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Radiance

Geschrieben von Peter Gutting am 8. August 2017

Radiance

Manchmal macht man sich die einfachsten Dinge nicht bewusst. Zum Beispiel, dass Kino, dieser dunkle Raum, nur möglich ist durch Licht. Durch Licht, das auf Zelluloid oder einen elektronischen Sensor fällt. Durch Licht, das Menschen, Szenen und Zeiten der Vergänglichkeit entreißt. Um dieses Wunder, das die bewegten Bilder mit der Fotografie teilen, kreist der neue Film der Japanerin Naomi Kawase. Und man weiß nicht, was man mehr loben soll, die ästhetische Meisterschaft oder den inhaltlichen Reichtum.

RadianceDie schlichte Fahrt in einem Auto – in „Radiance“ wird daraus mehr als der Weg der Protagonistin von A nach B. In den hohen Bäumen bricht sich die Sonne, das Licht scheint zu tanzen, dann der Schnitt zu einem Feuer, das selbst den Zuschauerraum zu wärmen scheint. Auch ohne es gesagt zu bekommen, sieht der Betrachter: Hier kommt jemand nach Hause, aufgewühlt, verwundet, aber den Blick zugleich nach außen gerichtet, überscharf in der sinnlichen Wahrnehmung von Details, Stimmungen, Schönheit.

Misako (Ayame Misaki) heißt die junge Frau, die in der Stadt arbeitet und in ihr Elternhaus auf dem Land fährt. Sie liebt das Kino und schreibt Audiodeskriptionen für Sehbehinderte. In einer Testvorführung hat sie gerade eine vernichtende Kritik einstecken müssen. „Aufdringlich“ sei ihr Text, sagt der erblindende Fotograf Nakomori (Masatoshi Nagase). Sie unterschätze die Vorstellungskraft von Menschen, die ihr Augenlicht verlieren, überschütte sie mit Text und gebe Interpretationen vor. In diesem Moment reißt der Film neben der Bedeutung des Lichts ein weiteres Thema an, das um das Wesen des Kinos kreist. Wie kann man mit Worten einfangen, was auf der Leinwand geschieht? Geht bei der Versprachlichung das Wesentliche verloren? Sollte man lieber schweigen, wenn es um Kunst geht? Oder findet die Sprachkunst einen Weg, dem Sichtbaren gerecht zu werden und den Blick auf das Unsichtbare zu ermöglichen. Und wenn ja, ist ein solcher Gebrauchstext dann nicht selbst große Kunst?

RadianceWährend Regisseurin Kawase wie nebenbei eine Reflexion über ihre eigene ästhetische Praxis einfließen lässt, verändert sich der Blick ihrer Protagonistin auf die Welt. Eben noch zählte sie sachlich Fakten auf, nun durchlebt sie die Dinge, statt sie in begriffliche Schubladen zu stecken. Die Kritik des einst berühmten Fotografen war harsch, eigentlich skandalös, wenn man an die traditionelle japanische Höflichkeit denkt. Aber sie rührt an einen Nerv der jungen Frau, an ihre Liebe zum Kino und an Verdrängtes in ihrem Leben. Misako schaut sich einen Fotoband des Bildkünstlers an und entdeckt eine Aufnahme, die einen Ton in ihrer Seele zum Klingen bringt. Trotz der weiterhin ruppigen Umgangsformen treffen sich die beiden öfter und unternehmen schließlich einen Ausflug an den Ort, an dem das für Misako so bedeutsame Foto entstand.

Wie soll man diese Beziehung zwischen der jungen Frau und dem älteren Mann nennen? Als wollte Naomi Kawase erneut die Unangemessenheit der Begriffe gegenüber dem sinnlichen Erleben bloßstellen, fordert sie den Betrachter heraus. „Liebesgeschichte“ trifft es nicht, das ist abgegriffen und vorbelastet. „Seelenverwandtschaft“ kommt dem Kern irgendwie näher. Trotzdem kann die Annäherung an das Sinnliche nicht durch einen Begriff alleine gelingen, sondern nur durch ein Zusammenspiel von charakteristischen Details und ebenso schlaglichtartigen Auslassungen. Eben durch das, was auch Kawases Ästhetik auszeichnet: zurückhaltende, sich Zeit nehmende Bilder, die nichts auserzählen, sondern die Fantasie der Zuschauer fordern. Wie es auch die Testpersonen in dem Deskriptionsstudio bevorzugen, in dem Misako arbeitet.

RadianceDie Kamera von Arata Dodo scheint sich für die Poesie des Alltäglichen genauso zu interessieren wie für das Unsichtbare, das sie zwischen den Bildern aufscheinen lässt. Das eröffnet dem Zuschauer einen breiten Raum für sinnliche und symbolische Assoziationen. Manche von ihnen liegen recht nahe, wie das Verhältnis vom realen Schauen zum Sehen mit der Seele. Andere lassen dem Zuschauer noch eine größere Freiheit zu unterschiedlichen Reflexionen, etwa das Verhältnis von Kino und Leben oder die Beziehungen zwischen dem Film-im-Film, für den Misako die Deskriptionen schreibt, und dem Film, in dem sie eine der beiden Hauptfiguren verkörpert. Somit ist es auch kein Zufall, sondern ein weiterer Beweis für seinen Deutungsreichtum, dass „Radiance“ zu jenen Filmen zählt, bei denen man unbedingt bis zum Ende des Abspanns sitzen bleiben sollte. Dort wird das Verhältnis von Tragik und Freude noch einmal neu ausbalanciert. Unterm Strich ist „Radiance“ nämlich ein Film, der von traurigen Dingen handelt. Aber kein trauriger Film.

„Radiance“ ist bereits der siebte Film, den die Japanerin Naomi Kawase im Wettbewerb von Cannes zeigen durfte. Gewonnen hat sie in diesem Jahr nichts, die Kritiken reichten von „altbacken“ bis „zutiefst poetisch“. Wer sich aber auf ein betörendes Spiel mit dem Licht und eine fein austarierte Beziehungsgeschichte einlassen möchte, wird ein Meisterwerk entdecken.

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Copyright: Concorde

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Radiance

Länge: 101 min

Kategorie: Drama, Romance

Start: 14.09.2017

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 101 min
Kategorie: Drama, Romance
Start: 14.09.2017

Bewertung Film: (8/10)

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