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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Geschrieben von Peter Gutting am 21. April 2017

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Man kann über die ehemalige DDR wunderbare Komödien wie „Good bye Lenin“ drehen. Oder man fokussiert wie „Das Leben der Anderen“ auf die Mechanismen des Überwachungsstaats. Nur wenige haben sich allerdings getraut, die ganze Widersprüchlichkeit des ostdeutschen Alltags vorurteilslos, auf Augenhöhe und mit einer Prise Humor einzufangen. Obwohl doch gerade der Realismus des Milieus und die Genauigkeit in der Figurenzeichnung dazu führen, dass die Geschichte eines historisch verorteten Lebens universelle Qualitäten gewinnt. Solche Vorzüge zeichnen die besten Momente der Romanverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ aus.

In Zeiten des abnehmenden LichtsWenn der Patriarch einer Familie runden Geburtstag feiert, ist das oft eine heikle Angelegenheit. Alles soll nett und adrett sein, das Tafelsilber geputzt und die Anzüge so glatt gebügelt wie die Zerwürfnisse, die im Hintergrund lauern. Wie so etwas im Kino ausgehen kann – dafür hat zum Beispiel der filmgeschichtliche Meilenstein „Das Fest“ von Thomas Vinterberg eine bislang unerreichte Vorlage geliefert. Auch der Film von Regisseur Matti Geschonneck und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase schlägt zunächst diesen Weg ein. Er beginnt am Morgen des Festtages mit Ankleiden, Telefonaten, ersten Besuchen. Dass die Menschen im Oktober des Jahres 1989 eigentlich ganz andere Sorgen haben, als einen starrsinnigen Stalinisten zu ehren, bleibt zunächst unter dem Teppich.

„Ein langes Leben für die Arbeiterklasse“ lautet die Schlagzeile auf Seite zwei des „Neuen Deutschland“. SED-Spitzenfunktionär Wilhelm Powileit (Bruno Ganz), der heute 90 wird, liest den Artikel nicht. Aber er schneidet ihn fein säuberlich aus und legt ihn in ein Kästchen. Dort ruhen neben zahlreichen Orden auch die Lobeshymnen zu seinen früheren Jubiläen. Viel Fantasie scheint das bewegte Schicksal des KDP-Mitbegründers den Journalisten allerdings nicht wert zu sein. „Ein Leben für die Arbeiterklasse“ hatte die Redaktion beim letzten Mal gedichtet. Nichtsdestotrotz rücken neben Stiefsohn Kurt (Sylvester Groth), dessen Schwiegertochter Melitta (Natalia Belitski) samt Urenkel auch ein Kinderchor, ein Gesandter der Partei und natürlich die „Brigade Wilhelm Powileit“ an. Nur der dringend benötigte Enkel Sascha (Alexander Fehling) lässt auf sich warten, obwohl er angeblich der einzige ist, der den großen Tisch für das Büffet aufbauen kann. Sein Fehlen deutet an, dass nicht nur die zerstrittene Familie des Jubilars in den letzten Zügen liegt. Sondern ein ganzer Staat.

In Zeiten des abnehmenden LichtsVon Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase stammen Sätze, die mit ihrem lakonischen Witz zu Klassikern wurden. Der Kommentar nach einem One-Night-Stand aus „Solo“ Sunny“ ist so einer. Mit „Is‘ ohne Frühstück“ scheucht die selbstbewusste Titelheldin den Liebhaber am Morgen aus der Wohnung. Und als der nicht spurt, schickt sie ein „Is‘ auch ohne Diskussion“ hinterher. Auch im aktuellen Film findet sich ein ähnlich wirkmächtiger Spruch. „Ziel ist, einen Ostkäse zu machen, der nach Westkäse schmeckt“, erklärt die Brigade Wilhelm Powileit stolz. Knapper kann man das Dilemma einer Epoche, in der die Arbeiterklasse vor ihrer angeblichen Partei gen Westen davonläuft, wohl kaum auf den Punkt bringen. Von der übertragenen Bedeutung des Wortes „Käse“ ganz zu schweigen.

Trotz solcher Spitzen zielt der kammerspielartige Film von Kohlhaase und Geschonneck nicht auf eine Abrechnung. Er folgt auch nicht der Eskalation von „Das Fest“. Mit seiner heiteren Melancholie erinnert er eher an ein Drama von Anton Tschechow. Menschen einer untergehenden Epoche klagen über ihr Leben, jeder für sich, in einem gemeinsamen Raum aber ohne wirklichen Dialog. Ein Stimmungsbild eher als eine zugespitzte Dramaturgie. Die Sehnsucht nach einem besseren Ort, die sich zur Reflexion über das Leben im Allgemeinen weitet. „Das ist nicht mein Leben, auch wenn es sich so abgespielt hat“, kommentiert Wilhelm die Lobrede des Parteifunktionärs. Wer könnte diesem Überschuss über die biografischen Fakten hinaus nicht zustimmen? Nicht von ungefähr wird das Ensemblestück von erfahrenen Theaterschauspielern getragen – neben den Genannten auch Hildegard Schmahl als Wilhelms Frau Charlotte sowie Angela Winkler als deren Freundin Stine und vor allem Evgenia Dodina als Wilhelms Schwiegertochter Irina.

In Zeiten des abnehmenden LichtsZuweilen wird der Film – und das ist sein Schwachpunkt – aber auch zur Geschichtsstunde. Kohlhaase und Geschonneck hatten den Ehrgeiz, neben der Geschichte dreier Generationen auch die eines ganzen Landes in einen einzigen Tag zu packen. Das führt dann dazu, das Themen wie der stalinistische Terror in ihrer Kürze wie aufgesagt wirken. In solchen Momenten reißt auch der humoristische Unterton, mit dem die Filmemacher ähnlich wie Tschechow ihre Figuren umschmeicheln.

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist über weite Strecken eine herrlich lakonische Betrachtung der Widersprüchlichkeit, in der sich gerade die Aufbau-Generation der DDR verfangen hatte. Die Momente, in denen der Film in eine Geschichtsstunde kippt, hätte man allerdings mühelos streichen können.

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Copyright: X-Verleih, Hannes Hubach

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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Länge: 100 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 01.06.2017

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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 100 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 01.06.2017

Bewertung Film: (7/10)

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