cinetastic.de - Living in the Cinema

The Secret Man

Geschrieben von Peter Gutting am 19. September 2017

The Secret Man

Wie sich die Zeiten ähneln: Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump werden die Medien geradezu gefüttert mit Interna aus dem Weißen Haus. Auch ein anderer Präsident, der mit der Gewaltenteilung nicht viel am Hut hatte, litt unter solchen undichten Quellen. Richard Nixon kam 1973 über der Watergate-Affäre schließlich zu Fall. Den Berichterstattern der Washington Post und der New York Times half dabei ein Mann, der lange nur als „Deep Throat“ bekannt war: Mark Felt, Vizedirektor des FBI. Ihm setzt der Regisseur Peter Landesman ein filmisches Denkmal.

The Secret ManEin pochender, hämmernder Ton beherrscht den Kinosaal, noch bevor die ersten Bilder aufleuchten. Das Klopfen ist ein Leitmotiv des Soundtracks. Es legt eine unruhige Spannung unter die kühlen Bilder aus dem Zentrum der Macht. Der nicht ganz originelle, aber effektive Emotionsverstärker passt gut zu dem, was Mark Felt (Liam Neeson) später einem Journalisten anvertrauen wird. Ein beharrlicher, leichter Schlag gegen seine Säulen bringe ein Gebäude letztlich zum Einsturz. Das ist das, wozu sich Felt als Informant des Post-Reporters Bob Woodward (Julian Morris) durchgerungen hat. Die spannende Geschichte um die Aufdeckung des Watergate-Skandals ist in dem Filmklassiker „Die Unbestechlichen“ (1976) von Alan J. Pakula mit Dustin Hoffman und Robert Redford bestens beschrieben. Allerdings nur aus der Perspektive der Journalisten. In „The Secret Man“ steht hingegen der „Whistleblower“ im Zentrum, und zwar ganz im Zeichen der Heldenverehrung.

Wir lernen Mark Felt mitten im Kampf um Nixons Wiederwahl im Jahr 1972 kennen. Er ist Vize-Chef des FBI und darf sich nach dem plötzlichen Herztod seines legendären Chefs J Edgar Hoover Hoffnung auf dessen Nachfolge machen. Doch Präsident Richard Nixon ernennt seinen Vertrauten Patrick Gray (Marton Csokas) zum neuen Direktor des FBI. Der weist Felt an, die Ermittlungen zum Einbruch in das Wahlkampfzentrum der gegnerischen Demokraten, das Watergate-Hotel, binnen 24 Stunden zu beenden. Felt soll also den Vorfall vertuschen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits weiß, dass die Spuren ins Weiße Haus führen. Und möglicherweise in der Verantwortungskette bis hinauf zum Präsidenten.

The Secret ManOb Felt aus persönlicher Rache wegen seiner Nichtbeförderung handelte oder aus moralischer Empörung über den Korruptionssumpf, ist historisch umstritten. Regisseur und Drehbuchautor Peter Landesman („Erschütternde Wahrheit“) entscheidet sich für den Heldenmythos eines moralisch einwandfreien Überzeugungstäters. Er stützt sich dabei auf Felts eigene Darstellung seines Lebens und des FBI-Systems. Mehr noch als diese Quelle trägt das Genre des Films zur Verklärung bei. Der ziemlich komplexe Stoff ist als Spionagethriller angelegt, inklusive der dazugehörigen Verrätselung. Wer gerade was über wen weiß und wer auf welcher Seite steht – das bleibt oft unklar. Dem Zuschauer bleibt dann nur, die manchmal losen Fäden der Geschichte einfach fallen zu lassen und sich daran zu orientieren, dass Felt der einzige Gute in der unübersichtlichen Gemengelage zu sein scheint – plus ein paar seiner loyalen Mitarbeiter, um die man aber immer auch ein wenig bangen muss.

Das sind klare Minuspunkte für einen Film, der in Zeiten wie diesen dennoch ungeheuer wichtig ist. Nicht von ungefähr ist Landesman gelernter Journalist. Er weiß, wie wichtig Informanten sind, die weit mehr riskieren als die Berichterstatter, wie die Beispiele von Julian Assange, Chelsea Mannings und Edward Snowden auf erschreckende Weise zeigen. Jemanden wie Mark Felt nicht allein als anonymen „Deep Throat“ durch die Filmgeschichte geistern zu lassen, sondern seine wahre Persönlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen – das ist seit 2005 eine überfällige Aufgabe. In diesem Jahr enttarnte sich Felt nämlich selbst, kurz vor seinem Tod. Die Reporter hatten die ganze Zeit dicht gehalten – auch ein Zeichen für das Funktionieren der Vierten Gewalt in Zeiten, in denen die Präsidenten sich selbst vor Strafverfolgung schützen, indem sie die Ermittlungen behindern.

The Secret ManEin weiterer Grund, warum man den Film trotz dramaturgischer Mängel empfehlen kann, ist die großartige Darstellung von Liam Neeson. Mit meist versteinertem Gesicht spielt der gebürtige Ire („Schindlers Liste“) einen Ermittler, der seine Emotionen an der Bürogarderobe abzugeben scheint. Der aber richtig wütend werden kann, wenn Recht und Moral mit Füßen getreten werden. Und der trotz aller Verhärtungen hinter die Fassade schauen lässt. In ganz kleinen Regungen spiegelt Neesons Gesicht die Fülle einer schwierigen Karriere mit all ihren Widersprüchlichkeiten und persönlichen Opfern. Dadurch verleiht der Hauptdarsteller dem Film einen Mehrwert, der über den allzu glatten Inszenierungsstil hinwegtröstet.

Watergate reloaded: Die überraschenden Parallelen zur aktuellen politischen Lage der USA machen den Reiz von „The Secret Man“ aus. Trotz deutlicher dramaturgischer Schwächen und allzu aufdringlicher Heldenverehrung kann man den dritten Spielfilm des ehemaligen Journalisten Peter Landesman empfehlen, zumindest den politisch interessierten Zuschauern. An „Die Unbestechlichen“, den Klassiker zu Watergate, reicht er jedoch nicht heran.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 6 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Wild Bunch

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
The Secret Man

Länge: 103 min

Kategorie: Biography, Drama, History

Start: 02.11.2017

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

The Secret Man

The Secret Man

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 103 min
Kategorie: Biography, Drama, History
Start: 02.11.2017

Bewertung Film: (6/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten