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Leaning into the Wind – Andy Goldsworthy

Geschrieben von Peter Gutting am 27. Oktober 2017

Leaning into the Wind - Andy Goldsworthy

Film und bildende Kunst – das ist nicht immer ein einfaches Verhältnis. Nicht selten geraten Künstlerbiografien im Kino zu banal, weil sie dem Schaffensprozess nicht wirklich nahekommen. Ganz anders die Seelenverwandtschaft zwischen dem Dokumentarfilmer Thomas Riedelsheimer und dem Naturkünstler Andy Goldsworthy. Hier finden zwei zusammen, die auf derselben Wellenlänge schwingen. Das war bereits in Riedelsheimers Dokumentation „Rivers and Tides“ (2000) über Goldsworthy so. Auch die neue Zusammenarbeit der beiden führt zu einem überwältigenden Erlebnis grandioser Bilder.

Leaning into the Wind - Andy GoldsworthyAndy Goldsworthy nimmt einen übergroßen Haufen leuchtend gelber Blätter in den Mund. Kaum kann er sie halten, so sehr quellen sie über. Dann kommt der Moment, den nur der Film in dieser Schönheit festhalten kann. Der Künstler bläst die Blätter in die Luft, sie stieben auseinander wie beim Knall eines Feuerwerkskörpers, genauso energiegeladen und farbenfroh. Und dann kostet die Zeitlupe den Moment so lange aus, wie es geht: die komplette Leinwand erfüllt vom Spektakel langsam schwebender Blätter. Eine solche Arbeit hätte auch der „frühe“ Goldsworthy aus „Rivers and Tides“ schaffen können – das Werk eines einzelnen Menschen nur mit den vorgefundenen Materialien der Natur.

Schnitt nach San Francisco: Ein Trupp Arbeiter malträtiert mit Kettensägen einen Baum. Sie kerben die Oberfläche ein, um danach Lehm draufzuschmieren, sodass Stamm und Äste etwas Glattes, Feingliedriges bekommen, wie lang gezogene Finger einer Hand. Das ist der „heutige“, mittlerweile 61-jährige Goldsworthy, der nicht mehr nur allein arbeitet und auch schweres Gerät nicht mehr scheut.

Leaning into the Wind - Andy GoldsworthyDen frühen und den heutigen Künstler kann man aber nur zu didaktischen Zwecken auseinanderdividieren, wie „Leaning in the Wind“ in überwältigender Eindrücklichkeit zeigt. Thomas Riedelsheimer hat den Künstler wiedergetroffen, um sein Gesamtwerk bis heute einzufangen – eine organische Einheit von Kontinuität und Veränderung. Über mehrere Jahre und bei Arbeiten auf drei Kontinenten hat der Münchner Filmemacher den in Schottland lebenden Naturkünstler begleitet. Entstanden ist dabei ein eindrücklicher, ruhiger, aber nie zäher Einblick in Schaffensprozesse, Gedanken, aber auch Selbstzweifel, Beschwernisse und Scheitern.

Viele Arbeiten Goldsworthys sind der Natur ausgesetzt und somit vergänglich. Festhalten kann man sie nur mithilfe der Fotografie. Und natürlich mit bewegten Bildern, wie es Riedelsheimer bereits in „Rivers and Tides“ so schönheitstrunken gezeigt hat. Wenn die Kamera etwa um einen „schlafenden Stein“ (eine ausgehöhlte Liegestätte) kreist, wenn sie ihn im Überflug ausmisst oder ganz sachte auf ihn zuschwebt, dann bekommt der Zuschauer ein viel intensiveres Gefühl für die Magie dieses Ortes, als es die bloße Fotografie vermöchte. Natürlich setzt Riedelsheimer auch die starre, unbewegte Einstellung ein, um etwa die ganz eigene Magie des schottischen Hügellandes einzufangen. Aber es sind vor allem die sanften, zärtlichen Kamerafahrten, die dem Film seinen Sog verleihen.

Leaning into the Wind - Andy GoldsworthySowohl für Goldsworthy wie für Riedelsheimer geht es nicht um einen realistischen Blick auf Vorgefundenes. Für den Schotten liegt die Schönheit der Kunst in dem Schritt weg vom normalen Weg, die Welt zu betrachten, in dem neuen Blick außerhalb ausgetretener Pfade. Seine Kunstwerke fügen der Natur etwas hinzu, sei es ein leuchtender Farbstreifen, ein Gespinst aus Weidenruten oder ein schlangenförmiges Gebilde aus Eiszapfen. Dadurch erkennt man den Menschen in der Natur, etwas Seelisches oder Geistiges, das man nicht auf Begriffe herunterbrechen oder symbolisch interpretieren kann. Dieselbe Sehnsucht findet sich in den Bildern des Filmemachers, auch wenn sie einmal nicht den Künstler oder dessen Kunst in den Blick nehmen, sondern eigenständig einen Schauplatz ins Auge fassen.

Trotz der nicht weiter ausdeutbaren geistigen Dimension des Lebendigen besteht Goldsworthys Kunst nicht im Verrätseln, sondern in den seltenen Momenten der Klarheit. Die definiert er als die seltene Balance, wenn das sonst chaotische Durcheinander des Lebens einmal für einen kurzen Moment ins Gleichgewicht kommt. Nichts könnte diesen Gedanken schöner veranschaulichen als die titelgebende Szene des Films. Der Künstler möchte sich in den kräftig blasenden Wind des schottischen Hochlands lehnen – sodass er nicht fällt, aber auch nicht umgeblasen wird und einfach nur schräg mit ausgebreiteten Armen sich der Naturgewalt anvertraut. Das klingt einfach. Aber wie anstrengend es ist und wie schön, das erfährt man nur, wenn man ins Kino geht.

In „Leaning into the Wind“ treffen zwei Seelenverwandte aufeinander, deren künstlerische Kraft sich durch die Zusammenarbeit potenziert. Thomas Riedelsheimer schuf in seinem zweiten Film über den Naturkünstler Andy Goldsworthy einen der schönsten Dokumentarfilme der letzten Jahre.

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Leaning into the Wind - Andy Goldsworthy

Länge: 93 min

Kategorie: Documentary

Start: 14.12.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Leaning into the Wind - Andy Goldsworthy

Leaning into the Wind – Andy Goldsworthy

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 93 min
Kategorie: Documentary
Start: 14.12.2017

Bewertung Film: (7,5/10)

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