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Django – Ein Leben für die Musik

Geschrieben von Peter Gutting am 7. September 2017

Django – Ein Leben für die Musik

Noch heute leuchten die Augen von Jazzfans, wenn sie den Namen Django Reinhardt hören. Der begnadete, 1953 gestorbene Musiker begründete nicht nur die Stilrichtung des Gypsy-Swing. Er gilt vielen auch als einer der besten Jazzgitarristen aller Zeiten. In seiner Filmbiografie zeigt ihn der französische Regisseur Etienne Comar auf dem ersten Höhepunkt seiner Karriere – und zugleich als politischen Blindgänger.

Django – Ein Leben für die MusikParis 1943, unter deutscher Besatzung: Der Konzertsaal platzt aus allen Nähten, die Instrumente sind gestimmt, das Publikum scharrt ungeduldig mit den Füßen. Doch der Star des Abends fehlt. Django Reinhardt (Reda Kateb) steht mit seiner Angel an der Seine und genehmigt sich einen weiteren Schluck aus der Schnapsflasche, als ihn sein Kollege aufgabelt und ins Auto zerrt. Trotz des ramponierten Zustandes des „Helden“ wird es noch ein wunderbarer Auftritt. Django und sein Quintett spielen so hingebungsvoll, dass es die Zuschauer nicht mehr auf den Sitzen hält. Den ebenfalls zahlreich präsenten Nazi-Offizieren geht das zu weit. Zwar können sie die eigentlich verfemte Musik nicht verbieten. Aber sie wollen die schlimmsten „Exzesse“, wie sie es verstehen, verhindern. Django soll auf eine Deutschlandtournee gehen und sich dabei verpflichten, nur noch fünf Prozent Synkopen und null Prozent Blues zu spielen. Keineswegs darf er das Publikum zum Aufstehen animieren. Django lehnt ab, aus musikalischen Gründen. Von Politik hat er entweder keinerlei Ahnung oder er verschließt bewusst die Augen davor, in welcher Gefahr er und sein Volk, die Sinti und Roma, schweben.

Django – Ein Leben für die MusikDie lange Konzertszene eröffnet den Film mit einer fein ausgeklügelten Ouvertüre, die zwei widersprüchliche Akkorde einer komplexen Persönlichkeit anklingen lässt. Da ist der Mann, dem in der Musik alles zu gelingen scheint. Der sich aber im Leben treiben lässt, als wäre er ein toter Fisch in der Seine. Django redet nicht viel, ihn interessiert an Hitler nur dessen Schnurrbart, und selbst als ihn die Nazis verhaften lassen, glaubt er immer noch, der Krieg gehe ihn nichts an. Kurzum: Das Genie an der Gitarre ist ein schlechter, weil passiver Held für einen Spielfilm. Regisseur Comar und sein Drehbuch-Coautor Alexis Salatko stellen ihm daher starke, tatkräftige Frauen zur Seite. Zum einen die unkonventionelle und lebensfrohe Mutter Negros (Bimbam Merstein) sowie die fürsorgliche Ehefrau Naguine (Beata Palya). Zum anderen die Geliebte Louise (Cécile de France). Sie ist eine fiktive Figur in der ansonsten weitgehend faktentreuen Handlung. Die mondän-elegante Louise tritt schillernd auf, keiner weiß, was sie eigentlich treibt und warum sie plötzlich zurück in Paris ist. Aber sie kennt sich aus in der Politik, verbündet sich kurioserweise mit der Ehefrau und bringt Django schließlich dazu, mit falschen Papieren an den Genfer See zu reisen, von wo die Familie in die Schweiz fliehen soll. Jedoch verzögert sich die Weiterreise. Während der Wartezeit trifft Django Verwandte, die am See campieren, und findet Muße zum Komponieren.

Django – Ein Leben für die MusikEs wäre ein Klischee, lediglich das Lied vom lebensuntauglichen Genie zu singen. Aber darum geht es dem solide inszenierten und geradlinig erzählten Film nicht. Er zeigt die allmähliche, fast widerwillige Politisierung und Bewusstwerdung des Helden – unmerklich und im Stillen. Nicht die meist unbewegte Mimik und das scheinbar teilnahmslose Gesicht erzählen von der inneren Entwicklungsreise, sondern die zurückgezogenen Momente in einer Kirche, deren Orgel Django zu einem Requiem inspiriert. Was passiert mit einem Menschen, wenn er unter extremen Druck gerät und nicht nur um sein Leben fürchten muss, sondern um das seiner Familie und seines Volkes? Welche Kompromisse geht einer ein, um einige wenige zu retten, während die anderen ermordet werden? Und über welche Schatten springt er, wenn er muss? Davon handeln die Szenen im zweiten Teil des Films, ohne dass dies groß ausbuchstabiert würde.

Der Tanz zwischen Anpassung und Widerstand kulminiert in einem historisch verbürgten Konzert für sämtliche Nazi-Größen aus der näheren Umgebung. Es findet in einer pompösen Villa direkt am Genfer See statt. Django wird unter Androhung von drastischen Konsequenzen aufgefordert, dort für die Nazis eine kastrierte Form seiner Musik zu spielen. Er tut es, aber dann entwickelt sich etwas, das Unterwerfung in Rebellion verkehrt, allein erzählt über Blicke, Kamerafahrten und die Dynamik der Musik.

„Django – ein Leben für die Musik“ setzt auf einen dramaturgischen Kniff, von dem auch einige andere Filmbiografien der jüngsten Zeit profitiert haben. Er reiht nicht eine Lebensstation an die nächste, sondern verdichtet die Wesenszüge seines Helden in einer kurzen Zeitspanne wie unter einem Brennglas. Stilistisch kommt das Regiedebüt des erfahrenen Produzenten und Drehbuchautoren Etienne Comar zwar etwas konventionell daher. An den schauspielerischen und musikalischen Qualitäten des Films gibt es dagegen nichts zu deuteln.

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Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Weltkino, Roger Arpajou

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Django – Ein Leben für die Musik

Länge: 117 min

Kategorie: Biography, Drama, Music

Start: 26.10.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Django – Ein Leben für die Musik

Django – Ein Leben für die Musik

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 117 min
Kategorie: Biography, Drama, Music
Start: 26.10.2017

Bewertung Film: (7/10)

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