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Maudie

Geschrieben von Frank Schmidke am 4. Oktober 2017

Fiktionalisierte Künsterbiographien lassen sich immer auf unterschiedliche Weise angehen. Für „Maudie“, das Portrait der kanadischen Malerin Maud Lewis, die mit ihrem naiven Stil berühmt wurde und heute als wichtige „Folk Künstlerin“ Kanadas gilt, hat sich Regisseurin Aisling Walsh entschieden, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Mit Sally Hawkings und Ethan Hawke ist der Film großartig besetzt und zeigt hinreißend die Beziehung zweier Außenseiter, die zusammen ihren Weg gehen.

Ihre ältliche Tante sieht es nicht gerne, wenn Maud Dowley (Sally Hawkins) auf der Veranda sitzt, raucht und ihre seltsamen Bilderchen malt. Aber viel anderes scheint mit Maud nicht anzufangen zu sein. Seit ihrer Kindheit ist die inzwischen erwachsene Frau an rheumatischer Arthritis erkrankt, weshalb sie humpelt und verkrüppelte Hände hat. Da Maud zudem noch recht zierlich ist, ist sie der Tante, bei der sie lebt, keine große Hilfe. Mauds Bruder kümmert sich kaum um seine Schwester, der reisende Vertreter gibt der Tante gelegentlich Geld und das war‘s.

Als ihre Tante wieder über die Nutzlosigkeit ihrer Nichte und das eigene Unglück jammert, platzt Maud der Kragen und sie beschließt auszuziehen. In den 1930ern in der kleinen kanadischen Küstenstadt Digby eine Bleibe zu finden, ist alles andere als einfach, vor allem weil Maud kein Auskommen hat. Zufällig ist sie gerade im Kramladen am Ort als Everett Lewis (Ethan Hawke) polternd und rabaukenhaft, wie das eine Art ist, nach einer Putzhilfe sucht. Everett lebt als fahrender Fischhändler mehr schlecht als recht und sehr bescheiden in einer abgelegenen kleinen Hütte. Aber mit dem Haushalt kommt er alleine nicht gut zurecht.

Auf seine Anzeige meldet sich allerdings nur Maud. Everett ist mehr als skeptisch, versucht es aber dennoch mit der neuen Haushaltshilfe und Maud zieht bei Everett ein. Schnell wird klar, dass Maud im Haushalt kaum zu gebrauchen ist, aber sie macht sich auf andere Weise nützlich und Everett findet auch Gefallen an ihren gemalten Verschönerungen im Haus.

Ein wenig beginnt Aisling Walshs Filmportrait „Maudie“ wie eine Geschichte von Charles Dickens: Das arme Kind, dessen Schicksal im Folgenden ausgebreitet wird, ist allerdings eine erwachsene Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Das ist umso erstaunlicher, weil Maud Dowley in den 1930ern gleich zwei Handicaps hat, sie ist körperlich beeinträchtigt und sie ist eine Frau.

Wie sich ihr zukünftiger Arbeitgeber Everett, trotz kaum genossener Waisenhaus-Schulbildung, die gesellschaftliche Rollenverteilung vorstellt, wird schnell klar, wenn man als Zuschauer fürchten muss, der jähzornige Mann würde vor Wut auf die Haushaltshilfe einprügeln. Aber mit einer erstaunlichen Sensibilität nähern sich diese beiden gesellschaftlichen Außenseiter einander an, gewöhnen sich ebenso aneinander, wie sie erkennen, dass sie sich gegenseitig helfen können.

Das mag genauso unromantisch klingen, wie es sich im Film tatsächlich gestaltet, aber gerade darin liegt die große Kraft dieser erstaunlichen Beziehung. Von Sally Hawkins und Ethan Haake wird das großartig gespielt und mit herzzerreißender Intensität dargeboten. Dabei lässt Hawke, der als Chet Baker in „Born to Be Blue“ gerade erst vor ein paar Monaten in den Kinos zu sehen war, nie einen Zweifel daran, dass er in „Maudie“ nur die zweite Geige spielt. Bei aller cholerischen Polterei seines Charakters erkennt dieser, dass es seine Frau ist, die zu Außergewöhnlichem im Stande ist. Das wirkt auf der Leinwand verblüffend emanzipiert; gerade wenn man Maud Dowleys künstlerische Geschichte mit der von Margaret Keane vergleicht, die Tim Burton in „Big Eyes“ erzählte.

Sally Hawkins, die mit ihrer Rolle in Mike Leighs „Happy Go Lucky“ 2008 große Aufmerksamkeit erregte, brilliert in „Maudie“ als körperlich eingeschränkte Frau und Künstlerin, die einfach tut, was ihr Spaß macht, und weiß, was sie nicht will – nämlich bemitleidet und bevormundet werden. Stattdessen hält sie an dem fest, was ihr Spaß macht, und hat damit Erfolg – das mag zwar auch ein wenig dem Zufall geschuldet sein, zumindest wirkt es im Film so, aber die demütige und lebenskluge Frau weiß das einzuordnen. Sally Hawkins ist eine außergewöhnliche Schauspielerin, die im Lauf ihrer Karriere aus fast jeder noch so kleinen Rolle etwas Einzigartiges zu machen verstand. Maud Dowley ist Oscar-verdächtiges Schaulaufen.

Bei aller Fokussierung auf die Charaktere dieser erstaunlichen und anrührenden Liebesgeschichte darf man einen weiteren Faktor nicht vergessen, der aus „Maudie“ einen großartigen Film macht: die Landschaft. Gedreht wurde, was das raue und schöne Nova Scotia sein soll, in Neufundland. Die Produzenten haben hier nach eigener Aussage Locations gefunden, in denen die Zeit stehen geblieben und wo der Fortschritt einfach vorbeigezogen ist. Die großartigen Filmkulissen unterstützen also nicht nur die Geschichte, sondern sind an sich schon Schauwert genug.

Gelegentlich wird es in Aisling Walshs „Maudie“ ein wenig zu rührselig, aber der Grundton dieser außergewöhnlichen Romanze stimmt. Vor allem die beiden furios in ihren Rollen aufgehenden Hauptdarsteller lassen schnell vergessen, wie sehr sie von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Hart und entbehrungsreich war das Leben in Neuschottland, die ländlich geprägte Gesellschaft nicht minder. Sich hier in zweifacher Hinsicht zu behaupten, ist eine große Leistung. Dabei noch das persönliche Glück zu finden, ist wert, in einem großartigen Film erzählt zu werden.

 

 

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Länge: 115 Minuten

Kategorie: Drama, Romance, Biography

Start: 26.10.2017

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Maudie

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 115 Minuten
Kategorie: Drama, Romance, Biography
Start: 26.10.2017

Bewertung Film: (8/10)

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