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Mr Long

Geschrieben von Frank Schmidke am 21. August 2017

Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt ist immer von Vorteil. So kann auch der Titelheld in dem japanischen Film „Mr. Long“ auf alternative Weise seinen Lebensunterhalt verdienen. Ein taiwanesischer Profikiller strandet in Japan und schlägt sich mit einer mobilen Suppenküche durch. „Mr. Long“ heißt das jüngste Werk des japanischen Regisseurs Sabu und hat durchaus auch komödiantische und anrührende Momente, im Grunde aber ist „Mr. Long“ ein Gangster-Film, der mit einiger genreüblicher Brutalität aufwartet, also nichts für schwache Nerven.

In Taiwan arbeitet Mr. Long (Chen Chang) als Killer für ein großes Syndikat. Die äußerst blutige und schnell choreografierte Eröffnungsszene führt dem Zuschauer dann auch sehr eindrucksvoll vor Augen, dass der Killer am liebsten mit dem Messer arbeitet. Als sein Boss ihn dann aber nach Japan schickt, geht Mr. Longs Plan gründlich in die Hose und nur unter äußerster Anstrengung gelingt ihm die Flucht vor der Bande des potentiellen Opfers.

Mr. Long wacht in einer heruntergekommenen und verlassenen Vorstadtsiedlung wieder auf. Ein aufgeweckter Junge interessiert sich für den Fremden und besorgt ihm etwas Gemüse. Anschließend macht sich Long daran, in den leer stehenden Häusern Kochgeschirr aufzutreiben und eine Suppe zu kochen. Wie sich herausstellt, heißt der Junge Juns (Runyin Bai) und seine Mutter stammt auch aus Taiwan. Allerdings mündeten deren Hoffnungen und Träume schnell in der Gosse. Als drogensüchtige Prostituierte kommt sie mehr schlecht als recht über die Runden.

Mr Long braucht Geld, um auf irgend eine Weise wieder zurück nach Taiwan zu kommen, doch inzwischen nimmt er sich auch Juns Mutter an, setzt sie auf kalten Entzug und lernt so die hilfsbereiten und freundlichen Nachbaren von Jun kennen. Die sind schnell von Longs Kochkünsten begeistert und helfen dem schweigsamen Killer ungefragt, eine fahrbare Suppenküche aufzubauen, mit der er seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Longs Rindersuppen werden auch schnell zu einem heiß begehrten Tipp.

Im Grunde genommen ist „Mr.Long“ ein ziemlich brutaler Gaunerfilm, der allerdings mit den Genreklischees spielt und so auch Raum für Humor, Drama und Menschlichkeit schafft. Dass dabei ein cooler, schweigsamer Killer und ein Kind im Mittelpunkt stehen, erinnert an „Leon, der Profi“ und auch die im Genre arg oft bemühte Romanze zwischen einem bösen Buben und einem gefallenen Mädchen hat einige filmische Vorbilder. Und obwohl der japanische Filmmacher, Autor und Schauspieler Sabu  („Postman Blues“) in seinen vielen Filmen immer wieder Genres vermengt, stilistisch und inhaltlich ungewöhnliche Wege geht, so ist „Mr. Long“ bezüglich der Liebesgeschichte weit weniger experimentell als das Gangster-Musical „Ruined Heart“ des indonesischen Independent-Regisseurs Khavn, dessen Filme hierzulande ja auch bei Rapid Eye Movies vertrieben werden.

Unabhängig davon, dass die Aussage von „Mr. Long“ sich schwerlich auf einen Punkt reduzieren lässt und der Film vielmehr eine Art soziologische Versuchsanordnung ist, entfaltet das souverän erzählte Gangster-Drama einen fesselnden Charme, der nicht nur von dem ausgesprochen lässig agierenden taiwanesischen Star Chen Chang ausgeht, sondern auch von der Menschlichkeit, die sich durch viele der Szenen zieht.

Dass dem Killer mit dem Kochtalent derart viel menschliche Wärme und Hilfsbereitschaft zuteil wird, dass er sich einfach nicht entziehen kann, wirkt sich auch auf den Zuschauer aus und über weite Strecken ist die positive, lebensbejahende Energie von „Mr. Long“ so präsent, dass die brutale Prämisse des Films in den Hintergrund gerät. Freilich, es gibt auch bei Sabu kein richtiges Leben im Falschen, will sagen, die Vergangenheit holt die Charaktere wieder ein.

„Mr. Long“ erzählt nicht nur eine märchenhafte Geschichte und zeigt eine ungewöhnliche Freundschaft, sondern singt auch ein Loblied auf die Solidarität derer am unteren Rand der Gesellschaft und weist damit auch auf gesellschaftliche Probleme in Japan hin, die sonst in japanischen Filmen kaum präsent sind: Armut, Fremdenfeindlichkeit, Ghettoisierung, Verfall von Sozialstrukturen. Das kann man jetzt wie auch das Kino des Ken Loach sozialromantisch finden, aber es liegt eine betörende positive Kraft in der Idee, sich gegenseitig zu helfen, einfach, weil Hilfe Not tut.

Nicht nur aufgrund seiner tollen Besetzung und der souverän inszenierten Bilder ist das Gangster-Drama „Mr.Long“ des japanischen Filmmachers Sabu ein ungewöhnlicher und schöner Film. Die Schönheit liegt in dem Gangster-Genre allerdings auch unter etlichen brutalen und blutigen Bildern versteckt.

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Länge: 128 Minuten

Kategorie: Action, Crime, Drama

Start: 14.09.2017

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Mr Long

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 128 Minuten
Kategorie: Action, Crime, Drama
Start: 14.09.2017

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