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Unter deutschen Betten

Geschrieben von Peter Gutting am 22. September 2017

Unter deutschen Betten

Preisfrage: Wie kommt die Ehefrau des „Millionärsformel“-Erfinders dazu, sich die Rechte an dem Buch „Unter deutschen Betten“ zu sichern? An dem Bericht einer polnischen Putzfrau also, der laut FAZ-Rezension „die Widerwärtigkeiten des deutschen Bürgertums“ aufdeckt? Sollte sich da jemand in seinem Lebensstil ertappt fühlen? Richtig geraten. Veronica Ferres, von der hier die Rede ist, spricht im Interview mit der Zeitschrift „Gala“ von „Selbstironie“. Und: „Ich beobachte mich und meine Branche sehr kritisch“. Um Veronica Ferres geht es also in der Verfilmung des Sachbuches, das 2011 auf der Bestsellerliste des „Spiegel“ stand. Im Guten wie im Schlechten.

Unter deutschen BettenAber zunächst noch ein Wort zur Vorlage. Hier schildert der Autor Holger Schlageter das Schicksal von Justyna Polanska, im Film gespielt von Magdalena Boczarska. Die Polin, deren wirklicher Name anonym bleibt, schuftet seit elf Jahren in deutschen Haushalten, erst als Au-Pair, dann als schwarz arbeitende Putzfrau. Aus ihren Erlebnissen und aus denen anderer Interviewpartner formte Schlageter eine Geschichte „abscheulicher Verhaltensweisen, die die Auftraggeber ihrer Putzfrau gegenüber an den Tag legen.“ So empfand jedenfalls FAZ-Autorin Sarah Elsing das, was sie da las.

Der Film basiert allerdings nur lose auf dem Buch. Er erfindet eine dieser ignoranten Auftraggeberinnen hinzu. In diesem Fall ist es der ehemalige Schlagerstar Linda Lehmann (Veronica Ferres) bei einem Comeback-Versuch, den ihr Noch-Manager namens „Friedrich“ (Heiner Lauterbach) ein letztes Mal unterstützt. Dieser Friedrich entpuppt sich als bitterböser Friederich. Kurz vor dem Auftritt serviert er das Sternchen der Marke „blond, dumm und sexy“ mit vernichtenden Worten ab: „Für den Markt bist du fünf Kilo zu fett und 20 Jahre zu alt“. Um die äußerst konstruierte Geschichte abzukürzen: Linda landet an der Seite von Justyna als Putzfrau in dem Haus, in dem sie einst selber residierte. Und stellt mit ihren zwei linken Händen natürlich allerlei Unsinn an.

Unter deutschen BettenDamit den Absturz auch alle verstehen, steht am Anfang der gute alte Oliver Pocher als Verkörperung seiner selbst auf einer Bühne. Er darf Linda ansagen, die auf einer Rakete hoch über dem Boden hereinschwebt. Und was passiert, als Linda während der Gesangsdarbietung den bösen Friederich seitlich der Bühne in flagranti mit der 20 Jahre jüngeren, demnächst startenden Schlagerrakete erblickt? Genau: Lindas Fluggerät bricht auseinander und der Altstar landet unsanft auf den Brettern, die ihr noch immer die Welt bedeuten.

So geht es weiter mit Slapstick und Humor unter der Gürtellinie, der aus isolierten Comedy-Nummern ohne erkennbaren Handlungssinn zusammengekratzt wird. Plötzlich jedoch biegt die vermeintliche Stimmungsrakete, die vielleicht noch als Groteske gezündet hätte, in eine Romanze ab. Worin die besteht, darf man nicht verraten, wenn man die aus der Bahn geworfene Filmrakete nicht vollends zur Implosion bringen möchte. Nur soviel: In einer reinen Zweierkiste landet sie nicht.

Unter deutschen BettenDem Regisseur Jan Fehse allein darf man die missglückte Flugbahn wohl nicht vorwerfen. Er hat gezeigt, dass er es besser kann und mit „In jeder Sekunde“ und „Jasmin“ zwei in sich stimmige Arthouse-Dramen vorgelegt. Auch an der Story als solcher liegt es nicht. Dass man die Läuterung eines egomanischen It-Girls glaubwürdig erzählen kann, bewies zum Beispiel Mia Spengler in ihrem Debüt „Back for good“, das dieses Jahr in zwei Kategorien für den „First Steps Award“ nominiert war. Nein, an der Fehlzündung wahr wohl nicht unwesentlich Veronica Ferres beteiligt. Sie fungiert als Ko-Produzentin und erklärt in der „Gala“: „Diese Texte habe ich mir übrigens selbst auf den Leib geschrieben.“

Aber, um auch einmal etwas Nettes zu sagen: Es spielen noch ein paar andere Darsteller mit. Allen voran Magdalena Boczarska, die ihre Putzfrau mit einem großen Kämpferherz und einer Menge Lebensklugheit ausstattet. Den komödiantischen Vogel schießen Simon Schwarz und Milan Peschel (mit Rasta-Perücke) als herrlich durchgeknallte Musikproduzenten ab. Deren Branchenkarikatur führt allerdings zum eigentlichen Schwachpunkt des ganzen Unternehmens: Was macht es für einen Sinn, das Schlager-Businesss mit seinem Heile-Welt-Getue aufs Korn zu nehmen, wenn dabei eine märchenhafte Kuschelromanze herauskommt, die der Schlagerwelt an Rührseligkeit und Einfalt in nichts nachsteht? Wobei noch gar nicht berücksichtigt ist, dass die Kritik am deutschen Schlagerwesen nicht gerade zu den dringlichsten Aufgaben aufgeklärter Gutmenschen zählt. Zumindest seit Heino und Co. in der Postmoderne angekommen sind und sich geflissentlich selbst auf den Arm nehmen.

Wer das Buch gelesen hat, wird bei der Verfilmung von „Unter deutschen Betten“ in die Irre geführt. Nicht um Sozialrealismus geht es, sondern um eine undefinierbare Mischung aus Komödienversuch und Schmonzette. Lediglich die Fans von Veronica Ferres könnten auf ihre Kosten kommen. Denn das selbst ernannte „Superweib“ (Filmtitel von 1996) ist in fast jeder Einstellung zu sehen.

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Wir vergeben daher 3,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: 20th Century Fox

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Unter deutschen Betten

Länge: 90 min

Kategorie: Comedy, Drama, Music

Start: 05.10.2017

cinetastic.de Filmwertung: (3,5/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Comedy, Drama, Music
Start: 05.10.2017

Bewertung Film: (3,5/10)

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