichten ebenso. Es geht natürlich in erster Linie um radikalisierte Islamisten, die ohne jedwedes Hinterfragen alles annehmen, um vollverschleierte Frauen, um arrangierte Ehen und den Glauben, der sehr unterschiedlich interpretiert werden kann.

Voll verschleiertDabei kommen recht witzige Dialoge zum Vorschein, etwa wenn Mahmoud die SIM-Karte seiner Schwester verschluckt, damit diese nicht mehr mit ihrem Freund telefonieren kann, währenddessen diese ihm glaubhaft vermittelt, dass SIM-Karten doch mit Schweine-Gelatine hergestellt werden. Es bekommen aber auch die Franzosen gehörig etwas vom bissigen Humor ab, denn ausgerechnet Armands Eltern gehören zu den Hardcore-Feministinnen, für die die Rechte der Frauen selbstverständlich sind. Daher ist der Konflikt für die verkleidete Scheherazade auch unausweichlich, wenn er im Bus plötzlich vollverschleiert seiner Mutter und ihren Freundinnen gegenübersitzt und einen Monolog über sich ergehen lassen muss, dass er (als Frau…) doch den Mut haben sollte, sein Gesicht in der Öffentlichkeit zu zeigen.

„Voll verschleiert“ lebt aber nicht nur von seiner bissigen Geschichte, sondern ebenso von seinen drei Darstellern. Félix Moati (Der Landarzt von Chaussy) gibt als überdrehter Freund alles für seine Liebste, während Camélia Jordana (Nur wir drei gemeinsam) sehenswert die Schwester Mahmouds spielt, die sich plötzlich in die Ecke gedrängt sieht. Ein wenig seltsam  erscheint die von ihr verkörperte Figur, denn während sie mit westlichen Ansichten und kurzen Shorts die gut integrierte Iranerin gibt, lässt sie sich dennoch im Nu von ihrem Bruder unterjochen.

Neben Moati und Jordana überzeugt aber vor allem William Lebghil (Liebe auf den ersten Schlag) mit einem wirklich herausragenden Spiel, wenn er glaubhaft seine religiösen Ansichten vertritt und diesen mit vollem Eifer nachzugehen versucht. Zwischen den schmachtenden Blicken für seine vollverschleierte Angebetete und den wütenden Ausrastern mit einer Brand-Axt liegen Welten, was die ganze Breite seines Spiels verdeutlicht.

Mit „Voll verschleiert“ präsentiert die Iranerin Sou Abadi ein sehenswertes Spielfilmdebüt, bei dem bissige Sozialkritik auf jede Menge Humor und drei sehenswerte Hauptdarsteller trifft.

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Voll verschleiert

Länge: 88 min

Kategorie: Comedy

Start: 28.12.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 88 min
Kategorie: Comedy
Start: 28.12.2017

Bewertung Film: (7/10)

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