cinetastic.de - Living in the Cinema

Der Stern von Indien

Geschrieben von Frank Schmidke am 25. Juli 2017

Das Ende der britischen Kolonialzeit hat nicht nur im Nahen Osten, sondern auch auf dem indischen Subkontinent zu einigen Konflikten geführt. Der epische Historienfilm „Der Stern von Indien“ widmet sich jenen letzten Wochen britischer Herrschaft im Jahr 1947, in denen unter der Regentschaft von Lord Mountbatten über die Zukunft Indiens entschieden wurde. Regisseurin Gurinder Chadha schildert die Ereignisse als vergleichsweise leichtes Drama, das mehr zu bieten hat als nur großartige Ausstattung.

Als im März 1947 Lord Louis Mountbatten (Hugh Bonneville) zusammen mit seiner Frau Edwina (Gillian Anderson) und seiner Tochter nach Indien reist, ist es seine Aufgabe, Indien so schnell wie möglich in die Unabhängigkeit zu entlassen. Doch diese Aufgabe ist beileibe nicht so einfach zu erledigen, wie der angesehene Kriegsheld und Verwandte der Queen zuversichtlich gehofft hatte. Die Angst der muslimischen Minderheit, von der Hindu-Mehrheit unterdrückt zu werden, äußert sich immer stärker in der Forderung nach einem eigenen Staat. Federführend dabei ist der muslimische Politiker Muhammad Ali Jinnah (Denzil Smith), während sich Ghandi (Neraj Kabi)) und Neru (Tanver Ghani) wie fast alle indischen Hindus gegen eine Teilung des Subkontinents aussprechen. Die Fronten scheinen verhärtet, Verhandlungen nicht möglich und Mountbatten beauftragt einen Kartografen, die Gebiete mit muslimischer Mehrheit von den hinduistischen abzugrenzen.

Doch auch innerhalb des Palastes des Vizekönigs, der immerhin eine Gefolgschaft von rund 500 Menschen und ihre Familien beherbergt, spitzen sich die Konflikte zwischen Moslems und Hindus zu. Das muss auch der junge Polizist Jeet Kumar (Manish Dayal) feststellen, der seit Mountbattens Ankunft zu dessen Dienern zählt. Völlig überraschend trifft Jeet im Palast auf die Muslima Aalia (Huma Qureshi), die aus demselben Dorf im Punjab stammt und deren Vater dort im Gefängnis saß, wo Jeet seinen Dienst absolvierte. Doch Aalia weicht dem jungen Verehrer aus.

Nachdem das Churchill zugeschriebene Zitat, dass „Geschichte immer von den Siegern gemacht wird“, das Historienepos eröffnet, wird Churchills Rolle bei der Teilung Indiens später selbst noch zum Gegenstand der Handlung. Regisseurin Gurinder Chadra, die zwar in England aufgewachsen ist, aber deren Familie selbst aus dem Punjab stammt, also jener Region Indiens, die direkt von der Teilung in Indien und Pakistan betroffen war und ist, hat sich bereits mehrfach auf filmische Weise mit ihrem indischen Erbe befasst („Kick it Like Beckham“, „Liebe lieber Indisch“), nun aber erstmals dramatisch historisch. Und es gelingt der Geschichte, die für Indien schicksalhaften Wochen vom März bis zum August 1947 lebendig werden zu lassen und zugleich persönliche Geschichten zu erzählen. Dabei bekommt man im Lauf des Films immer stärker das Gefühl, es habe in dieser Situation entgegen Churchills Zitat, eigentlich überhaupt keine Sieger gegeben, sondern nur Verlierer.

Um die historische Begebenheit für ein breites Publikum erlebbar zu machen, erzählt auch „Der Stern von Indien“ wie so viele vergleichbare Historische Filme persönliche Geschichten. Das Drehbuch von Chadra und ihrem Ehemann Paul Majeda Berges stellt dabei die Beziehung der Mountbattens der des jungen indischen Liebespaares gegenüber, das versucht die religiösen Schranken zu überwinden. Das ist dramaturgisch nicht gerade originell, funktioniert aber, um die Konflikte der Zeit zu thematisieren. Ein wenig mutet die parallele Darstellung der Welt des Vizekönigs und die der indischen Bediensteten allerdings auch immer an wie die Figurenkonstellation in der Erfolgsserie „Downton Abbey“, in der Hugh Bonneville ebenfalls brillieren konnte. In der hervorragenden Darsteller-Riege sticht allein Gillian Anderson („Akte X“, „Bleak House“) mit ihren pointierten Bemerkungen und ihrem ernsthaften Bemühen um kulturelle Verständigung heraus.

Mit der dramaturgischen Konstellation geht allerdings auch eine Leichtigkeit in der Erzählung einher, die mitunter ein wenig mehr Ecken und Kanten hätte gebrauchen können. Dafür allerdings gleicht das Drama dies mit opulenten Bildern und zum Teil recht hintersinnigem Humor wieder aus. Die Kameraführung von Ben Smithard („Belle“, „Best Exotic Marigold Hotel 2“) gönnt sich imposante, ausgedehnte Fahrten durch das beeindruckende koloniale Gebäude des Palastes. Edwina Mountbatten äußert an einer Stelle des Films, der Buckingham Palast nähme sich dagegen aus wie ein Bungalow. Auch die Musik, die von dem Oscar-prämierten Komponisten A.R. Rahman („Slumdog Millionaire“) stammt, fügt sich in dieses historische Drama, dem es gelingt, sowohl die englischen als auch die indischen Befindlichkeiten nachvollziehbar zu machen. Und mit einem Hoffest der Angestellten des Palastes hält musikalisch sogar ein bisschen Bollywood Einzug in „Der Stern von Indien“.

Gurinder Chadhas historisches Drama „Der Stern von Indien“ überzeugt trotz einer etwas absehbar angelegten Lovestory und eines eher lockeren Erzähltones. Dafür sorgen nicht nur die exzellente Ausstattung und die tolle Kameraarbeit, sondern auch die vielen gut recherchierten historischen Details.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Tobis

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 106 Minuten

Kategorie: Biography, Drama. History

Start: 10.08.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Der Stern von Indien

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 106 Minuten
Kategorie: Biography, Drama. History
Start: 10.08.2017

Bewertung Film: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten