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Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille

Geschrieben von Peter Gutting am 8. Juli 2017

Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille

Arm, aber sexy – auch so kann man Filme machen, wie einige Improvisationskünstler unter den Regisseuren bewiesen haben. Die Gruppe, die man unter dem unglücklichen Namen „German Mumblecore“ zusammengefasst hat, verzichtete bei ihren Debüts und Zweitfilmen ganz bewusst auf Fördergelder. Denn die hätten sie, ohne ein Drehbuch einzureichen, sowieso nicht bekommen. Ewig konnte die (Selbst)Ausbeutung jedoch nicht weitergehen. Und so hat jetzt auch Nico Sommer, der mit „Silvi“ und „Familienfieber“ zu den Pionieren des „German Mumblecore“ zählt, seinen ersten Film nach einem Drehbuch mit ausgeschriebenen Dialogen inszeniert.

Lucky Loser – Ein Sommer in der BredouilleDas Geld des Filmemachers ist das eine, die materielle Lage seiner Protagonisten das andere. Und so schlägt das Herz von Nico Sommer weiterhin für mittellose Helden. Mike, gespielt von dem wunderbaren Peter Trabner, steckt schon seit Längerem in einer Pechsträhne. Die fing damit an, dass seine Frau Claudia (Annette Frier) eine Beziehungspause einforderte. Die Auszeit dauert nun schon neun Jahre, aber Mike findet, dass Claudia trotz ihrer Liaison mit dem beruflich erfolgreichen, aber privat recht spießigen Thomas (Kai Wiesinger) die „Pause“ endlich beenden sollte. Objektiv gesehen besteht dafür wenig Anlass. Einziger Strohhalm könnte nur die Tatsache sein, dass die gemeinsame Tochter Hannah (Emma Bading) mit ihren nunmehr 15 Lenzen das öde Leben im Luxushaushalt von Mutter und Stiefvater satthat. Hannah braucht erkennbar mehr Freiheit, packt die Koffer und zieht zu ihrem Chaos-Dad. Zu dumm, dass der gerade seine Wohnung verloren hat. Trotzdem will Mike die Chance nicht verpassen. Kurzerhand beschafft er einen abgewrackten Campingwagen und fährt mit der Tochter auf einen Zeltplatz, auf dem bald auch Hannahs dunkelhäutiger Freund Otto (Elvis Clausen) auftaucht.

Lucky Loser – Ein Sommer in der BredouilleWelche Funken Nico Sommer aus den unangenehmen Überraschungen des Lebens schlagen kann, hat er mit „Silvi“ und „Familienfieber“ bewiesen. Unvergessen, wie Silvis langjähriger Ehemann die Beziehung abrupt beendet, im Auto, völlig aus heiterem Himmel, mit einer Hasstirade, die vor Ungerechtigkeiten nur so schreit. Und ebenso nachdrücklich bleibt in Erinnerung, wie die beiden Ehepaare in „Familienfieber“ reagieren, als sie urplötzlich erfahren, dass beide mit dem Partner des jeweils anderen fremdgehen: Schweigen, schrilles Gelächter, spontane Wutausbrüche. In „Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille“ hingegen wirken die unverhofften Entdeckungen weniger frisch und spontan. Da zeigt sich, welch einen Unterschied es gerade bei recht unwahrscheinlichen Vorgaben macht, ob die Schauspieler vorformulierte Sätze aufsagen oder ob sie spontan am Set auf die neue Situation reagieren. Überhaupt dominiert in Sommers drittem Spielfilm das Ausgedachte. Schwer vorstellbar, wie der verlotterte Mike und die kontrollwütige Claudia jemals ein Paar sein konnten. Wie am Reißbrett entworfen wirkt auch die Figur des Otto, die aus einer Culture-Clash-Komödie wie „Willkommen bei den Hartmanns“ geradezu abgekupfert sein könnte.

Lucky Loser – Ein Sommer in der BredouilleDennoch hat den Regisseur das besondere Händchen für Situationskomik bei seinem Weg in Richtung Mainstream nicht verlassen. Einzelne Episoden sind als in sich abgeschlossene Sketche durchaus gelungen, etwa der martialische Auftritt von Claudia, als sie – von der Camping-Idee zunächst nichts ahnend – auf den Zeltplatz einmarschiert. Oder die verrückte Idee des Wohnwagen-Nachbarn, für Mike und Claudia einen Abenteuertrip in einem echten Panzer zu buchen, um sie auf engem Raum irgendwie neu zu verkuppeln.

Grundsätzlich aber drängt sich der Vergleich mit Nico Sommers Regiekollegen Tom Lass auf, der beim Filmfest München, wo beide Filme ihre Premiere hatten, seine dritte Arbeit „Blind & Hässlich“ vorstellte. Auch Lass hat erstmals ein ausgeschriebenes Drehbuch verfasst, angeblich sogar 148 Seiten lang, um die Redaktion des Kleinen Fernsehspiels zufriedenzustellen. Doch nach eigenem Bekunden warf er den größten Teil einfach weg, um stattdessen wie gewohnt munter drauflos zu improvisieren. Lass‘ Film hat genau die Frische und Glaubwürdigkeit, die Sommers Komödie zum Teil fehlt.

Ein Stück weit Richtung Mainstream wollte sich Nico Sommer mit seinem dritten Spielfilm bewegen. Dafür hat er das Improvisieren weitgehend aufgegeben und meist mit ausgeschriebenen Dialogen gearbeitet. Das tut „Lucky Loser – ein Sommer in der Bredouille“ nicht gut, vor allem, wenn man die absehbare und unglaubwürdige Geschichte im Ganzen betrachtet. In einzelnen Momenten jedoch setzt sich Sommers Talent für Situationskomik gegen konventionelle Muster durch. Und bietet deutlich mehr anarchischen Humor als die üblichen Stereotypen deutscher Komödien.

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Copyright: Farbfilm, Neue Schönhauser Filmproduktion

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Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille

Länge: 94 min

Kategorie: Comedy

Start: 10.08.2017

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille

Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 94 min
Kategorie: Comedy
Start: 10.08.2017

Bewertung Film: (6/10)

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