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Deportation Class

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 18. April 2017

Deportation Class

Nachdem der Terror auch bei uns in Deutschland angekommen ist und als Täter vereinzelnd Flüchtlinge mit negativem Asylbescheid identifiziert wurden, ist eine Debatte rund um den Prozess einer erfolgreichen Rückführung ins Heimatland entbrannt. Die beiden Regisseure  Carsten Rau und Hauke Wendler haben einer Massenabschiebung in den einzelnen Stadien beigewohnt und geben so einem recht formalen Prozess ein menschliches Erscheinungsbild.

Deportation ClassFür die meisten Menschen ist der Begriff der Abschiebung kaum mehr als ein leeres Wort, dass dahinter allerdings ein negativer Asylbescheid steckt, der zur sofortigen Ausreise verpflichtet, ist den wenigsten bekannt. Die beiden Filmemacher Carsten Rau und Hauke Wendler haben für ihre Dokumentation „Deportation Class“ einer Massenabschiebung von der ersten Planung bis hin zum Vollzug beigewohnt, was nicht nur ernüchternd, sondern zum Teil erschreckende Ausmaße einnehmen soll.

Im ersten Schritt der Planung wird dabei auf einen Teil jener Menschen eingegangen, die einen negativen Asylbescheid bekommen haben, die der Aufforderung das Land zu verlassen allerdings nicht nachgekommen sind. Der letzte Schritt ist nun eine Zwangsausweisung, wobei auch hier die staatlichen Behörden einen strikten Maßnahmenkatalog befolgen. Ist mit Gegenwehr zu rechnen? Befinden sich unter den betroffenen Individuen gewaltbereite Personen? Sind einige unter ihnen womöglich besonders medizinisch zu betreuen?

Deportation ClassWenn diese Fragen erst einmal beantwortet sind, klingelt ein Team von Polizisten um 3.30 Uhr an der Tür, woraufhin nach mehrmaligem Hämmern an der Tür und zahlreichen lautstarken Aufforderungen schließlich diese auch geöffnet wird. Die betroffenen Personen stehen schlaftrunken und in Unterwäsche auf dem Flur, was nun folgt ist eine kurze Diskussion und die Aufforderung, schnellstmöglich einige Sachen zusammen zu packen, denn der Bus wartet schon, um alle zum Flughafen Rostock-Laage zu bringen, wo eine Chartermaschine einen Direktflug nach Albanien antreten wird.

Das erschreckende ist dabei nicht die Uhrzeit, da man die Personen später womöglich nicht mehr antreffen würde, das erschreckende ist vielmehr das unmenschliche Verhalten, wie mit eben diesen Personen umgegangen wird. Der Grund für ihre Flucht erscheint egal, denn der rein formale Prozess wurde bereits erledigt, nun wird dieser nur noch ausgeführt. Am Beispiel der beiden Albaner Angjela und Elidor ist dies besonders erschreckend, denn deren Vater hat in einem Streit im Heimatland jemand anderes umgebracht, woraufhin dessen Familie Blutrache (für den Toten wird ein Familienmitglied des Täters ermordet…) schwor. Wo Blutrache bis vor einigen Jahren noch ein Grund für einen positiven Asylantrag war, ist auch dies inzwischen obsolet geworden, denn seitdem Albanien als sicheres Herkunftsland klassifiziert wurde, sollen sich betroffene Personen vielmehr an die örtliche Polizei werden.

Deportation ClassIn einem anderen Beispiel versucht Gezim seiner Familie ein besseres Leben zu bieten, denn wo er in Albanien keine Arbeit findet, kann man in Deutschland noch etwas erreichen. Die Kinder haben sich in der Schule integriert, sprechen Deutsch, sind auf dem besten Weg einen gewissen Bildungsstandart zu erreichen, da bricht über der Familie die Welt zusammen. Hier handelt es sich ganz ohne Frage um Wirtschaftsflüchtlinge, doch verdienen nicht auch diese ein gewisses Maß an Menschlichkeit?

Neben Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier kommen Lehrer zu Wort, Juristen und sogar Polizisten, die in diese Maßnahme involviert sind. „Abschiebungen sind nie leicht“ wird von einzelnen berichtet, wenn es sich dann noch um Familien handelt, ist es besonders schwer. Die Polizisten sehen ihre Aufgabe darin eine staatliche Zwangsmaßnahme zu vollziehen, für etwas mehr Fingerspitzengefühl scheint auch hier nur bedingt Spielraum zu sein.

Neben des rein menschlichen Aspektes stößt ein Vorfall dann aber besonders hart auf, was nicht nur fragwürdig erscheint, sondern auch noch jede Menge Luft nach oben lässt. Bei der eingangs erwähnten Abschiebung mitten in der Früh, sind die Polizisten ohne jedwede Dolmetscher erschienen. Der Vater konnte kein bzw. nur sehr schlecht Deutsch, die Tochter war auf Klassenfahrt, die eigentliche Situation konnte nicht erfolgreich vermittelt werden. Nur mit Hilfe einer Übersetzerin des Filmteams ist es schließlich gelungen die Abschiebung als solches zu verdeutlichen, was dann doch mehr als nur erschreckend ist.

Carsten Rau und Hauke Wendler schaffen es mit „Deportation Class“ auf deutliche Defizite bei der Abschiebung hinzuweisen. Hier ist weniger das menschliche Schicksal im Mittelpunkt, als vielmehr der staatliche formale Akt an sich, bei dem jedwede Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

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Copyright: Pier 53

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Deportation Class

Länge: 85 min

Kategorie: Documentary

Start: 01.06.2017

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Deportation Class

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 85 min
Kategorie: Documentary
Start: 01.06.2017

Bewertung Film: (8/10)

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