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Die Reise der Pinguine 2

Geschrieben von Peter Gutting am 6. September 2017

Die Reise der Pinguine 2

Manchmal reibt man sich die Augen, wenn man die Ankündigungen neuer Filme liest. Bei Raumfahrt- und Actionabenteuern hat man sich an die unendlichen Fortsetzungen ja gewöhnt. Aber muss die Unsitte des Franchise-Geschäfts jetzt auch aufs dokumentarische Fach übergreifen? Werden wir irgendwann den zweiten Teil der „Nomaden der Lüfte“ vorgesetzt bekommen? Oder die x-ste Fortsetzung von „Unsere Ozeane“? „Die Reise der Pinguine 2“ bricht ein Tabu und öffnet die Türen für weitere kommerzorientierte Sündenfälle. Dennoch ist die erneute Reise zu den watschelnden Vogeltieren am Südpol sehenswert, nicht zuletzt wegen ihrer spektakulären Landschaftsbilder.

Die Kamera schwebt über dem Meer, verfolgt einen Schwarm Kaiserpinguine, die wie Delfine übers Wasser springen. Dann taucht sie ein in die eiskalten Fluten, schwimmt neben den Tieren, die sich auf den Rücken legen. Sehr verspielt sieht das aus. Wie eine Horde Kinder auf Urlaub, wenn man einen menschlichen Vergleich heranziehen möchte. Und einen Vorgeschmack auf die anthropozentrische Perspektive geben will, die der Film schon sehr bald einnehmen wird. Nur wenig erinnert daran, dass wir uns in der Antarktis befinden, einem der lebensfeindlichsten Orte der Erde.

Die Reise der Pinguine 2Die Flüge der Drohnen und die Aufnahmen aus den Tauchbooten liefern gleich zu Beginn eine Begründung, warum Regisseur Luc Jacquet eine Fortsetzung seines Films von 2005 für berechtigt hält: Die Kameratechnik hat sich seitdem beträchtlich weiterentwickelt. Sie erlaubt es, noch näher an die Tiere heranzukommen. Und so hat sich Jacquet, der sich nicht als reinen Dokumentarfilmer sieht, dieses Mal eine Geschichte ausgedacht, die sich um eine einzelne Pinguinfamilie dreht, eingefangen in zahlreichen Nah- Groß-, und sogar Detailaufnahmen. Sprecher Udo Wachtveitl, sonst als „Tatort“-Kommissar unterwegs, erzählt uns das Familienabenteuer in leicht onkelhaftem, kindgerechtem Ton: Ein 40-jähriges, sehr erfahrenes Männchen hat mit seiner „Gefährtin“ im Herbst des Lebens zum letzten Mal ein Ei ausgebrütet. Das tun die Kaiserpinguine in einer Weise, die das Herz einer jeden modernen Menschenfamilie höher schlagen lässt, nämlich in perfekter Gleichberechtigung. Sogar das Brüten übernimmt das Männchen in paritätisch ausgefuchster Arbeitsteilung. Der kleine Racker kommt deshalb unter männlicher Obhut auf die Welt, während die Mutter weit entfernt im Meer jagen geht. Wie die unermüdlichen Eltern über weite Wege das Futter heranschleppen und den Nachwuchs unter Entbehrungen und Lebensgefahr durchzubringen versuchen – davon handelt der Film. Das verspricht Spannung, denn die Überlebensrate der Jungtiere beträgt bereits in den ersten Monaten gerade mal 50 Prozent.

Die Reise der Pinguine 2Nicht von ungefähr war der erste Teil der Pinguinreise einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme aller Zeiten, mit 1,4 Millionen Zuschauern allein in Deutschland. Es braucht nämlich nicht viel, um die meist aufrecht laufenden Tiere dem Zweibeiner-Publikum ans Herz zu legen. Wie sie ungelenk einen Schritt vor den anderen setzen, meist im kilometerlangen Gänsemarsch, als wären sie in ihrem frackähnlichen Gefieder auf dem Weg zu einer äußerst wichtigen Versammlung, wie sie eng beieinander stehen, um sich kuschelnd zu wärmen – das hat von sich aus etwas Menschelndes. Schon der erste Film hatte komplett auf die Vermenschlichung der Tiere gesetzt. Er hatte ihnen in der deutschen Fassung sogar Stimmen geliehen, was bei manchen Kritikern gar nicht gut ankam. Diesmal verzichtet Luc Jacquet auf die Stimmen, belässt es rein bei dem Erzähler, der die äußere Gefährdungslage und die innere Verfassung schildert: „Nach vier Monaten ohne Nahrung hat das Männchen Hunger“.

Die Reise der Pinguine 2Sieht man den Film unter rein dokumentarischen Aspekten, scheiden sich an diesem Punkt die Geister. Warum soll ein Tier ähnlich fühlen wie ein Mensch, wenn seine Lebensweise darin besteht, sich soviel Fett anzufressen, damit es monatelang ohne Nahrung auskommen kann? Doch das rein dokumentarische Beobachten ist gar nicht Jacquets Anspruch. Ihn für seine vermenschlichende Heldenreise zu kritisieren wäre so, wie wenn man einem Actionfilm vorwürfe, er vernachlässige die kontemplativen Anteile der menschlichen Existenz. „Ich mache weder rein dokumentarisches Kino, noch mache ich reine Fiktion“, hatte Jacquet anlässlich seines vorletzten Films „Das Geheimnis der Bäume“ gesagt. „Meine Filme sind eine Mischform.“ Bezogen auf „Die Reise der Pinguine 2“ neigt sich der Mix entschieden dem Genre des Familienfilms zu. Nimmt man ihn bei seinem eigenen Anspruch, ist er rundum gelungen. Für die „Kleinen“ gibt es eine herzergreifende Geschichte sowie putzige Gestalten, die immer auch ein bisschen lustig sind. Die „Großen“ dürfen sich an spektakulären Aufnahmen von bizarren Eisformationen freuen und an einer Reise in einen Lebensraum, der vom Klimawandel extrem bedroht wird.

„Die Reise der Pinguine 2“ verlegt sich ganz auf das kassenträchtige Segment des „Family-Entertainment“. Dies vorausgesetzt, muss man den Film für seine großartigen Einblicke in eine bedrohte Welt und seine grandiosen Landschaftsbilder loben. Der Kommentar des Erzählers treibt die Vermenschlichung der Tiere dieses Mal nicht so weit wie im ersten Teil, wo zumindest in der deutschen Fassung die Pinguine eigene Stimmen bekamen. Über den Unterhaltungsfaktor hinaus vermittelt die Reise an den Südpol einige interessante und wichtige Informationen.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Wild Bunch, Daisy Gilardini,

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Die Reise der Pinguine 2

Länge: 84 min

Kategorie: Documentary

Start: 02.11.2017

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Info

Die Reise der Pinguine 2

Die Reise der Pinguine 2

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 84 min
Kategorie: Documentary
Start: 02.11.2017

Bewertung Film: (6,5/10)

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