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The Wailing – Die Besessenen

Geschrieben von Frank Schmidke am 8. September 2017

Nicht nur mit mehr als 150 Minuten Spielzeit mutet der koreanische Filmmacher Na Hong-jin den Zuschauern einiges zu, sondern auch mit der mysteriösen, schwer zu durchschauenden Geschichte seines dritten Langfilms „The Wailing – Die Besessenen“. Es scheint, als greife in einem abgeschiedenen Dorf das Böse um sich und infiziere planlos Menschen, die zu besessenen Monstern werden. Auch der Regisseur, der sechs Jahre lang an „The Wailing“ arbeitete, ließ sich von der Obsession seines Sujets anstecken. Der 2016 in Cannes außer Konkurrenz gezeigte Mystery-Thriller verstrickt sich zunehmend in seiner düsteren und abgründigen Atmosphäre.

In den südkoreanischen Bergen tut der Familienvater und Polizist Jong-gu (Kwak Do Won ) einen eher entspannten Dienst. Aber er wird von Alpträumen geplagt und als er in der Regenzeit nachts zu einem Todesfall gerufen wird, denkt sich der Dorfpolizist nichts Böses und lässt sich Zeit. Umso verstörter reagiert er, als er schließlich an der verfallenen Hütte des Ginseng-Bauern ankommt. Dort herrscht bereits seit Stunden rege Betriebsamkeit, denn der der Bauer, der von einem seltsamen Ausschlag befallen ist, hat seine Frau bestialisch und unglaublich blutig niedergestochen.

Doch das bleibt nicht der einzige mysteriöse und brutale Todesfall in der Gegend um das Dorf Goksung. Jong-gu und sein Kollege rätseln noch über den Fall des Ginsengbauern, bei dem angeblich hallozinogene Pilze eine Rolle gespielt haben sollen, als Jong-gus Kollegen ein allein in der Wildnis lebender Japaner (Jun Kunimura) einfällt, der nun als Täter verdächtigt wird. Außerdem hat sich auch Jong-gus kleine Tochter mit dem Ausschlag infiziert und er scheint immer schlimmer zu werden. Auch das Verhalten des Mädchens ändert sich, bis es der Schwiegermutter zuviel wird: Sie beauftragt einen Schamanen das besessene Mädchen zu exorzieren. Jong-gus Alpträume werden unterdessen immer bösartiger.

Vor allem die erdrückenden Regenfälle gleich zu Beginn von „The Wailing“, die auf so verstörende Weise das aktuelle globale Wettergeschehen zu spiegeln scheinen, sorgen für eine im wahrsten Sinne des Wortes trübe Stimmung. Ebenso wie bei Dorfpolizist Jong-gu macht sich eine schläfrige Halbwachheit breit, die einen schon mal am den eigenen Sinneseindrücken zweifeln lässt. Wache ich, oder träume ich noch?

Dabei sind die Polizisten in Na Hong-jins Horrorthrriller anfangs nicht gerade ernstzunehmende Figuren, die eher als etwas vertrottelt eingeführt werden. Angesichts der höchst mysteriösen Todesfälle mit denen es die beiden zu tun haben, ändert sich das allerdings in dem Maße, in dem Jong-gu selbst von den dämonischen Ereignissen betroffen ist, weil seine Tochter zu den Besessenen gehört. Dann entwickelt sich „The Wailing“ zu einem höchst verstörenden Exorzismus-Thriller, mit großer atmosphärischer Dichte die Genre-Elemente des Horrorfilms durchexerziert und die Zuschauer in einen morbiden Bann zieht. „The Wailing“ weiß der Riege filmischer Geisteraustreiber einen ungewöhnlichen Schamanen hinzuzufügen.

Sehr lange bleiben viele wesentliche Elemente des koreanischen Horrorfilms im Unklaren. Handwerklich ist das mehr als beeindruckend und neben dem ausgeklügelten Drehbuch und der peniblen Szenenchoreografie ist die Kameraarbeit von Hong Gyung-pyo („Snowpiercer“, „Mother“) furios und immer sehr dicht an den Figuren. Dass dabei auch Desorientierung auftritt gehört zum Filmkonzept. Vor allem um den mysteriösen zugezogenen Japaner (Jun Kunimura) herum bleibt viele ambivalent. Der wird von den xenophoben Dorfbewohnern in geradezu klassischer Weise zum Verantwortlichen und Sündenbock gemacht. Dabei muss Darsteller Jun Kunimura nicht gerade viel reden, um als harmloser Einsiedler rüberzukommen. Ganz anders, ja geradezu im Gegensatz zu seiner diabolischen, bestialischen Präsenz in Jong-Gus Alpträumen.

Bei aller Detailversessenheit und dem Perfektionsdrang des Regisseurs dreht die Handlung gerade in der letzten halben Stunde des Films, wenn die Zuschauer ohnehin von der fordernden Atmosphäre entkräftet sind, einfach zu viele Volten, präsentiert zu viele Wahrheiten, Deutungsmöglichkeiten und kriminalistische sowie metaphysische Auflösungen. So gesehen ist Na Hong-jins Kommentar durchaus ebenso selbstkritisch wie getrieben: „Nach „The Yellow Sea“ habe ich nur noch an diesem Film gearbeitet. Ich hätte meine Grenzen begreifen sollen, aber mit diesem Projekt bin ich auf etwas Kraftvolles gestoßen. Ich wollte das unbedingt machen.“

Bereits die beiden ersten Langfilme von Na Hong-jin „The Chaser“ (2008) und „The Yellow Sea“ (2010) waren außergewöhnlich und haben dem Filmemacher international viel Beachtung eingetragen. Mit „The Wailing“ wird eine fast sprunghafte inhaltliche und formale Entwicklung des Regisseur sichtbar: Weg von eher geradlinigen actionlastigen Filmen hin zu dramaturgisch vertrackten, abstrakteren Themen und Sujets. In “The Wailing“ zeigt Na hong-jin, welch großes Potential als Filmemacher in ihm steckt, auch wenn ihm dieses Projekt aus den Händen geglitten scheint.

Kunstvoll vermengt der koreanische Filmmacher Na Hong-jin Übernatürliches mit Wissenschaftlichem, Aberglauben mit Naturheilkunde, Halluzination mit dämonischen Verbrechen und gründet dabei seinen Moloch von einem Film in eine abgelegene Berggemeinde, die zwar schon elektrifiziert ist und auch über moderne Kommunikationstechnik verfügt, zugleich aber so aus der Zeit gefallen rückständig wirkt und in animistischer Naturmystik verhaftet scheint. Und hier, in den nahezu perfekt ausgewählten Drehorten in Südkoreas Bergen zeigt sich, dass das Alte noch lange nicht aus der Welt verschwunden ist, nur weil niemand mehr daran zu glauben scheint. Wo, wenn nicht in diesen regenschweren, dicht bewaldeten Berghängen kann sich der Glaube an Dämonen und Geister entwickelt haben.

Mit großer Stilsicherheit inszeniert der koreanische Horror-Thriller „The Wailing – Die Besessenen“ eine klassische Exorzismusgeschichte, die aber mit ihrem asiatischen Background und ihrer überbordenen Dynamik etwas ganz eigenes darstellt. Freunde anspruchsvoller Horror-Kost werden „The Wailing“ trotz oder gerade wegen seiner überbordenden obsessiven Elemente lieben.

The Wailing – Die Besessenen
Originaltitel: Goksung
The Wailing
Südkorea 2016
Laufzeit: 156 Minuten
Kinostart: 12.10.2017
Regie: Na Hong-jin
Bildgestaltung: Hong Kyung Pyo
Darsteller: Chun Woo-hee, Hwang Jeong-min, Jang So-yeon, Jo Han-Cheol Jo, Kwak Do Won

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Länge: 156 Minuten

Kategorie: Drama, Fantasy, Horror

Start: 12.10.2017

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The Wailing – Die Besessenen

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 156 Minuten
Kategorie: Drama, Fantasy, Horror
Start: 12.10.2017

Bewertung Film: (6/10)

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