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Ich wünsche dir ein schönes Leben

Geschrieben von Frank Schmidke am 19. Mai 2017

Es kommt wohl in jedem Leben der Zeitpunkt, wo die eigene Herkunft von Interesse ist. Für die Physiotherapeutin Elisa ist dies momentan die Suche nach der leiblichen Mutter. Mit ihrem zweiten Spielfilm seziert die französische Autorenfilmerin Ounie Lecomte die emotionalen und psychologischen Befindlichkeiten einer adoptierten Frau. „Ich wünsche dir ein schönes Leben“ ist  sehr nuanciert und differenziert, hat aber auch seine Hürden zu überwinden.

Elisa (Céline Sallette) sitzt in der Adoptionsstelle in Dünkirchen, die sie vor mehr als dreißig Jahren vermittelt hat, und ist außer sich. Sie kann und will nicht glauben, dass ihre leibliche Mutter ihre Identität noch immer verweigert. Aber die Rechtslage ist klar: Die Adoption war anonym und die leibliche Mutter will auch jetzt keinen Kontakt zu ihrem Kind.

Kurzentschlossen zieht Elisa mit ihrem zehnjährigen Sohn Noé für einige Zeit nach Dünkirchen, arbeitet als Aushilfe in einer Praxis und macht sich allein auf die Suche. Doch alle Türen bleiben verschlossen und Elise kann nur auf den Zufall hoffen. Während die Physiotherapeutin sehr mit sich selbst beschäftigt ist, denn sie will sich gerade von ihrem Mann trennen, obwohl sie zum zweiten Mal schwanger ist, hat Sohn Noé aufgrund seines ausländischen Aussehens – und weil er neu ist – in der Schule einiges auszustehen. Da ist es nicht eben hilfreich, dass ausgerechnet das Faktotum der Schule, Anette, ihm zur Seite springt.

Anette (Anne Benoît) ist eine allein lebende, zurückhaltende, ja scheue ältere Frau, deren Leben ohne große Höhepunkte verläuft. Abgesehen von dem Job in der Schulkantine und als Putzfrau kümmert sie sich um ihre resolute Mutter, die nebenan wohnt, und wird von ihrem Bruder gegängelt, der ein Café in der Stadt betreibt. Als sie erfährt, dass Noés Mutter Physiotherapeutin ist, beginnt sie, sich wegen Verspannungen behandeln zu lassen.

In „Ich wünsche dir ein schönes Leben“ wird lange nicht erwähnt, ob es sich bei Anette tatsächlich um Elisas leibliche Mutter handelt, dennoch legt die parallele Beobachtung der beiden Frauen dieses Verhältnis nahe. Als Zuschauer geht man unterbewusst von dieser filmischen Prämisse aus und betrachtet das Verhalten von Mutter und Tochter, die sich fremd sind und sich auch lange Zeit nicht zu erkennen scheinen, schon durch eine Brille aus entsprechenden Vorurteilen. Das macht es nicht eben einfacher, sich mit den Charakteren zu identifizieren.

Je weiter sich der ruhige Film entfaltet, desto besser versteht man die Lebensumstände und damit auch die Beweggründe von Anette und Elisa. Das ist sowohl sehr subtil beobachtet, als auch von den Schauspierlinnen großartig auf den Punkt gebracht. Kamerafrau Caroline Champetier („Holy Motors“, „Hannah Arendt“) arbeitet bewusst mit viel Unschärfe, zoomt sich quasi in die Szenen herein und erzeugt dadurch eine ungewöhnliche Nähe zu den Figuren.

Ein sehr starker filmischer Aspekt in „Ich wünsche dir ein schönes Leben“ ist die Körperlichkeit, die der Film ausstrahlt. Allein durch Elisas Beruf als Physiotherapeutin ergibt sich für die Kamera oft und ausgiebig Gelegenheit, Körper und Berührungen zu inszenieren. Wenn sich dann Tochter und vermeintliche Mutter körperlich so nahe sind, ohne um einander zu wissen, entwickelt der Film  eine ziemlich große emotionale Spannung, das allein wägt schon etliche der eher belanglosen Allerweltszenen auf, in denen der Alltag der beiden Frauen dargestellt wird.

Filmmacherin Ounie Lecomte wählte bereits für ihren ersten Langfilm „Ein ganz neues Leben“ (2009) autobiografische Aspekte und auch in „Ich wünsche dir ein schönes Leben“ findet sich die Tatsache wieder, dass auch Lecomte bei Adoptiveltern aufgewachsen ist. Das wirkt so ein bisschen wie therapeutisches Filmemachen und eventuell mag das auch das eigenmächtige Suchen Elisas erklären, die die aktuelle Entscheidung ihrer Mutter, unbekannt zu bleiben, einfach nicht akzeptieren will und/oder kann. Darin klingt auch immer das Projizieren eigener Probleme und Zweifel auf die Mutter an. Dass die jüngere Frau dabei eindeutig Grenzen verletzt und den Lebensentwurf der Älteren komplett in Frage stellt, ist emotional nachvollziehbar, zeigt aber auch die Berechtigung eines entsprechenden Schutzes von Müttern, die, aus welchen Gründen auch immer, ihre Kinder zur Adoption freigeben.

Auch wenn Elise und ihre Suche im Zentrum des Films stehen, ist es dem Drama recht gut gelungen, auch den Befindlichkeiten der Mutter Rechnung zu tragen. Gerade dies macht das Drama sehenswert. 

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Ich wünsche dir ein schönes Leben

Länge: 100 Minuten

Kategorie: Drama

Start: 15.06.2017

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Info

Ich wünsche dir ein schönes Leben

Ich wünsche dir ein schönes Leben

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 100 Minuten
Kategorie: Drama
Start: 15.06.2017

Bewertung Film: (6,5/10)

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