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The Square

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 26. Juli 2017

The Square

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund zelebrierte in „Höhere Gewalt“ den Zerfall einer kleinen Familie, als bei einer heranrollenden Lawine der Ehemann und Vater nicht etwa Frau und Kinder in Sicherheit brachte, sondern vielmehr sich selbst. In seinem Drama „The Square“ geht Östlund nun noch einen Schritt weiter, indem er mit einer ordentlichen Portion Humor den Zerfall einer ganzen Gesellschaft zelebriert.

The SquareDer Mittvierziger Christian Nielsen (Claes Bang) ist Kurator eines Stockholmer Museums und bereitet aktuell eine der wichtigsten Ausstellungen seines Lebens vor. Bei besagtem Projekt handelt es sich um ein beleuchtetes vier mal vier Meter großes Quadrat direkt vor dem Museum, das auf einer Steinplatte eine ganz besondere Botschaft bereithält. Innerhalb dieses Quadrats sind nämlich alle Menschen gleich, besitzen die gleichen Rechte, aber auch die gleichen Pflichten und Nöte.

Was mit einer umfangreichen PR-Kampagne inszeniert werden soll, ist für Christian allerdings erst einmal nur ein Problem am Rande. Diesem wurde nämlich vor kurzem auf offener Straße Brieftasche und Handy entwendet, welches er per Ortungssystem bis zu einem Häuserkomplex am Rande der Stadt verfolgen konnte. Dort verteilt er schließlich 150 Briefe mit der eindeutigen Botschaft, dass er den Dieb kennt und dieser umgehend das Beutegut am nahegelegenen Supermarkt abgeben soll, sonst würde er den Namen veröffentlichen. Was anfangs nach einer guten Idee klingt, läuft schon bald total aus dem Ruder.

The SquareRuben Östlunds Drama „Höhere Gewalt“ begeisterte im Jahre 2014 die Jury bei den Filmfestspielen von Cannes so sehr, dass diese kurzerhand den Preis der Jury dafür vergaben. Drei Jahre später war Östlund nun wieder im Wettbewerb vertreten, wo seine überspitzte Satire „The Square“ die Goldene Palme erhielt.

Thematisierte Östlund in „Höhere Gewalt“ noch die Rolle des Mannes in einer Gefahrensituation und die Aufarbeitung des eigenen Fehlverhaltens, geht er diesmal noch einen Schritt weiter. In „The Square“ geht dieser nämlich der Frage nach, an welchem Punkt die Unmenschlichkeit so groß ist, dass sich der Mensch und somit auch der Zuschauer über die Ungerechtigkeit erhebt und dieser zu begegnen versucht. Mit der Figur des Kurators Christian wird dies auch sogleich entsprechend eingeführt, wenn dieser als selbstverliebtes Ewas dargestellt wird, der seine Arbeit liebt, gleichwohl aber auch die Annehmlichkeiten dieser Anstellung zu schätzen weiß.

The SquareDas gipfelt schließlich in einem eigenartigen Interview mit der amerikanischen Kunstjournalistin Anne (Elisabeth Moss), bei dem ältere Zitate hervorgekramt werden und Christian das eigene Unwissen dann so gekonnt nutzt, dass schließlich die Handtasche der Journalistin als philosophische Frage der Kunst herhalten muss, wodurch erneut nichts ausgesagt wird. Lacher sind an dieser Stelle bereits garantiert, doch Östlund hält nicht nur der Kunstszene den Spiegel vor, sondern einer ganzen Gesellschaft.

Das geht schließlich so weit, dass die Frage nach der Gleichheit aller Menschen in besagtem Quadrat angeführt wird, wo nun auch Obdachlose zum Thema werden. Diese sind ein Teil von Stockholm, betteln an jeder Ecke, man sieht und ignoriert sie. Sind diese Menschen nun genau so viel Wert wie andere? Kann man diese auf eine Stufe stellen mit Bankangestellten, Künstlern und Philosophen? Gilt das Quadrat auch für sie?

The SquareDie Figur des Christian glaubt tatsächlich, dass dies so sein kann, woraufhin Östlund auch dies ad absurdum zu führen beginnt. Er zeigt einen Mann, der bemüht ist Gleichheit zu leben, gleichwohl aber auch anerkennen muss, dass er durch eigene und auch durch äußere Faktoren immer wieder dahingehend beeinflusst wird, dass das eigene Wohl plötzlich im Vordergrund steht. Die Grundfrage lautet aber, wie weit würde ein Mensch gehen, um der Ungerechtigkeit zu begegnen und sich gegenüber dieser zu erheben?

Diese Frage beantwortet Östlund im letzten Drittel seines Films in einer beeindruckenden Sequenz, wenn wir den Künstler Julian (Dominic West) bei einem Dinner der Stockholmer Kunstszene sehen, wie dieser eine Art Affenperformance vorführt und dabei immer animalischere Züge annimmt. Auf allen Vieren stürmt er durch den Raum, schnüffelt erst an Gästen, springt schließlich auf den Tisch und versucht eine Dame recht eindeutig und sehr grob zu begatten. Was lange Zeit belächelt wird, zuweilen sogar Applaus erntet, schlägt um in eine Bedrohung für das eigene Wohl, woraufhin sich erst zögerlich, dann bestimmend, die Gäste zusammentun, um dem Treiben ein Ende zu bereiten.

Szenen wie diese erschrecken, gehen zuweilen sogar zu weit, wodurch sich so mancher Zuschauer die Frage stellen wird, warum gerade dieser Film die Gunst der Jury in Cannes erlangen konnte. „The Square“ ist ganz ohne Frage außergewöhnliches Kino mit einer Vielzahl an feinen Andeutungen, die man ganz unterschiedlich interpretieren kann. Ein Film, den man sehen sollte, gleichwohl aber auch ein Film, der mit fast zweieinhalb Stunden grenzwertig erscheinen könnte.

Der Schwede Ruben Östlund präsentiert mit „The Square“ eine bitterböse Satire, die sich nicht nur an die Kunstszene, sondern an die ganze Gesellschaft zu richten scheint. Thematisch ein sehr ungewöhnlicher Film, der mit seinen vielen Details und Feinheiten zu längeren Gesprächen im Anschluss verleiten wird.

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Copyright: Alamode Film

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The Square

Länge: 142 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 19.10.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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The Square

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 142 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 19.10.2017

Bewertung Film: (7/10)

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