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Haus ohne Dach

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 24. Juli 2017

Haus ohne Dach

Wenn von Flüchtlingen gesprochen wird, steht zumeist das Politische an erster Stelle. Woher kommen diese Menschen, warum haben sie ihrer Heimat den Rücken gekehrt und wie kann man dies als Land, wohin eben diese Menschen flüchten, finanziell bewältigen? Die deutsch-kurdische Filmemacherin Soleen Yusef kennt diese Perspektive zur Genüge, weshalb sie sich für ihren Abschlussfilm der Geschichte hinter diesen Menschen widmete.

Haus ohne DachDie drei Geschwister Liya (Mina Sadic), Jan (Sasun Sayan) und Alan (Murat Seven) sind in der kurdischen Region des Irak geboren, mussten von dort allerdings fliehen, als die Situation für die Familie zu gefährlich wurde. In Deutschland aufgewachsen, haben sich die drei recht unterschiedlich entwickelt, denn während Jan versuchte den verstorbenen Vater zu ersetzen, wurde Alan am ehesten zum familiären Rebell. Als eines Tages ihre Mutter Gule (Wedad Sabri) verstirbt, werden die drei mit einem recht ungewöhnlichen letzten Wunsch im Testament konfrontiert. Diese wünscht sich nämlich nichts sehnlicher, als neben ihrem verstorbenen Ehemann beerdigt zu werden.

Was für viele wie selbstverständlich klingen mag, entwickelt sich nun allerdings zum echten Problem, denn besagter Ehemann wurde seinerzeit in einem Dorf der kurdischen Heimat beerdigt, das es so schon gar nicht mehr zu geben scheint. Entgegen aller familiärer Ratschläge machen sich die drei dennoch mit dem Sarg ihrer Mutter auf eine lange Reise, bei der nicht nur viele Probleme bewältigt werden müssen, sondern auch ein lange gehegtes Geheimnis ans Tageslicht kommt.

Haus ohne DachDie deutsch-kurdische Filmemacherin Soleen Yusef ist im kurdischen Teil des Irak geboren und aufgewachsen, musste von dort allerdings mit nur neun Jahren zusammen mit ihrer Familie nach Deutschland fliehen. „Haus ohne Dach“ ist nicht nur Yusefs Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg, sondern vor allem eine Aufarbeitung eigener Erfahrungen und derer von Freunden, wie es ist, die Heimat zu verlassen.

Bereits die Vorbereitungen zum Dreh gestalteten sich dabei recht schwer, denn „Haus ohne Dach“ sollte nicht nur im kurdischen Teil des Irak spielen, sondern dort auch gedreht werden. Leider eroberte der IS zu dieser Zeit die Stadt Mossul, wodurch nicht nur die Dreharbeiten stillstanden, sondern Yusef diese Zeit auch noch einmal nutzte, um den eigenen Film in Teilbereichen umzuschreiben. Entstanden ist dabei eine Familiengeschichte, die ganz individuelle Probleme fokussiert, gleichwohl aber auch das politische Geschehen nicht außer Acht lässt, das dem Zuschauer in Form von Radio und TV Übertragungen immer wieder deutlich gemacht wird.

Haus ohne DachNeben den angesprochenen politischen Gegebenheit stehen natürlich die drei recht unterschiedlichen Geschwister im Fokus, die alle auf ihrer Weise mit dem Tod der geliebten Mutter und deren Beerdigung umzugehen haben. Jan als heimliches Familienoberhaupt, das irgendwie versucht die Situation in den Griff zu bekommen, Alan, der gegen alles und jeden zu rebellieren versucht, und die jüngere Liya, die jedwede Erinnerung an ihre Mutter behalten will, gleichwohl aber auch keine Gefühle nach außen hin zulassen kann.

Daraus entsteht eine recht ungewöhnliche Rundreise durch den Irak, bei der Streit auf der Tagesordnung steht, die Geschwister aber auch lernen, einander beizustehen. Probleme werden bewältigt, Unausgesprochenes plötzlich thematisiert, wodurch ein grauenhaftes Geheimnis des Vaters ans Tageslicht kommt, mit dem ein jeder anders umzugehen versucht. Ganz nebenbei werden die drei noch von weiteren Familienmitgliedern verfolgt, denn wo die drei den letzten Wunsch ihrer Mutter zu respektieren versuchen, kann der Onkel mit der Entführung des Sarges nur schwer leben.

Dabei werden Themen wie Stolz und Familienzusammenhalt angesprochen, gleichwohl entdecken die Geschwister einen Teil ihrer Heimat, den sie nur noch aus Kindheitserinnerungen kennen. Alte Traditionen werden ihnen wieder bewusst, wenn sie beispielsweise bei einer fremden Familie aufgenommen werden, als ihr Auto liegen bleibt. Das gemeinsame Essen, die Gespräche im Kreise der Familie, gleichwohl aber auch die politischen Probleme, die ein jeder in diesem Teil des Landes anders zu bewältigen versucht.

„Haus ohne Dach“ ist zweifelsohne ein sehr persönlicher Film von Soleen Yusef geworden, der rückblickend auf die eigene Flucht viele private Details verarbeitet, dem Zuschauer aber auch gleichwohl deutlich macht, dass sich hinter den Flüchtenden echte Menschen mit echten Problemen und Sehnsüchten verbergen. Ein sehr ruhiger Film, der sich in erster Linie mit vielen ländlichen Bildern einer Handkamera sowie dem fast vollständigen Verzicht auf eine musikalische Untermalung auszeichnet.

Mit „Haus ohne Dach“ präsentiert Soleen Yusef dem Zuschauer einen sehr persönlichen Film über familiäre Werte, Traditionen und den Versuch dreier unterschiedlicher Geschwister, den letzten Wunsch ihrer verstorbenen Mutter zu erfüllen. Ein großartiger Abschluss- und Debütfilm, dem hoffentlich noch viele weitere ähnliche Werke folgen werden.

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Haus ohne Dach

Länge: 117 min

Kategorie: Drama

Start: 31.08.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

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Haus ohne Dach

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 117 min
Kategorie: Drama
Start: 31.08.2017

Bewertung Film: (7,5/10)

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