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Song To Song

Geschrieben von Frank Schmidke am 17. Mai 2017

Der amerikanische Filmemacher Terence Malik entwickelt im Alter einen wahren Schaffensdrang. Dabei hat Malik eine ganz eigene Art filmischen Erzählens kultiviert, die weniger linear und handlungsbasiert ist, als vielmehr intuitiv und emotional um Kernthemen kreist. Darin macht auch sein  neues Werk „Song to Song“ keine Ausnahme und reiht sich mit der hochkarätigen Besetzung aus Hollywoodstars nahtlos ins Spätwerk des Regisseurs ein. Dieses Mal sind die Figuren in der Musikbranche unterwegs.

Die Art und Weise, wie Terence Malik seine Filmgeschichten erzählt, wirft den Zuschauer mitten hinein  in das emotionale Hier und Jetzt seiner Charaktere. Diese reden zumeist aus dem Off auf das Publikum ein, als lägen sie beim Psychoanalytiker auf der Couch.  Namen spielen dabei keine Rolle, auch wenn uns die Hintergrundinfos nahelegen, dass die Figuren durchaus welche haben. In „Song To Song“  wird, wenn ich aufmerksam genug war, niemand je mit Namen erwähnt. Auch das schon ein Statement, das davon zeugt, wie sehr es sich bei den Figuren auch um exemplarische Typen handelt.

Aber worum geht es überhaupt in „Song To Song“? Die junge Songwriterin Faye (Rooney Mara) träumt von einer  Musikerkarriere. Als sie in Austin, Texas den schillernden und erfolgreichen Musikproduzenten Cook (Michael Fassbinder) kennenlernt, scheint der erste Karriereschritt gemacht zu sein. Cook ist fasziniert von der jungen Musikerin. Auch der ambitionierte Musiker BV (Ryan Gosling) findet  bei Cook einen aufgeschlossenen Produzenten, der sein Album realisieren will. Faye und BV lernen sich kennen und sind sich gleich mehr als nur sympathisch. Zwischen den beiden Männern und der Frau beginnt eine diffuse Freundschaft zwischen Erotik und Karriere. Doch Cook  hat mit der jungen Kellnerin Rhonda (Natalie Portman) noch ein weiteres Eisen im Feuer.

Sowohl formal als auch inhaltlich schließt „Song to Song“ nahtlos an die letzten Spielfilme von Terence Malick an, wer also damit nichts anfangen konnte, wird auch mit „Song To Song“ seine Probleme haben. Letztlich ist aber eben diese Malick-typische Machart von „Song to Song“ auch das Manko des Dramas, denn die Formalien und stilistischen Gemeinsamkeiten zu Malicks letzten drei Spielfilmen  sind derart groß, dass man auch argumentieren könnte, der Filmemacher würde sich wiederholen und denselben Film einfach nur mit anderen Darstellern variieren.

Nachdem der Regisseur in „Knight of Cups“ das Filmgeschäft als Tapete für seine Figuren nutzte, bildet dieses Mal die Musikindustrie den Backdrop für das freie Tanzen der Charaktere. Die jungen Künstler wirken dabei mit ihrer Unschuld und ihrem künstlerischen Lebensansatz, sich quasi von „Lied zu Lied“ treiben zu lassen, sehr stark wie Archetypen, die dem jungschen Psychoanalyse-Arsenal entsprungen sein könnten. Der Musikproduzent kontrastiert diese Unbedarftheit, steht sozusagen für das kapitalistisch Böse, das die Kunst korrumpiert. Indem er die Energie der jungen Leute aufsaugt und als Lebenselixier – quasi als Droge – konsumiert, wächst, den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie folgend, gleichzeitig sein Einfluss, seine Machtposition und seine Attraktivität auf andere junge ambitionierte angehende Musiker. So wie die Kellnerin Rhonda, die niemals über Ruhm nachgedacht hat, bis ihr Cook, alles andere als uneigennützig,  diesen Floh ins Ohr setzt. Das ist freilich nicht vom Kennenlernen an klar, sondern zeigt sich mit dem Fortlauf der Beziehungen und der Karriere.

Der von Michael Fassbinder mit ebenso selbstbewusster wie rauschhafter  Persönlichkeit ausgestattete Cook schillert diabolisch und faszinierend über die Leinwand, hat man sein Treiben allerdings erst einmal durchschaut, verblasst auch die Faszination der Figur. Aber im intuitiven Erzählfluss von Malicks Drama ist das auch so gewollt. Der Autorenfilmer, der seine Hollywood-Stars gerne mal mit kargen Informationen vor der Kamera improvisieren lässt, findet aber durchaus einen interessanten Weg, die Beziehungen der Charaktere zueinander zu entwickeln. Die spärlichen Kommentare aus dem Off stammen vornehmlich von den beiden weiblichen Figuren und bilden so etwas wie einen Bewusstseinsstrom, der nicht immer direkt mit dem Leinwandgeschehen korrespondieren muss, aber letztlich eine inhaltliche Klammer darstellt.

Das was James Joyce mit dem literarischen Stilmittel in „Ulysses“ erreicht hat, versucht Malick auf die Leinwand zu bringen und großteils gelingt das wirklich imposant. Dazu trägt auch die wahnwitzige Kameraarbeit von Emanuel Lubezki („Gravity“, „The Revenant“) bei, der auch schon bei den letzten Filmen Malicks für die Bilder zuständig war. Sehr häufig rückt die Kamera den Figuren derart nahe auf die Pelle, dass sie den Intimbereich der Charaktere deutlich verletzt. Dazu kommen diverse Perspektiv-Spielereien, die in dieser Art des filmischen Erzählens durchaus ihre Berechtigung haben, um emotionale Zustände zu visualisieren.

Das Innenleben der Musikbranche wird bei diesem sehr subjektiv von der Wahrnehmung der Charaktere abhängigen Erzählen erstaunlicherweise auch sehr gut und detailliert nach außen gekehrt. Dazu gehören auch die scheinbar belanglosen Outfits der Musiker und vor allem die Festival-Szenen. Denn viele Szenen wurden im Backstage-Bereich eines Rockfestivals gefilmt und viele bekannte Musiker sind in kleinen Gastauftritten zu sehen. Patti Smith führt sogar angeregte Unterhaltungen mit Rooney Mara, also Faye, und erzählt von ihrer Karriere und ihrer Ehe.

Das alles fügt sich ganz wunderbar in die Stimmung des Films, die ja eben jenes sich-treiben-Lassen sichtbar machen will, das nicht nur ein Lebenskonzept ist, sondern auch die besondere Note eines jeden Musikfestivals. Leider aber kommt von der Musik erstaunlich wenig beim Kinozuschauer an, weil die Off-Kommentare in der Soundmischung deutlich den Schwerpunkt bilden, die Musik in den Hintergrund gemischt ist und so das Gefühl entsteht, man habe Watte in den Ohren.  Das ist insofern etwas misslich, weil der Soundtrack zu „Song to Song“ wirklich großartig ausgefallen ist.

Die Art und Weise, wie Terence Malick „To the Wonder“, „Knight of Coups“ und “Song To Song” gedreht hat (und eigentlich auch schon “Tree of Life”), ist in der derzeitigen Filmlandschaft ziemlich einzigartig. Darauf muss man sich als Zuschauer einlassen, um die Schönheit dieser  Momentaufnahmen zu erfassen. Ansonsten bleibt Malicks filmisches Spätwerk ein pathetisch esoterischer Grabbeltisch.  

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Copyright: Studiocanal

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Länge: 129 Minuten

Kategorie: Drama

Start: 25.05.2017

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Song To Song

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 129 Minuten
Kategorie: Drama
Start: 25.05.2017

Bewertung Film: (7/10)

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