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Tom of Finland

Geschrieben von Peter Gutting am 26. August 2017

Tom of Finland

Der 1991 gestorbene Zeichner Tom of Finland ist hierzulande vor allem der Schwulenszene ein Begriff. In seinem Heimatland dagegen gilt er als einer der wichtigsten Künstler. Seine homoerotischen Bilder von muskelbepackten Männern in Leder machten ihn nicht nur zu einem Idol der Schwulenbewegung, sondern schafften es auch in die Museen weltweit. Über den Mann, der eigentlich Touko Laaksonen hieß, hat der finnische Regisseur Dome Karukoski eine einfühlsame Biografie gedreht.

Tom of Finland1944, mitten im sogenannten „Fortsetzungskrieg“ der Finnen gegen die Sowjetunion: Eine Gruppe nackter Männer rennt fröhlich über den zugefrorenen See. Offenbar kommen sie gerade aus der Sauna. Sie tollen herum, ringen miteinander, jauchzen über die willkommene Pause inmitten der verlustreichen Kämpfe. Am Rande steht ein Oberst (Taisto Oksanen) in voller Uniform. Ruhig betrachtet er seine Männer – und deren Blicke auf die nackten Körper der anderen. Schnitt: Derselbe Oberst führt Touko (Pekka Strang), den späteren Tom, in einen Wald. Sie verständigen sich ausschließlich über Blicke und kleine Zeichen. Als Touko die kopulierenden Männer im Wald sieht, verabschiedet sich der Oberst.

Im Krieg, so könnte man die Einstellungsfolge interpretieren, waren die Sitten relativ locker. Aber diese Deutung liegt allein in den Bildern. Sie wird durch keinen Kommentar und keinen Dialog vorgegeben. Und so wird es weitergehen in dieser sehenswerten Verfilmung eines aufregenden, abenteuerlichen Lebens. Vieles erklärt sich über eine Regie der Blicke, über die flüssige Montage, die die Kamera scheinbar tanzen lässt. Und nicht zuletzt über die ausgefeilte Lichtdramaturgie, die düstere Zeiten konsequent ins Dunkel taucht.

Tom of FinlandDie kunstvolle Ästhetik passt zu einem Menschen, der sich selbst als Künstler verstand, auch wenn seine Werke lange nur im Verborgenen oder in kleinen Zirkeln existierten. Touko Laaksonen wird 1920 geboren. Im Film lernen wir ihn erst während des Krieges kennen, als jungen Mann, der sich seiner Homosexualität voll bewusst ist und sie auch auslebt. Der aber auch weiß, dass er seine Neigung geheimhalten muss, weil sie strafrechtlich verfolgt wird. Auch Toukos Schwester Kaija (Jessica Grabowski) weiß offiziell nichts davon, obwohl die beiden nach dem Krieg zusammenleben und in derselben Werbeagentur arbeiten. In seiner Fantasie hingegen schafft Touko ein Gegengewicht zur bleiernen Zeit der Heimlichtuerei. Seine Zeichnungen zeigen starke, muskulöse Männer, die ihre Sexualität fröhlich und ungezwungen leben: explizit, orgiastisch und promisk. Die Deutlichkeit seiner Comics überschreitet nicht selten die Grenze zur Pornografie. Zuerst zeigt Touko/Tom die Arbeiten nur engsten Freunden. Dann aber schickt er sie einem Verleger in Kalifornien, wo sie schnell als Schwulen-Pornos Furore machen.

All das erzählen Regisseur Dome Karukoski und sein Drehbuchautor Aleksi Bardy nicht streng chronologisch, sondern in einem Hin und Her aus Rückblenden, Rahmenhandlung, Erinnerungsfetzen und aktuellem Geschehen. Dadurch verwischt zwar die akkurate Aufeinanderfolge des Lebenslaufes. Stattdessen konzentriert sich die Erzählung auf die innere Haltung der wichtigsten Charaktere. Ein wenig erinnert der Film dabei an „Neruda“ von Pablo Larraín, obwohl er sich nicht ganz so weit in ein Zwischenreich aus Fantasie und Wirklichkeit hineinwagt. „Tom of Finland“ interessiert sich erkennbar nicht für eine Heldengeschichte. Dazu passt, dass es kaum finstere Gegenspieler gibt. Das Böse in Form einer heute nicht mehr vorstellbaren Unterdrückung bleibt abstrakt. Es kriecht in die Düsternis der Bilder und legt sich als ständig drohende, thrillerhafte Gefahr über das Geschehen. Das kommt der Sogwirkung und der Unterhaltungsqualität des Films zugute.

Tom of FinlandDie Konzentration auf den durchaus unterschiedlichen Umgang von Tom und seinen Freunden mit der unmenschlichen Diskriminierung verleiht dem Film eine universelle Perspektive. Wie damit umgehen, wenn man nicht man selbst sein darf? Sich anpassen, wie es der Oberst nach dem Krieg versucht? Für eine Veränderung kämpfen, wie es Toms langjähriger Partner Veli (Lauri Tilkanen) propagiert. Oder den Weg in die Kunst suchen und eher unfreiwillig zu einer Ikone der schwulen Befreiungsbewegung avancieren, wie es Tom erlebt hat? Die Spannung zwischen öffentlicher Rolle und privaten Neigungen umreißt der Film mit einem schönen Eingangsbild, das am Ende wieder aufgenommen wird. „Ich will da nicht rein“, sagt Tom zu einem Freund, als sie allein in einer riesigen, einschüchternden Eingangshalle sitzen. Zum Schluss geht er dann doch rein, nimmt den Weg durch eine Tür in die benachbarte, noch größere Halle. Dort steht das Mikrofon, in das er dann sprechen soll, empfangen von einer jubelnden Masse schwuler Männer in Leder und Uniformen. „Jeder ist ein Tom“, lautet der wichtigste Satz seiner Rede.

„Tom of Finland“ ist eine Filmbiografie, die den Fallen des Genres geschickt entgeht. Nicht das lückenlose Nacherzählen eines ereignisreichen Lebens steht im Mittelpunkt, sondern der porträtierte Mensch in vielen, durchaus auch widersprüchlichen Facetten. Regisseur Dome Karukoski bringt dadurch eine Ikone der Schwulenbewegung dem breiten Publikum nahe.

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Tom of Finland

Länge: 115 min

Kategorie: Biography, Drama

Start: 05.10.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Tom of Finland

Tom of Finland

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 115 min
Kategorie: Biography, Drama
Start: 05.10.2017

Bewertung Film: (7,5/10)

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