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Lady Macbeth

Geschrieben von Peter Gutting am 29. August 2017

Lady Macbeth

Der sowjetische Diktator Josef Stalin ließ die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dimitri Schostakowitsch verbieten. Das verwundert nicht, denn die Geschichte einer zwar skrupellosen, aber freiheitsliebenden Frau passte knapp 20 Jahre nach der Oktoberrevolution nicht mehr ins emanzipatorische Konzept. Doch nicht nur die Oper, sondern auch die sie inspirierende gleichnamige Novelle von Nikolai Leskow leben weiter. Der britische Regisseur William Oldroyd verleiht dem Stoff in seiner Neuverfilmung eine faszinierende Aktualität.

Lady Macbeth„Ist dir nicht kalt?“, fragt der wohlhabende Alexander (Paul Hilton) seine Frau Katherine (Florence Pugh). Die rund 30 Jahre Jüngere ist gerade angekommen in dem feudalen Herrenhaus in den englischen Hochmooren, wo der Wind über die karge Heidelandschaft pfeift. Nein, kalt ist der stolzen, selbstbewussten Angetrauten aus ärmlichen Verhältnissen nicht. Dazu fließt das Blut wohl noch zu leidenschaftlich in den jungen Adern. Aber kalt wird es ihr werden – im übertragenen Sinn. Der Haushalt, der vom hartherzigen Schwiegervater Boris (Christopher Fairbank) dominiert wird, behandelt die in edle Gewänder gehüllte neue „Herrin“ wie ein Stück Vieh. Schon wenige der klaren, symbolstark komponierten Einstellungen zeigen einem eisige, frauenverachtende Verhältnisse. Sogar Dienerin Anna (Naomi Ackie) kennt kein Erbarmen, wenn sie am Abend die wallende Haarpracht der jungen Frau mit schmerzhaften Bürstenstrichen zu bändigen versucht.

Lady MacbethImmer wieder zeigt uns Regisseur Oldroyd die unter Hausarrest gestellte, von Langeweile erstickte Katherine, wie sie sich in einem prachtvollen blauen Kleid auf ein edles Sofa setzt. Sie blickt direkt in die Kamera. „Was würdest du tun?“ scheint der verzweifelte, aber stolze Blick den Zuschauer zu fragen. Schon die von Leskow stammende Anspielung auf Shakespeare verrät, dass Katherine etwas Furchtbares tun wird. Sollen wir sie dafür verurteilen? Das lässt der Film, der die Handlung im Jahr 1856 ansiedelt, ähnlich offen wie die 1865 vollendete Novelle. Mehr noch: Der Film verstärkt die mögliche Sympathie mit einer mehrfachen Mörderin, indem er den Schluss verändert und mit der Dienerin eine neue, als Sündenbock brauchbare Figur einführt.

Lady MacbethTheaterregisseur Oldroyd und seine Drehbuchautorin Alice Birch erzählen das Drama der lebenshungrigen Frau mit genuin filmischen Mitteln. Kaum sind die beiden Hausherren einmal verreist, durchbricht Katherine den Hausarrest und zieht durch die wilde, unberührte Landschaft. Eine Frau wie eine Naturgewalt, ungezähmt und zugleich so unschuldig wie ein verspielter Hund, der zu lange keinen Auslauf hatte. Es braucht im Grund nur diese klug komponierte Einstellung, um die Charakterskizze einer Frau zu entwerfen, die sich von verwandten literarischen Figuren des 19. Jahrhunderts in einem wichtigen Punkt unterscheidet, mögen sie nun Emma Bovary, Effi Briest oder Anna Karenina heißen. Katherine fackelt nicht lange, verschwendet ihre Zeit nicht mit Despressionen, sondern nimmt sich, was ihr zusteht. Und zwar so radikal, wie es die Umstände erfordern. Die erotische Lust ist in Oldroyds Fassung dabei nur ein Aspekt der Befreiung, nicht unwichtig, aber auch nicht alles andere an den Rand drängend.

Äußerlich erscheint „Lady Macbeth“ als Kostümdrama. Aber die von harten Schnitten vorangetriebene Handlung erzählt nicht die oft gesehene Unterdrückungsgeschichte aus finsteren, längst überwundenen Verhältnissen. Die aufgeräumten, wie gemalt wirkenden Bilder entfalten ihre stille Wucht, indem sie dem Zuschauer wenig Raum zur Distanzierung bieten. Wie würde man selbst entscheiden, wenn einem jegliche Freiheit genommen würde? Darauf gibt der Film keine Antwort und öffnet auch keinen Raum für schnelle Urteile. Seine Stärke ist die vorurteilslose Beobachtung, selbst wenn sich die Empathie für die Titelfigur auch ohne explizite Vorgaben einstellt.

Mit seiner Neuverfilmung hat der britische Theaterregisseur William Oldroyd dem historischen Stoff neues Leben eingehaucht. Seine Modernisierung lebt nicht von oberflächlichen Mätzchen, sondern von schaurig-schönen Bildern und einer überzeugenden Hauptdarstellerin. Indem er „Lady Macbeth“ nicht moralisch beurteilt, stellt er umso dringlichere ethische Fragen, die leider wieder höchst aktuell sind: Wie weit darf man gehen, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird?

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Koch Films

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Lady Macbeth

Länge: 89 min

Kategorie: Drama

Start: 02.11.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Lady Macbeth

Lady Macbeth

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 89 min
Kategorie: Drama
Start: 02.11.2017

Bewertung Film: (7,5/10)

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