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The Party

Geschrieben von Peter Gutting am 2. Juni 2017

The Party

Wenn in einem Film eine Pistole auftaucht, dann wird sie irgendwann auch abgefeuert. So lautet eine alte Kino-Weisheit. In Sally Potters neuem Werk zielt die Waffe gleich in der ersten Einstellung direkt auf den Zuschauer. Und doch bleibt am Ende unklar, ob die zielende Hand wirklich abdrückt. Das ist nicht die einzige Variation der gängigen Erzählmuster. Im Gewand einer Boulevardkomödie ballert die bekennende Linke und Feministin mit bissigen Salven auf das linksliberale Establishment nur so um sich. Sogar selbst ernannte „Postpostfeministinnen“ bekommen ihr Fett ab.

The PartyJanet (Kristin Scott Thomas) feiert den bisherigen Höhepunkt ihrer Politikerkarriere. Gerade wurde sie im Schattenkabinett einer nicht genannten, aber offensichtlich linken Partei zur möglichen Gesundheitsministerin gekürt. Zum Abendessen im kleinen Kreis kommen ihre engsten Mitstreiter und deren Partner. Zynikerin April (Patricia Clarkson) bringt den Esoteriker Gottfried (Bruno Ganz) mit. Die lesbische Gender-Professorin Martha (Cherry Jones) hat ihre schwangere Freundin Jinny (Emily Mortimer) im Schlepptau. Nur Janets wichtigste Mitarbeiterin Marianne lässt auf sich warten. Aber sie schickt schon mal ihren Mann, den koksenden Investmentbanker Tom (Cillian Murphy), in die Schlacht am verbrannten Büffet.

Die traurigste Figur gibt Janets Mann Bill (Timothy Spall) ab. Der altlinke Professor hängt apathisch im Sessel, klammert sich mit letzter Kraft ans Rotweinglas und an seine Plattensammlung. Der Hohepriester der Depression schafft es gerade noch, die Nadel auf die Blues-LP zu legen, gespenstisch verzerrt im Weitwinkelobjekt der Kamera. Schon die ersten Kostproben von Timothy Spalls düsterer Performance lassen ahnen: Diese eng getakteten 71 Minuten werden nur für den Zuschauer lustig werden.

The PartyIn Schwarz und Weiß sind die fein choreografierten Gruppenszenen gestaltet. Die Ästhetik gönnt der weißen Fassade der linken Schickeria und ihren dunklen Abgründen keine Farbtupfer. Was als Fest gedacht war, muss als Trauerfeier enden – soviel ist sicher. Insofern ruft das unumkehrbare Zerbröseln des gutbürgerlichen Anstands Erinnerungen an Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels“ wach. Doch ist die Fallhöhe im Werk der Britin nicht so hoch wie in dem ihres polnischen Kollegen. Schon zu Beginn waten manche Figuren als lebende Wracks durch den Beziehungsmatsch. Da kann die Abwärtsspirale aus Betrug, Eifersucht und Hass gar nicht mehr allzu tief in den Abgrund führen.

Die Stärke von „The Party“ liegt daher nicht in der Dynamik eines aus dem Ruder laufenden Festes. Sondern in den messerscharfen Dialogen, die die Widersprüche des linken Establishments aufs Korn nehmen: die Diskrepanzen zwischen Ehrgeiz und Moral, hohen politischen Ansprüchen und kläglichem privaten Versagen. In einer glänzenden Ensembleleistung steigert sich das internationale Staraufgebot zu kabarettreifen Einlagen.

The PartyDoch die Farce will ihre tragischen Momente keineswegs loswerden. Immerhin schrieb Sally Potter die erste Drehbuchfassung nach eigenem Bekenntnis aus Enttäuschung über den Anpassungskurs der Linken bei der letzten britischen Parlamentswahl, als Tories und Labour sich ihrer Auffassung nach bis zur Unkenntlichkeit einander annäherten. Mittlerweile hat das Brexit-Votum die alten Fronten längst wiederhergestellt. Weshalb der Film sich auch nicht wirklich entscheidet, ob er nun mit den Figuren lacht oder über sie. Manch ein Schlagabtausch gerät zur puren Satire, aber in den wenigen leisen Augenblicken scheint so etwas wie Empathie auf. Allerdings sind die Charaktere zu schablonenhaft gezeichnet, um wirklich mit ihnen mitfühlen zu können. Auch das hat Polanski im „Gott des Gemetzels“ subtiler hingekriegt.

Unterm Strich bietet „The Party“ viele schöne Einzelszenen und einige unvergessliche Dialoge. Weniger klar wird, aus welcher Haltung heraus Sally Potter ihre Zeit- und Weggenossen auf die Schippe nimmt. In der Spannbreite von Selbstironie bis Sarkasmus ist eigentlich nur eines klar: Zumindest mit Worten darf scharf geschossen werden.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Weltkino, Sally Potter

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The Party

Länge: 71 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 27.07.2017

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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The Party

The Party

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 71 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 27.07.2017

Bewertung Film: (6,5/10)

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