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Lieber leben

Geschrieben von Peter Gutting am 27. Oktober 2017

Lieber leben

Ein Mann, ans Bett gefesselt – dem untauglichsten aller Kinostoffe rang vor zehn Jahren der Regisseur Julian Schnabel das faszinierende Krankenhausdrama „Schmetterling und Taucherglocke“ ab. An die Kraft dieser Bilder erinnert in seinen besten Momenten das Debüt der Franzosen Grand Corps Malade und Mehdi Idir, selbst wenn ihre Geschichte einen anderen Verlauf nimmt. Mit einer schönen Balance von Trauer und Leichtigkeit erzählen sie von der Kraft, dem Schicksal zu trotzen.

Aus genau 245 Quadraten besteht das Gitter der Deckenlampe, die das Krankenzimmer von Ben (Pablo Pauly) erhellt. Der junge Mann hat sie genau gezählt. Und der Zuschauer versteht auch, warum. Wie der Querschnittsgelähmte blickt auch die Kamera strikt nach oben, erfasst die Gesichter, die sich über ihn beugen, mit seinen Augen. Das heißt: manchmal verschwommen, wie durch den Nebel des gleich wieder Hinwegdämmerns.

Lieber lebenErst nach ein paar Minuten befreit der Film den Zuschauer aus der subjektiven Perspektive. Das fühlt sich an wie eine Befreiung, ein Schritt auf dem Weg zur Genesung. Nun bekommt man auch den Hauptdarsteller erstmals zu sehen und erfährt seine Geschichte. Ben ist aus jugendlichem Übermut in ein Becken gesprungen, in dem sich nur wenig Wasser befand. Die Lähmung betrifft alle Muskelfunktionen vom Hals abwärts. Ohne fremde Hilfe kann er nicht einmal telefonieren, von den elementaren Lebensfunktionen ganz zu schweigen. Doch es gibt Hoffnung. Ben merkt irgendwann, dass er den Zeh wieder bewegen kann und erfährt, dass die Schädigung der Halswirbelsäule nicht total ist.

Die beiden Regisseure inszenieren das so, dass der Zuschauer den Kampf um kleinste Verbesserungen wie am eigenen Leib erfährt. Und so zählt es zu den berührendsten Momenten, wenn der junge Mann mit äußerster Anstrengung zum ersten Mal auf einen elektrischen Rollstuhl gehievt wird. Das ist zugleich ein thematischer Wendepunkt. Aufgrund der neu gewonnenen Mobilität geht es nicht länger nur um das individuelle Aufbäumen gegen einen der schlimmstmöglichen Schicksalsschläge. Erzählt wird nun von der Freundschaft einer Clique ganz unterschiedlicher, manchmal recht eigensinniger Charakterköpfe. Farid (Soufiane Guerrab) ist seit seinem vierten Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt. Toussaint (Moussa Mansaly) wurde durch einen Autounfall aus der Bahn geworfen. Er darf sich ebenso wenig wie der melancholische Steeve (Franck Falise) Hoffnung auf Besserung machen. Dagegen hat Samia (Nailia Harzoune) ebenso wie Ben, zu dem sie sich hingezogen fühlt, keine komplett aussichtslose Diagnose bekommen.

Lieber lebenWie das Rollstuhlfahrer-Quintett auf dem schmalen Grat zwischen Selbstironie und Verzweiflung durch den Reha-Alltag kurvt, inszenieren die Regisseure mit ästhetischer Finesse und feinfühliger Psychologie. Das hat damit zu tun, dass einer der Filmemacher diese Situationen selbst erlebt hat. Der Hip-Hop-Musiker Grand Corps Malade, der bürgerlich Fabien Marsaud heißt, weist mit seinem Künstlernamen darauf hin. „Großer kranker Körper“ nennt er sich, weil er selbst nach einem missglückten Sprung ins Schwimmbecken fürs Leben gezeichnet ist. „Nicht zufällig“, so heißt es ironisch im Vorspann, sei es, wenn die hier gezeigten fiktiven und von gesunden Schauspielern verkörperten Charaktere eine Ähnlichkeit mit real existierenden Personen aufwiesen.

Eine derart große Nähe zum erzählten Stoff kann natürlich auch gründlich schiefgehen. Aber der Debütfilmer und sein Kollege finden nicht nur einen souveränen Rhythmus für die eigentlich zäh sich dehnende Zeit des Reha-Alltags. Sie finden auch die richtige Balance zwischen dramatischen und humorvollen Elementen. Irgendwann nimmt der Zuschauer nicht mehr in erster Linie die Behinderung wahr, sondern sieht Menschen, die mit ihrem Leben klarzukommen versuchen. Die sich streiten und versöhnen, die hoffen und verzweifeln, die sich verlieben und verletzen. Und von denen man, weil sie in einer besonders schwierigen Situation stecken, noch etwas lernen kann in Sachen Geduld, Durchhaltevermögen und Lebensmut.

Auch wenn sich der deutsche Filmtitel „Lieber leben“ (Original: Patients) nach Botschaft und aufgesetztem Optimismus anhört: Gerade in diese Falle tappt das bemerkenswerte Debüt nicht. Inhaltlich realistisch und formal einfallsreich, erzählt es von den Widersprüchen eines Lebens im Rollstuhl. Und zugleich von berührenden Freundschaften, die dem Zuschauer universelle Anknüpfungspunkte bieten – über die besonderen Einzelschicksale hinaus.

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Copyright: Neue Visionen

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Lieber leben

Länge: 110 min

Kategorie: Drama

Start: 14.12.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 110 min
Kategorie: Drama
Start: 14.12.2017

Bewertung Film: (7/10)

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