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Schloss aus Glas

Geschrieben von Peter Gutting am 11. August 2017

Schloss aus Glas

Das Etikett „nach einer wahren Geschichte“ ist ziemlich in Mode gekommen. Doch manchmal ist der Hinweis wichtig. Etwa bei der Verfilmung des biografischen Romans von Jeannette Walls, eines Bestsellers, der weltweit über fünf Millionen Mal verkauft wurde. Walls‘ Familiengeschichte „Schloss aus Glas“ ist so abenteuerlich, dass man sie für heillos übertrieben halten würde, wäre das Ganze reine Fiktion. Regisseur Destin Daniel Cretton hat das Buch mitreißend verfilmt.

Schloss aus GlasAlles an ihr scheint perfekt: die strenge Hochsteckfrisur, das blütenweiße Kostüm, die wie aus dem Ei gepellten Designermöbel. So stellt man sich die Rebellion gegen durchgeknallte Hippie-Eltern vor. „Die reichen Stadtmenschen wohnen in schicken Wohnungen, aber die Luft ist so verschmutzt, dass sie nicht mal die Sterne sehen können“. Das hatte Vater Rex (Woody Harrelson) seiner Tochter Jeannette (Brie Larson) eingebläut, als sie noch ein Kind war. Wie ein Liebespaar lagen sie damals nebeneinander im Schnee und schauten in den Himmel. Weil Weihnachten war, „schenkte“ Woody seiner Lieblingstochter einen Stern. Etwas anderes konnte sich der verarmte Alkoholiker nicht leisten. Aber er hielt seine Art der Kindererziehung für das Beste, was er Jeannette und ihren drei Geschwistern geben könnte: ein freies Leben ohne Schule, mitten in der Natur. Irgendwann wären die Kinder wohl komplett verwahrlost, hätten sie sich nicht aus dem Chaos befreit. Es war ein harter Bruch. Und doch holt die Vergangenheit Jeannette ein, als sie eines Tages ihre Eltern beim Müll-Durchwühlen sieht.

Schloss aus GlasAuf zwei Zeitebenen rollen Cretton und sein Drehbuch-Coautor Andrew Lanham die Familiengeschichte auf. Einmal das Wiedersehen in der Jetztzeit und der daraus folgende neue Machtkampf. Und zum zweiten die Rückblenden mit der abenteuerlichen Kindheitsgeschichte vom ständigen Herumziehen auf der Flucht vor Polizei und Gläubiger. Die Verschränkung der beiden Erzählstränge ist ein kluger Schachzug. So weiß der Zuschauer, dass die Kinder die extremen Wechsel zwischen brutaler Vernachlässigung und liebevoller Romantik am Ende heil überstanden haben. Trotzdem sind die Kindheitsszenen von schockierender Schonungslosigkeit. Es beginnt damit, dass die kleine Jeannette auf einen Stuhl neben dem Herd steigt, um Würstchen für die Familie warm zu machen. „Du weißt, wie das geht“, hatte Mutter Rose Mary (Naomi Watts) zu ihr gesagt, weil sie beim Malen nicht von einem Kind gestört werden wollte, das Hunger hat. Doch das Kleidchen fängt Feuer, die Brandmale über den ganzen Bauch bis zum Unterleib entstellen Jeannette für immer.

Schloss aus GlasEin wenig erinnern die freigeistigen Eltern an die Familie aus „Captain Fantastic“: Vater Rex verfügt genau wie der „Captain“ über Witz, Abenteuerlust, vielseitige Kenntnisse und den festen Glauben, dass das Leben in der Wildnis die beste Schule für Kinder sei. Aber anders als in dem Film aus dem vergangenen Jahr geht es in „Schloss aus Glas“ nicht nur um antibürgerliche Ideologie. Sondern um klare Verletzungen der Fürsorgepflicht und um Übergriffe, die an psychologischen Missbrauch grenzen. Daher ist die Romanverfilmung auch keine Komödie, sondern ein Drama, das von Spannung lebt. Die extrem in sich zerrissenen und widersprüchlichen Eltern sind jeden Moment für Himmel oder Hölle gut. Und können jeden Augenblick von kindgerechtem Fantasieren in brutales Ausrasten umschlagen.

Bis kurz vor Schluss gibt der unter die Haut gehende Film keine Wertung vor. Ist das nun eine Familie, die man nur durch einen radikalen Bruch überleben kann? Oder gilt der abgegriffene Spruch, dass alles, was einen nicht umbringt, nur härter macht? Doch dann kommt die unvermeidliche Feier eines ur-amerikanischen Mythos‘ ins Spiel. Egal, was auch immer passiert ist, die Familie ist und bleibt heilig. Dabei wäre das tränenreiche Auserzählen gar nicht nötig gewesen, um den Weg der realen Jeannette Walls mitzugehen. Versöhnung kann man auch in knappen Andeutungen schildern. Doch durch die emotionalisierende Bild- und Tonsprache legt der Film einen Schluss nahe, den er zuvor vermied: dass all die Übergriffe und Vernachlässigungen den Überlebenswillen und die Durchsetzungskraft der Kinder letztlich gestärkt hätten. Das ist eine Verharmlosung, die die ersten drei Viertel des Films in einer typisch amerikanischen Klischeesoße weichspült.

„Schloss aus Glas“ überzeugt durch seine dramaturgische Strategie und die überragenden Schauspielerleistungen. Besonders Woody Harrelson lotet als Vater Rex die extremen Widersprüche seiner Figur mit atemberaubender Wandlungsfähigkeit aus. Das hilft über den kitschigen Schluss hinweg und sorgt dafür, dass die Wucht dieses zerrissenen Charakters im Gedächtnis nachhallt.

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Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Studiocanal

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Schloss aus Glas

Länge: 125 min

Kategorie: Biography, Drama

Start: 21.09.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 125 min
Kategorie: Biography, Drama
Start: 21.09.2017

Bewertung Film: (7/10)

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