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Die Geschichte der Liebe

Geschrieben von Frank Schmidke am 16. Juni 2017

In dem romantischen Drama „Die Geschichte der Liebe“ verwebt der rumänische Regisseur Radu Mihaileanu die Geschichten eines New Yorker Teenies und eines alten polnischen Juden mit Hilfe eines verschollen geglaubten Buches. Die prominent besetzte Romanze hat ihre starken Momente, allerdings kann die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nicole Krauss nicht über die gesamte Länge überzeugen.

Der alte, im Zweiten Weltkrieg aus Polen geflüchtete Jude Leo Gurzky (Derek Jacobi) trauert in der Gegenwart noch immer seiner großen Liebe Alma Mereminsky (Gemma Arterton) nach. Allerdings geht ihm sein Jugendfreund Bruno Leibovich (Elliot Gould), der direkt über Leos schäbiger Wohnung lebt und ebenso wie der gemeinsame Freund Zvi als junger Mann in Alma verliebt war, gehörig auf den Senkel. Die beiden allein lebenden Zausel zanken sich wie ein altes Ehepaar. Eines Tages beschließt Leo einer Zeichenklasse Modell zu sitzen. In der Klasse ist auch die 15-jährige Alma Singer (Sophie Nélisse), die sich nicht nur mit der Pubertät herumschlägt, sondern auch mit ihrer eigenwilligen Familie. Ihr junger Bruder hat einen Messias-Komplex und ihre Mutter, die als Literaturübersetzerin arbeitet, verbringt seit dem Tod von Almas Vater vor einigen Jahren recht viel Zeit lesend im Bett.

Leo schaut annähernd täglich in dem Buchladen in seiner Nachbarschaft vorbei und fragt nach einem Buch, dessen Titel „Die Geschichte der Liebe“ heißt. Doch das Buch ist – zumindest in Amerika – nie erschienen. Allerdings hat Almas Mutter das Buch auf Spanisch gelesen und daraufhin ihre Tochter nach der Hauptfigur benannt. Dann schneit eines Tages der hochdotierte Übersetzungsauftrag für eben jenes Buch im Hause Singer ein und es scheint, als hätte Alma endlich den passenden Mann für ihre Mutter gefunden.

Gleichzeitig taucht Leo immer weiter in seine Erinnerungen ab, denn er hat „Die Geschichte der Liebe“ als junger Mann (Mark Rendall) für seine große Liebe Alma geschrieben. Als der Krieg dem polnischen Städel zu nahe kommt, schickt Almas Vater die junge Frau nach Amerika und diese ringt Leo, den sie von den drei Freunden bevorzugt, das Versprechen ab, ihr ein Buch zu schreiben. Doch im Krieg geht der Kontakt verloren und Leo vertraut das Manuskript Zvi an, der nach Chile flieht.

Von Beginn an hat man als Zuschauer von „Die Geschichte der Liebe“ das Gefühl, der Roman muss einen richtiger Schmöker sein, der von Autorin Nicole Krauss kunstvoll und mit vielen Anspielungen komponiert worden ist. Allerdings gelingt es Radu Mihaileanu („Zug des Lebens“, „Das Konzert“), der nicht nur Regie führte, sondern auch die Drehbuchadaption schrieb, nicht, die komplexe auf mehreren Zeitebenen spielende Handlung auch auf der Leinwand so zu verdichten, dass das romantische Drama ein ungetrübter Genuss ist.

Mit 144 Minuten ist „Die Geschichte der Liebe“ zwar recht lang ausgefallen, aber es gibt auch einiges zu erzählen und wenn man erst einmal in die Struktur der Geschichte hineingefunden hat, entwickelt sich durchaus ein erzählerischer Sog. Und die kunstvoll gefilmte Auftaktsequenz, die von einem melancholischen polnischen Dorfstillleben bis zu einem versteckten Kuss reicht, macht Lust auf mehr.

Die granteligen alten Männer, die sich im englischen Original in wunderbarem Jiddisch gegenseitig beschimpfen, sind allerdings keine ausgesprochenen Sympathieträger. Ihr scheinbar infantiles Gehabe, wirkt bisweilen etwas aufgesetzt, so grandios Jacobi und Gould auch spielen. Ebenso kommt einem die junge Alma Singer bisweilen etwas altklug vor. Das mag der Verkürzung geschuldet sein, die einer Romanadaption innewohnt, es mag aber auch grundsätzlich an den Charakteren liegen. Die mangelnde Identifikationsmöglichkeit ist dem mainstream-tauglichen Drama jedenfalls nicht eben zuträglich.

Mainstream-tauglich ist die Geschichte insofern, als dass die Verfolgung der osteuropäischen Juden durch die Deutschen hier nur angedeutet wird. Im ganzen Film gibt es nur eine Szene, in der ein deutscher Soldat zu sehen ist. Zudem muss man in „Die Geschichte der Liebe“ keine dramatischen Zerrüttungen erwarten. Der Schwerpunkt von Nicole Krauss‘ Geschichte liegt eindeutig auf der fantastischen Liebesgeschichte und der Odyssee, die Leos Roman selbst macht. Das ist, so gesehen, auch ein wenig verharmlosend.

Vielleicht steht „Die Geschichte der Leibe“ für einen bestimmten Typus jüngerer amerikanischer Literatur, der generationenübergreifende Handlungsstränge durch historische Ereignisse zusammenführt, immer auch literarische Bezüge hat und dabei zugleich von Kindern und Großeltern erzählt, die mittlere Generation aber im Wesentlichen auslässt. Während des Film fühlte ich mich ein ums andere Mal durchaus an Stephen Daldrys Verfilmung von „Extrem laut und unglaublich nah“ erinnert. Erst später ergaben Recherchen, dass Jonathan Safran Foers Roman quasi zeitgleich mit „Die Geschichte der Liebe“ erschien und die beiden Autoren kurz zuvor geheiratet hatten.

Aber zurück zu Mihaileanus „Die Geschichte der Liebe“: Das Hauptproblem des Films ist tatsächlich seine Erzählstruktur, denn nicht nur springt die Handlung von der jungen Alma Singer zum alten Leo Gursky, sondern auch noch von der Gegenwart in die rund siebzig Jahre zurückliegende Vergangenheit. Allerdings bleibt die Vergangenheit nicht stehen, sondern nähert sich in ausgewählten Stationen der Gegenwart an, was für zusätzliche Irritation sorgt. Wer nicht konzentriert zuschaut, kann des Öfteren die chronologische Orientierung verlieren, denn auch die Orte de Handlung springen wild durcheinander. Am besten erlebt man „Die Geschichte der Liebe“, wenn man der situativen, inneren Logik von Leos Erinnerungen folgt. Der Rest wird dann schon klar.

Mit der Literaturverfilmung „Die Geschichte der Liebe“ legt der rumänische Regisseur Radu Mihaileanu ein ambitioniertes romantisches Drama vor. Allerdings gelingt es nicht immer, die komplexe Struktur von Nicole Krauss´ Roman packend umzusetzen. Unterm Strich bleibt eine wechselvolle Familiengeschichte und eine leidlich leidenschaftliche Liebe zur meistgeliebten Frau der Welt. Etwas mehr Passion hätte nicht geschadet.

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Copyright: Prokino

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Die Geschichte der Liebe

Länge: 144 Minuten

Kategorie: Drama, Romance

Start: 20.07.2017

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Die Geschichte der Liebe

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 144 Minuten
Kategorie: Drama, Romance
Start: 20.07.2017

Bewertung Film: (6/10)

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