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On the Milky Road

Geschrieben von Peter Gutting am 1. August 2017

On the Milky Road

„Schwarze Katze, weißer Kater“ hieß vor knapp 20 Jahren einer der erfolgreichsten Filme von Emir Kusturica. Tiere spielen auch in seinem neuen Spielfilm eine große Rolle. Es ist das erste fiktive Werk des serbischen Regisseurs seit zehn Jahren. Beim Festival von Venedig waren die Kritiker geteilter Meinung, ob es sich um ein Comeback handele oder einen schwachen Abglanz früherer Meisterwerke. Sicher ist: Seine unverwechselbare Handschrift hat Kusturica nicht verloren. Und seine Fabulierkunst auch nicht.

On the Milky RoadEin Falke kreist über der majestätischen Landschaft, irgendwo in Ex-Jugoslawien. Der Vogel scheint gefährlich. Die Tiere am Boden jedenfalls geraten in Panik, die Gänse springen in eine Badewanne voller Schweineblut. Aber es schwebt noch ein anderer Unheilbringer am Himmel, der Helikopter einer nicht genannten Partei im Bürgerkrieg. Der Falke nimmt die Herausforderung an, opfert sein Leben und bringt den Hubschrauber zum Absturz.

So könnte es gewesen sein, ist es aber nicht. Ein Teil der Szene war ein Traum. Als Kosta (gespielt vom Regisseur selbst) aufwacht, sitzt der Falke, den er „Bruder“ nennt, wohlbehalten auf dem Fensterbrett, bereit, seinen menschlichen Freund weiter zu beschützen in dieser gefährlichen Zeit.

On the Milky RoadDie Eingangssequenz macht klar, wie es Kusturica mit dem Verhältnis von Traum und Wirklichkeit halten wird in seiner mitreißenden Fabel über Krieg, Liebe und Trauer. Nichts ist hier einfach nur real, alles ist größer als das Faktische, ist verwoben mit Märchen, Träumen und der Illusionsmaschine Kino, in dem ein bedeutender Strang von Regisseuren seit Georges Méliès dem Übernatürlichen frönt. Sein Film basiere auf „drei wahren Geschichten und jeder Menge Fantasie“, sagt Kusturica laut Presseheft. Wobei das mit der Wahrheit vermutlich recht augenzwinkernd gemeint ist. „On the Milky Road“ darf man getrost als wilden Ritt durch eine fantastische Szenerie betrachten. Bevölkert mit grotesken Gestalten, getrieben von absurden Verwicklungen und überstrahlt von märchenhafter Schönheit.

Auch der erzählerische Kern basiert auf Figuren, die einem Schelmenroman, einem absurden Theaterstück oder einem Western entlaufen sein könnten. Kosta ist ein gebrochen wirkender Milchmann, der jeden Tag auf seinem Esel über die Frontlinie reitet, um die Soldaten zu versorgen, beschützt durch nichts als einen Regenschirm. Am Krieg irgendwie irregeworden, hat er nichts zu verlieren. Und dadurch unverschämtes Glück. Die rassige Milena (Sloboda Mićalov) will ihn heiraten, Schwester des mächtigen Kriegshelden Zaga (Predrag Manojlovic). Doch Kosta verliebt sich Hals über Kopf in eine geheimnisvolle Italienerin (Monica Bellucci). Gemeinsam brennen sie durch, verfolgt von Soldaten, die die Italienerin einem britischen General der UN-Truppen zurückbringen sollen.

On the Milky RoadNur wenige können es sich leisten, dem Mythos der unsterblichen Liebe so bedingungslos zu frönen, ohne kitschig zu werden. Kusturica inszeniert die übergroßen Gefühle mit dem Augenzwinkern eines Märchenonkels. Gerade weil er seinen Film von vornherein als Fabel anlegt, in dem Tiere eine entscheidende Rolle spielen, kann er alle Register des Fantastischen ziehen. Wie in alten Sagen werden die Liebenden von Bienen beschützt, von Schafen versteckt und vom allseits wachsamen Falken begleitet. Und wenn es gar nicht mehr weiter geht, überleben sie einen tosenden Wasserfall. Das klingt in der Nacherzählung wie eine Klischeesammlung. Doch Kusturica ist und bleibt ein Magier, der sämtliche Stereotypen in einen Jungbrunnen taucht, aus dem sie wie neugeboren hervorgehen. Das hat damit zu tun, dass er fest an die Macht des Surrealen glaubt. Und an einen Bilderrausch, in dem sich die visuelle und erzählerische Fantasie frei austoben darf, scheinbar unbedrängt von Budgetvorgaben und technischen Grenzen. Es zählen allein die Logik der Träume und das Feuerwerk immer neuer Einfälle. Das tut dem visuellen Zauber des Films, seiner behutsam schwebenden Kamera, der opulenten Ausstattung, unterlegt von treibendem Balkan-Pop, sichtbar gut.

Mit ungebremster Fabulierlust kehrt Emir Kusturica auf die Kinobühne zurück. Anspielungsreich, vieldeutig und mit großer visueller Wucht erzählt er eine Geschichte, die nur so wimmelt von barocken Figuren und eigenwilligen Überlebenskünstlern. Nichts ist real, doch vieles ist wahrhaftig in diesem kunstvollen Comeback, das an Kusturicas große Erfolge aus den 1980ern und 1990ern wie „Papa ist auf Dienstreise“ oder „Underground“ anknüpft, für die er jeweils eine Goldene Palme gewann.

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Copyright: Weltkino

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On the Milky Road

Länge: 125 min

Kategorie: Drama

Start: 07.09.2017

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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On the Milky Road

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 125 min
Kategorie: Drama
Start: 07.09.2017

Bewertung Film: (8/10)

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