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Innen Leben

Geschrieben von Frank Schmidke am 2. Juni 2017

Der westeuropäische Kinozuschauer kann sich nur schwerlich vorstellen, wie es ist, in einem Kriegsgebiet zu leben. Immerhin hat es hier seit Ende des Zweiten Weltkrieges keine Konflikte mehr gegeben. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Kammerspiel, macht „Innen Leben“ des belgischen Regisseurs Philippe van Leeuw nun auf eindringlichste Weise deutlich, wie das alltägliche Leben von Menschen in Kriegsgebieten eingeschränkt wird. Zwar ist das intensive und beklemmende Drama mit dem Originaltitel „Insyriated“ eindeutig im aktuellen Syrien angesiedelt, aber die Antikriegs-Botschaft lässt sich ohne weiteres auf alle Krisengebiete anwenden. Bei der Berlinale 2017 gab es dafür den Publikumspreis in der Sektion Panorama.

Der alte Mann sitzt kettenrauchend und schweigend auf dem Sofa, während draußen hinter verschlossenen Vorhängen der Tag anbricht. In einem Nachbarraum macht das junge Paar Halima und Samir Pläne, mit dem Baby aus der Stadt wegzugehen. Der Kontakt mit einem französischen Journalisten ist hergestellt und Samir soll ihn heute treffen. Haushaltshilfe Delhani lässt den jungen Mann aus der Wohnung und verriegelt die Tür wieder mit breiten Balken. Als sie anschließend wieder in die Küche geht, beobachtet sie, wie Samir beim Überqueren des Hofes von einem Scharfschützen getroffen wird. Samir bleibt regungslos halb versteckt hinter einem Schutthaufen liegen.

Bestürzt weckt Delhani die Mutter des Haushaltes, Oum Yazan (Hiam Abass), die mir ihrem jüngsten Sohn noch geschlafen hat. Oum beschließt, Halima zu verschweigen, dass ihr Mann im Hof liegt. Schließlich wisse niemand, ob der Scharfschütze noch da sei. Das mache es zu gefährlich nach Samir zu sehen. Am besten sei es, den Tag so normal wie möglich anzugehen und die Leiche erst im Schutz der Dunkelheit zu bergen. Aber was ist in diesen Tagen, die von Gefechten und Fliegerbomben bestimmt werden und die Menschen in ihren Wohnungen gefangen halten, schon normal? Es gibt kein fließendes Wasser, die Energieversorgung funktioniert nur sporadisch, Soldaten versuchen Menschen in Sicherheit zu bringen und Plünderer durchforsten die zerbombte Nachbarschaft.

Regisseur Phillippe Van Leeuw nimmt sich Zeit, sein beklemmendes Szenario aufzubauen, und bis der Zuschauer realisiert, dass all die Menschen im Film zwangsweise in ein und derselben Wohnung leben, sind die grundlegenden Herausforderungen des Überlebens und des Zusammenlebens quasi im Vorbeigehen skizziert. Das ist filmisch sehr stark inszeniert und man merkt den eindrücklichen Kamerafahrten und Perspektiven von Virginie Surdej („Much Loved“) an, dass der Regisseur selbst auch ein gefragter Kameramann ist. Das macht „Innen Leben“ technisch zu einem sehr intensiven und höchst beklemmenden Kinoereignis.

Die Beklemmung wird von einer großartigen Besetzung um die in Israel geborene Grand Dame Hiam Abass („Lemon Tree“, „Ein Sommer in New York“) mit viel Realismus zu einem Höchstmaß an Dramatik gesteigert. Die Hausherrin Oum Yazan versucht, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ihre Familie zu schützen und den Kindern eine gewohnte Alltäglichkeit zu gewährleisten. Was unter den äußeren Umständen, mitten in einem Kriegsgebiet zu leben,  schier unmöglich ist. Es sind nicht nur die Kinder, die geschützt werden wollen, sondern auch der Schwiegervater, die Haushaltshilfe und das junge Nachbarspaar mit dem Baby.

Das zum Teil zerstörte Mehrfamilienhaus ist ansonsten verlassen, Ausgang unmöglich und jedes Geräusch außerhalb der scheinbaren Sicherheit der Wohnung zeugt von einer latenten Bedrohung. In dieser Situation, die Oum ohne ihren Mann, der bei der Arbeit von einem Fliegerangriff überrascht wurde und dort (wahrscheinlich) festsitzt, meistern muss, sind Freund und Feind nur schwer auseinanderzuhalten. Und letztlich zerrütten alle Konfliktparteien das Leben der einfachen Menschen, denen nichts anderes übrig bleibt, als zu überleben versuchen.

Das Szenario auf dem eng umrissenen Raum der Wohnung hat zunächst auch etwas Kammerspielartiges in der Darstellung, aber die psychologische Spannung der Situation lässt keine Zweifel zu, dass es in „Innen Leben“ nicht vorrangig um die Inszenierung geht, sondern um die von Menschen gemachte Unmenschlichkeit der Situation. Hier braucht es keine filmischen Effekte, um ein Horrorszenario real werden zu lassen.

„Innen Leben“ ist ein intensives, klaustrophobisches Drama, das durch den Syrien-Konflikt eine brennende Aktualität erhält, die am Ende auch symbolträchtig in Szene gesetzt wird. In seiner humanistischen Aussage und der Schilderung der absurd-gefährlichen Lebensumstände allerdings ist „Innen Leben“ universell gültig und ein extrem starkes Plädoyer gegen den Krieg.

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Copyright: Weltkino

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Länge: 85 Minuten

Kategorie: Drama

Start: 22.06.2017

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Innen Leben

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 85 Minuten
Kategorie: Drama
Start: 22.06.2017

Bewertung Film: (8/10)

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